Verelendung in Hamburg: Obdachlos und außerhalb des Sozialsystems
In Hamburg hat sich die Zahl der Obdachlosen verdoppelt. Die Sozialbehörde sagt, nur 20 Prozent seien Deutsche und viele nicht leistungsberechtigt.
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Hamburgs-Sozialstaatsrätin Petra Lotzkat lud sofort nach Erscheinen ein paar Presseleute zu sich in Rathaus. Dass die Zahl der Obdachlosen in Hamburg so stark gewachsen sei, überrasche in der Behörde keinen, sagte sie dem Hamburger Abendblatt. Doch während der Wohnungslosenbericht sagt, 53 Prozent der Menschen auf der Straße seien Deutsche, schätzt die Behörde, dass es nur 20 Prozent sind.
„Wir teilen nicht die Annahme des Berichts, dass nur die Hälfte der Obdachlosen zugewandert sind“, sagt Behördensprecher Wolfgang Arnhold zur taz. Man gehe hier von einer „Untererfassung“ dieser Gruppe im Bundesbericht aus. Arnhold: „Ein großer Teil obdachloser Personen sind EU-Zugewanderte, die in Hamburg obdachlos geworden sind und hier keine sozialrechtlichen Ansprüche haben.“ Etwa jeder zehnte Arbeits-Zuwanderer aus Osteuropa schafft es laut Lotzkat nicht, hier Fuß zu fassen.
Der Bericht der Bundesregierung, der für ganz Deutschland von rund 45.000 Obdachlosen und 54.000 verdeckt Wohnungslosen ausgeht, geht auf Zählungen von 5.200 Einrichtungen zurück, die mit Wohnungslosen zu tun haben und befragte zudem in der Woche vom 1. bis 7. Februar in 200 zufällig ausgewählten Gemeinden wohnungslose Menschen.
Unterschiedliche Erhebungsmethoden
In Hamburg wurden rund 300 obdachlose Menschen befragt und Daten von 100 Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe erhoben. Die Daten würden hochgerechnet und brächten eine gewisse Unschärfe mit, sagt Lotzkat. Für Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen weist der Bericht übrigens einen Wert aus. Dort gibt es rund 8.600 Obdachlose.
Das für den Bericht verantwortliche Bundesbauministerium teilte auf Anfrage mit, die Abweichungen erklärten sich durch „unterschiedliche Erhebungsmethoden und Definitionen“.
Politisch versucht der Senat hier die Dramatik der Zahlen-Verdoppelung zu relativieren. Hamburg stellt bei der Beratung der obdachlosen EU-Zugewanderten die „Rückkehr ins Herkunftsland“ in den Vordergrund. Allein in 2024 habe die Beratungsstelle Plata dies bei 400 Personen unterstützt, so die Behörde.
Die Linke Bezirkspolitikerin Nora Stärz verwies darauf, dass in 2024 mindestens 27 Menschen auf Hamburgs Straßen starben. Das Hamburger „Winternotprogramm“ mit seinen rund 700 Plätzen müsse noch in diesem Winter ausgeweitet werden, um Leben zu retten. Ihre Partei-Kollegin Olga Fritzsche führt die Steigerung der Obdachlosenzahlen auf fehlende Sozialwohnungen und fehlendes Personal bei den Fachstellen für Wohnungslose zurück.
Linke fordert eine Taskforce
„Die kommen dort einfach mit der Arbeit nicht hinterher und können nicht mal Dringlichkeitsfälle in Unterkünfte oder Wohnraum vermitteln“, sagt die Sozialpolitikerin der Linken-Bürgerschaftsfraktion. Sie fordert, sofort eine Taskforce mit 30 Stellen für Wohnungsnotfälle einzurichten und aus dem Kontingent der städtischen Saga-Wohnungsbaugesellschaft jährlich 2.500 Wohnungen für Notfälle bereitzustellen.
Auch die CDU übte scharfe Kritik an den Zahlen. Dennis Thering, Spitzenkandidat für die anstehende Bürgerschaftswahl, sprach von einer „Bankrotterklärung“ des Rot-Grünen-Senats, der Obdachlosigkeit nur verwalte. Er fordert, die Unterkünfte des Winternotprogramms müssten bei großer Kälte auch tagsüber geöffnet bleiben, damit niemand erfriert. Zudem wolle die CDU ein Projekt zur bevorzugten Wohnraumversorgung langzeitobdachloser Menschen ausweiten und eine weitere Befragung durchführen, um zu gucken, was wirkt.
SPD-Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer konterte, die Aussagen von Thering verwunderten sie doch sehr. Die CDU wolle Sozialleistungen für Menschen einführen, die „eigentlich in ihre Heimatländer zurückkehren müssen, da für sie kein Anspruch mehr gilt“, sagte die Senatorin. Für Obdachlose mit Leistungsansprüchen habe Hamburg ein vorbildliches Hilfesystem. „Da brauchen wir keinerlei Belehrungen.“ Auch die Plätze des Winternotprogramms, so ihr Sprecher, seien in vergangenen Jahren „immer ausreichend“ gewesen.
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