ZivilistInnen in der Ukraine: Weiße Weste, schwarzer Himmel
Eine russische Drohne verletzt den freiwilligen Helfer Edward Scott schwer. Er überlebt – ohne linken Arm und linkes Bein. Die Ukraine verlassen will er nicht.
Andere freiwillige Helfer:innen überlebten solche Attacken nicht. Ein Bericht der ukrainischen Menschenrechtsorganisation Zmina schildert mehrere Fälle. Vladyslav Zavtur und Andriy Studynskyi von der NGO „IBC Mavi Hilal“ am 14. August 2024 wurden in Cherson getötet, als eine russische Drohne ihr Fahrzeug angriff.
Die beiden Männer verteilten an diesem Tag gratis Wasser und Brot. Auch Tyhran Halustian von der Hilfsorganisation „Troyanda na ruci“, „Rose auf der Hand“, wurde während einer Evakuierungsmission am 6. Oktober 2024 in der Region Donezk durch eine Drohnenexplosion getötet.
„Ich nenne es die Pokrowsk-Diät, 17 Kilogramm in 0.2 Sekunden“, scherzt Eddy, wie ihn alle nennen, von seinem Krankenbett aus. Er wirkt müde, scheint aber angesichts seiner schweren Verletzungen erstaunlich wohlauf. Er habe schon immer einen Sinn für schwarzen Humor gehabt, sagt er. Das helfe ihm jetzt.
Eddy zeigt auf ein Geschenk befreundeter Freiwilliger, einen auf dem Schrank sitzenden riesigen Teddybären mit schwarzen Bändern um seinen linken Arm und sein linkes Bein – Tourniquets zum Stoppen des Blutflusses. Solche legte ihm sein Kollege Pylyp Rozhdestvenskyi am 30. Januar um. „Er rettete mein Leben. Er stoppte zwei große Blutungen in zwei Minuten“, erzählt Eddy.
Von Beruf ist der aufgeweckte Eddy eigentlich professioneller Segler, arbeitet als erster Offizier auf privaten Jachten. Das empfinde er aber als „seelenlos“.

Seit Oktober 2022 ist er, mit Unterbrechungen, in der Ukraine als Helfer aktiv. Er sammelt Spenden, organisiert von dem Geld Hilfslieferungen für Zivilist:innen und Soldat:innen. Auch ein Fahrzeug zur Fortbewegung an der Front für letztere und Drohnen sind darunter.
Er fühlt sich zuhause
Wenn er von den Menschen in der Ukraine spricht, sagt er „Wir“ – er fühlt sich hier zu Hause, hat durch seine Arbeit viele Freunde gefunden, obwohl er die Sprache kaum beherrscht. Im Sommer 2024 adoptiert er sogar einen zurückgelassenen Hund und wird Patenonkel eines kleinen Mädchens. Seit dieser Zeit arbeitet Eddy auch für die NGO „Base UA“.
Erst repariert er vom Krieg beschädigte Dächer, im Dezember fängt er an, Zivilist:innen aus Pokrowsk zu evakuieren. Menschen, die etwa aus Armut oder wegen einer körperlichen Einschränkung bis zuletzt warten, ehe sie ihre Wohnungen aufgeben. Bei den Rettungsmissionen seien stets viele kleine Quadrokopter über ihren Köpfen geflogen, russische Drohnen. Ihm war bewusst, dass er sich in Gefahr begibt.
„Ich denke, wenn ich Angst hätte, würde ich diese Arbeit nicht machen“, sagt er, „Segeln und Krieg sind in vielerlei Hinsicht ähnlich. Bei einer Mission dabei zu sein ist so, wie einen Ozean zu überqueren. Es gibt Checklisten, du versicherst dich, dass du alles dabeihast, dass alle das nötige Training haben.“ Mehr könne man ohnehin nicht tun.
Je länger der Krieg andauert, desto mehr kleine Quadrokopter schwirren auch noch einige Kilometer von der Front entfernt durch die Luft. Je „durchlässiger“ die Front wird, desto mehr Risiko bergen die Einsätze freiwilliger Helfer:innen wie Eddy.
