Iranerinnen dürfen ins Stadion: Symbolpolitik und Errungenschaft
Dass Iranerinnen nun zu einem Ligaspiel durften, sollte niemand überbewerten. Dennoch ist es ein echter Sieg, den sie über Bande holten.
N ach über 40 Jahren ist die derzeit berühmteste Barrikade des Frauenhasses im Fußball endlich gefallen. Jedenfalls vorläufig und punktuell. Frauen durften im Iran am Donnerstagabend erstmals wieder zu einem Männerfußball-Ligaspiel ins Stadion gehen. Womöglich werde der Versuch ausgeweitet, versprach vage das Sportministerium. Der Topklub Esteghlal Teheran („die Unabhängigkeit“) im Asadi-Stadion („die Freiheit“) – welche Ironie für die Frauen.
Denn natürlich schauen sie nicht als gleichwertige Fans zu, sondern in einem abgetrennten Bereich als schützenswerte Kreaturen. Ihr Zutritt ist symbolisch enorm wichtig und darf zugleich nicht überbewertet werden. Die iranische Führung versteht sich gut darauf, mit ein wenig Symbolpolitik abzuwiegeln, während sich an der Unterdrückung von Frauen in der Gesellschaft nichts ändert. Ob der Stadionbesuch ein dauerhaftes Recht wird, ist zudem längst nicht gesagt. Auch zu den offiziell erlaubten Länderspielen wurde Frauen noch dieses Jahr der Eintritt willkürlich verweigert.
Ein Sieg über Bande
Dennoch ist dieser Donnerstagabend ein Sieg über Bande für die Iranerinnen: Iranische Aktivistinnen kämpften über Jahre und erstritten damit die Aufmerksamkeit der Zivilgesellschaft im Ausland, die den Druck wiederum an die Fifa weiterreichte. Die stand als Monopolist unter Zugzwang. Nun muss der Druck hoch bleiben, um aus einem Einzelfall ein Recht zu machen.
Zuletzt wurde in der taz laut über den Blick „des Westens“ auf iranische Frauen gestritten. Tatsächlich ist der auch im Fußball oft kolonial naiv: orientiert an Greifbarem wie Zutritt zu Stadien und mit einem plakativen Weltbild vom vermeintlich freien Westen gegen die Autokratie. Man muss nur die kläglichen Zuschauerzahlen im deutschen Frauenfußball oder die Frauenanteile in Stadien weltweit betrachten, um zu verstehen, wie mächtig das Patriarchat überall wirkt. Freiheit von Teilhabeverboten macht Menschen weder frei noch gleich. Und doch kann nur diese Freiheit zur Gleichheit verhelfen. Für weibliche Fans bedeutet dieser Stadionbesuch die Welt. Wer will ihnen absprechen, etwas Großes errungen zu haben?
Nur noch 430 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 430 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert