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„Es ist eine Gruppe, die eine Faszination ausübt“

Michael Meisheit liest in Dithmarschen aus seinem Roman „Koogland“: In dem gründen Bauern an der Westküste einen autoritären Gegenstaat. Fast wie Reichs­bür­ge­r*in­nen

Die Neulandhalle, ein Raum fürs rechte Volk. Hier liest Michael Meisheit aus seinem Roman Koogland Foto: Carsten Rehder/dpa

Interview Jonas Kähler

taz: Herr Meisheit, ist die Story Ihres Romans „Koogland“ frei erfunden?

Michael Meisheit: Die Idee basiert auf verschiedenen realen Ereignissen. Zum einen haben wir Naturkatastrophen wie an der Ahr, die vieles auf den Kopf stellen. Dass kann zu großen Veränderungen führen, zu sehr viel Frust und Problemen, Krisen, aus dem was Neues entstehen kann.

taz: Und zum anderen?

Meisheit: Wir haben schon seit einigen Jahren Reichs­bür­ge­r*in­nen und andere, manchmal sektenartige, manchmal mehr politische Gruppen, die sagen: Wir akzeptieren die Bundesrepublik Deutschland nicht.

taz: … so wie die Bäue­r*in­nen in Ihrem Roman. Die aber einen Schritt weiter gehen.

Meisheit: Aus dieser Gemengelage ist der Gedanke für den Roman entstanden, dass wenn einige Faktoren zusammenkommen, auch mal jemand versuchen könnte, wirklich seinen eigenen Staat zu gründen.

taz: Glau­ben Sie, dass derartige Bestrebungen wahrscheinlicher werden?

Meisheit: Ich denke schon, wenn auch nicht unbedingt in dieser Variante. Wir sehen gerade, dass es mit demokratischen Mitteln innerhalb existierender Staaten passiert, wie etwa bei der US-Wahl. Was dort gerade passiert, fühlt sich an wie ein Staatsstreich. Offensichtlich braucht man sich gar nicht mal zu separieren. Aber auch das wäre ein denkbares Szenario, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

taz: Eben genau so wie in dem Dithmarschen Ihres Romans?

Foto: Anne Hufnagl
Michael Meisheit

Jahrgang 1972, lebt in Berlin arbeitet seit dem Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg als Drehbuchautor, der u. a. zwischen 1997 und 2017 fast 400 Folgen der Serie „Lindenstraße“ verfasst hat. Romane publiziert er unter diversen Pseudonymen: Als Autor für „Koogland“ nennt er sich Michael Lange.

Meisheit: In diese Region passt es sehr gut. Zum einen wegen der räumlichen Bedingungen. Die Köge, so nah am Meer, böten tatsächlich die Möglichkeit, ein Stück Land abzutrennen. Die Gegend hatte ich deswegen ausgesucht. Aber es existieren auch historische Vorbilder, das fand ich ganz irre. Ich habe mich dann mit der Region und den Dithmarscher Bäue­r*in­nen beschäftigt und die waren vor 500 Jahren ja schon einmal auf einem ähnlichen Trip.

taz: Sie spielen auf die Bauernrepublik Dithmarschen im 16. Jahrhundert an, die gegen den dänischen König kämpfte. Versprühen die Dith­mar­sche­r*in­nen für Sie auch heute noch aufständischen Geist?

Meisheit: Die Leute, mit denen ich vor Ort gesprochen habe, habe ich als freundlich und offen erlebt. Und ich war in der heißen Corona-Phase zur Recherche dort, also unter schwierigen Bedingungen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Leute haben mir gesagt: „Ja, das passt von der Mentalität schon zu einigen Leuten hier.“ Aber die Personen, mit denen ich geredet habe, zu denen passte es nicht. Ich bin wirklich sehr warm aufgenommen worden.

„Auf den Adolf-Hitler-Koog wurde die Neulandhalle gebaut, ein Mittelpunkt für die dortige Gemeinschaft“

taz: Eine Ihrer Hauptfiguren, Lara, kommt aus Berlin und will eigentlich ihre Schwester aus dem Bauernstaat befreien – dem sie sich dann doch anschließt. Welche Anziehungskraft geht von so einer Bewegung aus?

Meisheit: Es ist eine Gruppe, die auch eine Faszination ausübt, das war mir wichtig, und die im Deichhauptmann Thies Coordes einen erst mal positiv erzählten Anführer hat. Einen, der es gut meint, und der sagt: „Ich kenne die Gegend und die Leute: Wir können uns selbst versorgen.“ Und jeder spielt hier eine Rolle. Das ist es dann auch für Lara, die als Krankenschwester in der Großstadt lebt und da auf der einen Seite glücklich ist, aber auch eine gewisse Leere spürt. In Koogland bemerkt sie den Reiz des Ganzen.

taz: Ein zentraler Ort in „Koogland“ ist der heutige Dieksanderkoog. Vor knapp 100 Jahren hieß dieser Adolf-Hitler-Koog. Die Nazis wollten dort eine Volksgemeinschaft im Kleinen errichten.

Autorenlesung am 27. 2., 19 Uhr, Historischer Lernort Neulandhalle, Franzosensand 2, Friedrichs­koog, 19 Uhr, aus Michael Lange: „Koogland“, Piper, 416 S., 18 Euro

Meisheit: Man hatte sozusagen die Erzählung vom Volk ohne Raum und dann war es eine der Maßnahmen zu sagen: Wir holen uns hier nochmal ein bisschen Raum dazu – und zwar nicht nur im Osten, sondern wir trotzen noch Land vom Meer ab. So ist dann der Adolf-Hitler-Koog entstanden. Auf den wurde die Neulandhalle gebaut, ein Mittelpunkt für die dortige Gemeinschaft. Dort gibt es noch Fresken an der Wand, die zeigen, wie Menschen dem Meer das Land abtrotzen.

taz: Sehen Sie Parallelen zwischen der damaligen Zeit und heutigen Entwicklungen?

Meisheit: Ganz ehrlich, wenn ich mir die aktuelle Situation in den USA angucke, sehe ich da schon erschreckende Parallelen. Man hat teilweise das Gefühl, dass Trump nach dem Vorbild des „Dritten Reichs“ agiert. Natürlich ist vieles anders, aber die Ausschaltung der Demokratie mit ihren eigenen Mitteln, das ist eine erschreckende Parallele. Der Roman war für mich auch ein Gedankenspiel: Was würde aus einer Gemeinschaft werden, wenn sie sagt, wir machen hier unsere eigenen Regeln, sehr autoritär. Ich denke, dass das nie gut gehen kann und zwangsläufig in Gewalt endet.

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