Die verschiedenen Drohnentypen kann er mittlerweile leicht nach ihrem Surren auseinanderhalten. Manche dienen der Beobachtung, andere sind Waffen. Letztere werfen entweder Sprengsätze ab oder fliegen – in der billigen Variante – als FPV-Kamikaze-Drohnen in ihre Ziele, wo sie explodieren. Einen solchen Angriff musste Eddy erleben.
Das Surren einer Drohne
An 30. Januar 2025 ist er mit seinem Kollegen Pylyp unterwegs. Ihre Hauptaufgabe ist es, Generatoren mit Treibstoff aufzufüllen, um die Notstromversorgung der in der Stadt verbleibenden Menschen sicherzustellen. Im ihrem gepanzerten Evakuierungsvan sitzt bereits ein Paar, das Pokrowsk verlassen möchte. Als Eddy zwei Fahrradfahrer erblickt, hält er an, um ihnen Flyer mit Informationen zur Evakuierung in die Hände zu drücken.
Dann hört er das Surren einer Drohne, schließt umgehend die Tür und drückt aufs Gas. Doch wegen der vielen Schlaglöcher kann er nur langsam fahren. Plötzlich wird das Fahrzeug von einer Explosion erschüttert.
„Ich sah diesen Feuerball vor meinem Gesicht“, sagt Eddy. Es habe sich angefühlt, als habe ihn jemand in seine linke Schulter geschlagen. „Mein Gedanke ist, da wird eine zweite Drohne kommen, wir müssen weiterfahren.“ Im Dezember war bereits der andere Evakuierungsvan der NGO von zwei Drohnen nacheinander attackiert worden. Damals kamen die Insass:innen ohne schwere Verletzungen davon.
„Ich versuche das Lenkrad zu drehen, und ich kann fühlen, dass sich meine Schulter dreht. Ich sehe, wie mein Arm am Lenkrad sich nicht dreht. Scheiße, meinem Arm geht es schlecht. Schau nicht auf den Arm. Also schaue ich auf mein Bein, und es ist komplett zerfetzt“, erinnert sich Eddy. Ab diesem Moment habe er den Schmerz gespürt.
Sein Kollege steigt aus dem Van, versorgt ihn. Die drei anderen Insass:innen außer Eddy sind nur leicht verletzt. Ein Militärjeep mit einem Jammer, der das Funksignal von Drohnen stört, kommt angefahren, lädt Eddy ein.
Am Versorgungspunkt werden sein Arm und Bein amputiert, dann wird er in die Stadt Dnipro in ein Krankenhaus gebracht. Das Aufwachen sei kein Schock für ihn gewesen, sagt Eddy. Dass er seine Gliedmaßen verlieren würde, habe er noch im Fahrersitz gespürt.
Ohne Jammer ist es suizidal
Der Mitbegründer der NGO Base UA, Anton Yaremchuk, berichtet von einer „langsamen Zunahme“ von Drohnenattacken gegen Freiwillige in der Region Donezk seit Ende 2023. Seit Sommer 2024 sei die Gefahr wirklich groß. Zuvor habe man es zwar schon mit Artilleriebeschuss und Granatwerfern zu tun gehabt, aber man konnte wenigstens im Vorfeld der Mission die Lage einschätzen.
„FPV-Drohnen hingegen können jederzeit aufkreuzen. Es gibt keine Anzeichen für eine bevorstehende Attacke.“ Die beiden gepanzerten Fahrzeuge der NGO sind derzeit in Reparatur. Man habe sich nach Eddys Verletzungen einen Jammer zugelegt. „Es gibt viele Gebiete, da wäre es mittlerweile suizidal, ohne reinzugehen“, sagt Yaremchuk.
