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Analyse der Wahlergebnisse„In ostdeutschen Städten nicht abgestürzt“

Wer wählt in Deutschland was, und warum? Ein Gespräch mit dem Soziologen Ansgar Hudde über Wahlmuster, den Gender Gap – und warum die Linke ihn überrascht hat.

Freudiger Erwartung beim Wahlabend der Linken in Berlin: nicht nur in den Großstädten hat sie gut abgeschnitten Foto: Jens Gyarmaty
David Honold
Interview von David Honold

taz: Herr Hudde, Sie haben sich intensiv damit beschäftigt, wer in Deutschland was wählt und warum. Gab es für Sie bei dieser Bundestagswahl trotzdem Überraschungen?

Ansgar Hudde: Ja, die Linkspartei. Und zwar, weil sie in zwei völlig unterschiedlichen Milieus stark ist: In gentrifizierten Großstädten und ostdeutschen Kleinstädten. Dass sie im urbanen Milieu gut abschneidet, war zu erwarten. Mich hat aber überrascht, dass die Partei in ostdeutschen Städten nicht abgestürzt ist. In vorherigen Landtagswahlen und der Europawahl gab es einen Trend in diese Richtung.

taz: Aber im Osten war doch vor allem die AfD stark?

Hudde: Schauen Sie sich Gera in Thüringen mit knapp 100.000 Einwohnern an. Der Ort altert, steht wirtschaftlich nicht sonderlich gut da und es gibt keine Universität. Es herrscht eher ein Bergab-Gefühl. Sie haben Recht, die AfD hat hier mit 40 Prozent sehr gut abgeschnitten. Aber die Linke hat dort sogar leicht hinzugewonnen. Das ist neben den starken Ergebnissen für AfD und BSW beachtlich.

taz: Haben Sie dafür eine Erklärung?

Hudde: Die Linke hat es geschafft, Themen zu setzen, die eine breite Gruppe ansprechen: Mieten, Löhne, Umverteilung. Andere Themen, die einzelne Milieus abschrecken könnten, standen vielleicht im Parteiprogramm, aber kamen in den Werbespots oder auf den Wahlplakaten kaum vor. Hierzu zwei Beispiele: unter den Großstädter:innen, die von den Grünen zur Linken gewechselt sind, sind viele mit der Außenpolitik der Linken unzufrieden und wünschen sich eine klarere Unterstützung für die Ukraine. In der alten Kernwählerschaft der Linken in Orten wie Gera bekommt die Partei Gegenwind zu ihrer migrationsfreundlichen Haltung, insbesondere wenn es um Fluchtmigration geht.

taz: Gab es weitere Überraschungen?

Hudde: Es ist keine Überraschung, aber bemerkenswert, dass die AfD in CDU-Hochburgen im konservativen Nordwesten, wie dem Emsland und Münsterland, überproportional dazugewonnen hat. Diese Regionen sind kleinstädtisch, ländlich und stark katholisch geprägt. Lange Zeit hatte die AfD hier keinen Fuß auf den Boden bekommen, und das wurde auch damit begründet, dass es eine starke milieubasierte Bindung an die CDU gibt. Bis 2017 waren dort die AfD-Stimmanteile niedriger als in Köln oder München. Seitdem ändert es sich, die AfD schließt hier zum Bundestrend auf, die CDU-Bindung ist nicht mehr so stark.

Bild: Stephanie Kubens
Im Interview: Ansgar Hudde

forscht am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Im Mai erscheint sein Buch „Wo wir wie wählen“ im Campus Verlag.

taz: Die AfD hat bei jungen Männern zwischen 18 und 24 Jahren mit 27 Prozent sehr gut abgeschnitten. Frauen in der gleichen Alterskohorte wählten mit 35 Prozent die Linke. Was ist da los?

Hudde: Das sogenannte Gender Gap im Wahlverhalten zeigt, dass junge Männer eher rechts wählen und junge Frauen eher links. In manchen westlichen Demokratien gibt es diesen Gap schon seit mehreren Jahrzehnten, in Deutschland ist er erst mit der Bundestagswahl 2017 aufgetreten und seitdem deutlich gewachsen. Während die FDP 2021 bei jungen Männern die stärkste Partei war, ist es jetzt die AfD. Junge Frauen haben bei der letzten Wahl überwiegend grün gewählt, jetzt wählen sie am häufigsten links.

taz: Woher kommt das?

Hudde: Junge Menschen sind viel weniger parteigebunden als ältere. Das kann also bei der nächsten Wahl auch wieder anders aussehen. In der Regel verbleiben sie aber innerhalb des linken oder rechten politischen Spektrums.

taz: Und wie erklären sich die Geschlechterunterschiede?

Hudde: Zum einen sind da die soziodemographischen Merkmale: Geschlecht, Alter und Bildung. Junge Frauen machen zum Beispiel häufiger Abitur und studieren. Dass Menschen mit akademischen Bildungsabschlüssen seltener rechts und häufiger links-liberal wählen, zeigt sich in vielen Ländern. Rechtspopulistische und rechtsradikale Parteien haben eine Anti-Establishment-Rhetorik und sind teils offen wissenschaftsfeindlich – in akademischen Milieus kommt das schlechter an. Junge Frauen sind zudem besonders unzufrieden mit dem Stand der Gleichberechtigung und finden vor allem bei linken Parteien politisches Gehör.

taz: Und was verleitet junge Männer, die AfD zu wählen?

