das wird: „Vorbereitung auf die Auswanderung“
Der Historiker Matthias Springborn über die ersten jüdischen Schulen in Deutschland nach 1945
Interview Petra Schellen
taz: Herr Springborn, wer waren die jüdischen Kinder, die 1945 in Deutschland lebten – und warum taten sie das überhaupt?
Matthias Springborn: Sie lebten zum erheblichen Teil in DP-Camps – Unterkünften für „displaced persons“, Millionen Verschleppte und Staatenlose, die auf ihre Auswanderung warteten. Ein Teil der DPs waren Jüdinnen und Juden – über 200.000 Menschen, darunter mindestens 10.000 Kinder und Jugendliche. Und während die Menschen in den DP-Camps anfangs großteils Überlebende der KZ oder ehemalige ZwangsarbeiterInnen waren, kamen später Überlebende vor allem aus Polen und der damaligen Sowjetunion hinzu; sie stellten dann die Mehrheit der DPs.
Warum kamen diese Menschen in den Westen?
Einerseits hatte Stalin Teile Ostpolens der Sowjetunion zugeschlagen, die dort Lebenden vertrieben und auch die Abwesenden enteignet. So fanden Überlebende, die nach 1945 dorthin zurückkehren wollten, ihre Häuser von anderen bewohnt vor und gingen in die Besatzungszonen der West-Alliierten. Andere wollten nicht unter kommunistischem Totalitarismus leben. Ein weiterer Grund war das antisemitische Pogrom im polnischen Kielce 1946, dem Massenpanik unter den Jüdinnen und Juden Polens und eine Fluchtbewegung folgte. Die meisten kamen in die US-Besatzungszone in Bayern, Hessen und Nord-Baden-Württemberg, wo speziell jüdische DP-Camps eingerichtet wurden.
Wer betrieb den Wiederaufbau der jüdischen Schulen?
Wir reden über die Jahre, in denen die meisten DP-Camps existierten – von 1945 bis 1951 –, die meisten DPs ausgewandert waren. Finanziert wurden die Schulen in den DP-Camps meist von jüdischen Hilfsorganisationen. Am besten ausgestattet war das American Jewish Joint Distribution Committee. Man startete sogar ein eigenes Programm für den Nachdruck von Schulbüchern aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina.
Was wurde im Unterricht gelehrt?
Im DP-Camp Prien in Bayern gab es eine jüdische Volksschule, die auf die Auswanderung in den anglo-amerikanischen Raum vorbereitete. Dort wurde neben Mathematik und Geschichte vor allem Englisch gelehrt, bis die Kinder – meist nach drei Monaten – auswanderten. Die meisten bereiteten aber auf die Auswanderung nach Palästina vor. Ein Beispiel wäre das explizit ausgerichtete Haus Bialik im DP-Camp Stuttgart. Dort wurde ab der ersten Klasse Ivrit unterrichtet, dazu „Palästinographie“ sowie theoretisches Wissen über Landwirtschaft, Tierzucht, Mechanik – Fähigkeiten, die man brauchen würde, um Land urbar zu machen.
Und wer lehrte in diesen Schulen?
Vortrag „Bildung im Transit. Neuanfänge jüdischer Kinder- und Jugendbildung in Deutschland nach 1945“: Di, 10. 1., 18.30 Uhr, Hamburg, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, sowie online unter https://t1p.de/g88mm
Oft waren es DPs, die vorher andere Berufe ausgeübt hatten. Andere waren amerikanische oder britische Militärangehörige. Weitere kamen aus Palästina.
Wie entwickelte sich das jüdische Schulwesen nach Schließung der Camps?
Einige DPs blieben, andere kehrten aus dem Exil zurück. Als Anfang der 1960er-Jahre klar wurde, dass jüdische Gemeinden in Deutschland eine Zukunft hatten, wurde 1966 in Frankfurt die erste staatlich anerkannte jüdische Grundschule gegründet. Mit der Zuwanderung aus der einstigen Sowjetunion ab den 1990er-Jahren sind in vielen Städten jüdische Kindergärten, Grund- und Oberschulen hinzugekommen.
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