„Wenn sie kein militärisches Ziel ausmachen können, greifen sie einfach irgendwas an“, mutmaßt er über die Motivation der russischen Drohnenpiloten. Sobald eine Kamikaze-Drohne mit Sprengsatz unterwegs ist, kann sie nämlich nicht mehr sicher zurückkehren. So geraten auch Zivilist:innen ins Visier. „Das sind eindeutig Kriegsverbrechen“, so Yaremchuk.
Eddy sieht seine zukünftige Aufgabe darin, seine Geschichte zu erzählen. Er möchte weltweit darüber aufklären, was die russische Armee in der Ukraine anrichtet. „Die Eindeutigkeit, mit der das ein Kriegsverbrechen war – ein weißer Van, der offensichtlich humanitär ist. Wir tragen weiße Westen, kein Camouflage. Wir haben keine Waffen bei uns.“
Auch Vlad Myachev und Daniel Koval von der Tierhilfsorganisation UAnimals sagen im Gespräch mit der taz, im vergangenen halben Jahr bei ihrer Arbeit in der Region Donezk oft in Situationen geraten zu sein, bei denen Drohnen über ihnen kreisten. Am 13. Februar kam es schließlich zu einer Attacke während einer Evakuierungsfahrt für Tiere mit zwei Kleinbussen:
„Wir stiegen aus den Bussen aus und hörten eine Drohne fliegen.“ Die vier Helfer:innen seien auseinandergestürmt und in Deckung gegangen. Vor ihren Augen habe die Drohne die Front eines der Fahrzeuge komplett zertrümmert. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich bereits etwa 40 Katzen und Hunde in jedem der beiden Busse.
Da sie gewusst hätten, dass auf eine erste normalerweise eine zweite folgt, brachte eine Person das zweite Fahrzeug schnell in eine sichere Entfernung, während die anderen mit Hilfe der Anwohner:innen zügig die Tierkäfige aus dem beschädigten Bus ausluden. Kaum hatten sie das getan, explodierte auch schon die zweite Drohne. Tiere und Menschen blieben glücklicherweise unverletzt.
Zivilist:innen sind Ziele
Der Menschenrechtler Vyacheslav Likhachev vom mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Center for Civil Liberties sagt: „Die Drohnenpiloten sehen normalerweise über das Video, dass es zivile Fahrzeuge sind. Wenn sie einen Sprengsatz abwerfen, verstehen sie, auf was und wen sie zielen.“
Er geht davon aus, dass nicht Helfer:innen im Besonderen, sondern Zivilist:innen insgesamt von der russischen Seite immer mehr als legitime Ziele angesehen werden. Zum Teil liege sogar die Vermutung nahe, dass die Zivilbevölkerung als Zielscheibe für das Training angehender russischer Drohnenpiloten diene. Zu diesem Schluss kommt ebenfalls eine Deutsche-Welle-Recherche vom vergangenen Sommer, die Drohnenattacken in der teilweise befreiten Region Cherson untersucht. Auch Rache scheint ein Motiv zu sein.
Die ukrainische Menschenrechtsorganisation Truth Hounds arbeitet zurzeit an einer umfangreichen Studie zu solchen Attacken gegen Zivilist:innen in der Ukraine. Sie soll im Mai erscheinen.
Inzwischen ist Eddy im Reha-Zentrum „Superhumans“ in Lwiw und freut sich auf seine Beinprothese, die er in Kürze bekommt. Auf Instagram postet er Fotos, auf denen er einhändig Blumen gießt und stickt. Zum Glück sei er Rechtshänder. Seine bisherige Behandlung finanzierte die R. T. Weatherman Foundation, ein anonymer Spender überwies ihm kürzlich Geld für eine „schicke Beinprothese“.
Außerdem sammelt auch Base UA Spendengelder für Eddys Zeit nach der Reha und einen „neuen Arm“. Den Sommer wolle er sich freinehmen, sich im Winter dann um den Arm kümmern. „Die Ukraine ist mein Zuhause. Ich habe einen Veteranenstatus erhalten, man kümmert sich um mich.“ Er werde in der Ukraine bleiben.
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