Hudde: Neben Punkten wie Inflation, Unzufriedenheit, Krisensituation und schlechten Zukunftsaussichten, die oft genannt werden, ist es auch hier das Thema Gleichstellung – bloß andersherum. Es gibt eindeutig eine Bewegung zu einer Anti-Haltung gegenüber Feminismus und eine Nostalgie hin zu alten männlichen Tugenden. Das bedient die AfD.

taz: Gibt es das Gender Gap auch bei älteren Wähler:innen?

Hudde: Ab 35 Jahren werden die Unterschiede viel geringer, das ist aber neu. Frauen mittleren und höheren Alters wählen inzwischen sehr viel öfter AfD. Während 2021 auf 100 AfD-Wähler nur knapp 60 AfD-Wählerinnen kamen, waren es diesmal 80-90 AfD-Wählerinnen. In diesen Altersgruppen sehen wir eine gesellschaftliche Normalisierung der AfD trotz ihrer inhaltlichen Radikalisierung.

taz: In Ihrem bald erscheinenden Buch sprechen Sie von Wahlmustern, die in Deutschlands Nachbarschaften zu beobachten sind. Was ist das?

Hudde: Ich analysiere die Wahldaten aller über 94.000 Stimmbezirke Deutschlands und teile sie in vier Wahlmuster ein. Um die Muster greifbar zu machen, untersuche ich einige Beispielorte genauer. Ich betrachte die Wahldaten, Informationen zur Sozialstruktur, spreche mit Menschen vor Ort und sammle Alltagsbeobachtungen durch die soziologische Brille. Wie sehen die Nachbarschaften aus, worin unterscheiden Sie sich? Welche Milieus prägen die Nachbarschaften, wie alt, wohlhabend und migrantisch sind sie? Und wie erleben die Menschen dort ihren Wohnort?

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taz: Was bringt diese Einteilung in Wahlmuster?

Hudde: Dadurch wird die Komplexität der lokalen Wahlergebnisse greifbar. Mein Ziel mit dem Buch lautet: Wer die vier Wahlmuster kennt und ein Bild von den charakteristischen Orten und Nachbarschaften vor Augen hat, versteht einen großen Teil der politischen Landkarte Deutschlands und gewinnt auch einen tieferen Einblick in die Bundesrepublik insgesamt.

taz: Welche Wahlmuster sind das?

Hudde: Im ersten Muster, ich nenne es das „Politische Tyischdeutschland“, wird ungefähr so gewählt, wie es dem Bundesdurchschnitt entspricht. Die allgemeine politische Stimmung kann man dort einigermaßen nachempfinden. Das sind vor allem die westdeutschen Mittel- und Kleinstädte, wo die meisten Menschen in Deutschland leben. Das „Konservativ-Wahlmuster“ gibt es vor allem im ländlichen Bayern. Dort sind die Union und die Freien Wähler deutlich stärker, die AfD ist im Bundesdurchschnitt und alles links der Mitte ist schwach. Wenn diese linken Parteien nun auch im allgemeinen Trend schwächer werden, kann das in konservativen Nachbarschaften zu einer richtigen politischen Blase führen.

taz: Was heißt das?

Hudde: Sie treffen dort fast niemanden, der links der Mitte wählt. Einen wichtigen Teil der politischen Landschaft bekommt man im Alltag dann nicht mehr mit. Wir wissen, dass Kontakt über politische Grenzen hinweg Vorurteile abbauen kann. Dieser Faktor fällt weg.

taz: Welche sind die anderen beiden Wahlmuster?

Hudde: Als drittes kommt das „AfD trifft Linke-Wahlmuster“. Dort sind sowohl AfD als auch Linke etwa doppelt so stark wie bundesweit. Die Parteien der Mitte hingegen sind sehr schwach. Nehmen wir wieder das Beispiel des thüringischen Gera: CDU, SPD, Grüne und FDP kommen 2025 gerade einmal auf 31,6 Prozent der Zweitstimmen. Regierungen der Mitte haben dort nie eine Mehrheit und damit ein Repräsentationsproblem.

taz: Wie verbreitet ist das?

Hudde: Dieses Wahlmuster trifft auf ländliche Regionen und Kleinstädte in Ostdeutschland zu. Aber auch auf Randbezirke der großen Städte wie Leipzig und Dresden. Auch in Westdeutschland gibt es dieses Wahlmuster, etwa im wenigen wohlhabenden Duisburger Norden, in Gelsenkirchen oder in Industriestandorten wie Ludwigshafen und Pforzheim. Und dann ist da noch das „Grün-Links-Wahlmuster“, das in den Zentren der Metropolen und Universitätsstädte stark ist. Dieses Wahlmuster hat das klarste soziodemographsiche Merkmal: das hohe Bildungsniveau.

taz: Das sind dann die gentrifizierten Städte?

Hudde: Ja, und in den Kerngebieten dieses Wahlmusters haben die Parteien links der Mitte kaum verloren. Das ist beachtlich, denn bundesweit haben SPD, Grüne und Linke zusammen rund 8,5 Prozentpunkte verloren. Die AfD legt zwar auch hier zu, aber auf sehr niedrigem Niveau. In manchen Stadtteilen Kölns etwa von 2 auf 4 Prozent, in Tübingen insgesamt von 3 auf 6 Prozent. In den Städten führt das zu einer Polarisierung, weil die zentrumsnahen Viertel grün-links bleiben, während alles drumherum sich davon wegbewegt.

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