das portrait

Gundela Lüdersdemonstriert für teurere Lebensmittel

Ist unzufrieden mit dem Agrarpaket der Bundesregierung: Gundela Lüders Foto: Sophie Hansen

Gundela Lüders hat heute 250 Kilometer Weg auf sich genommen, um mit ihrer Familie aus Helmstedt nach Hamburg zu fahren. Die Landwirtin ist wie Tausende andere aus ganz Norddeutschland zum Demonstrieren gekommen. 3.500 Traktoren blockierten Teile der Innenstadt. Anlass für den Protests war der Auftakt der Umweltministerkonferenz, die in Hamburg tagt. Die Bauern lehnen die Klimaschutz- und Agrarpolitik der Bundesregierung ab.

Lüders ist seit 1999 als Bäuerin tätig. In der Familie ihres Mannes sei der Beruf eine Tradition, erzählt sie. Bis ins 16. Jahrhundert ließe sich diese Tradition zurückverfolgen. Die 53-Jährige und ihre Familie betreiben Ackerbau und haben eine Schweinemast. Früher hatte sie auch einen eigenen kleinen Hofladen. Dort verkauften sie unter anderem selbst verarbeitetes Schweinefleisch. Aber den Laden gibt es nicht mehr. So ein Geschäft funktioniere auf dem Land nicht, sagt Lüders. Die meisten Leute könnten sich solche Preise nicht leisten. „Um konkurrieren zu können, müsste ich es billiger anbieten als der Edeka nebenan.“ Die Lebensmittelpreise sind nicht der einzige Grund, warum sie heute demonstriert.

Das geplante Agrarpaket der Bundesregierung sieht neue Maßnahmen vor, um Umwelt und Tiere zu schützen. Die Nutzung von Düngemitteln soll stärker eingegrenzt werden, der Unkrautvernichter Glyphosat soll bis 2023 gar nicht mehr verwendet werden.

Auf den Betrieb der Landwirtin hätten diese Maßnahmen einen großen Einfluss. Rund ein Drittel ihrer Ackerflächen liegen in „roten Gebieten“ – der Boden ist zu stark mit Nährstoffen belastet. Für Lüders bedeutet das, dass sie ihre Zwischenfrüchte, also die Pflanzen, die zwischen den Haupterntezeiten wachsen, nicht mehr düngen darf. Aber ohne Dünger wachsen die Pflanzen nicht. Die Landwirtin wünscht sich mehr Spielraum statt strenger Vorgaben: „Wir werden in ein Korsett gezwängt, wo wir nicht reinpassen. Jedes Jahr ist anders, wir müssen jedes Jahr anders darauf reagieren.“

Lüders arbeitet sechzig bis achtzig Stunden pro Woche. Zwar sei sie durchaus dazu bereit, Umweltschutzmaßnahmen durchzuführen, sagt die Landwirtin. Aber der Umweltschutz dürfe nicht zu ihren Lasten gehen. „Ich möchte schließlich von meinem Betrieb leben können.“ Dem freiwilligen Tierwohllabel, das die Bundesregierung im September beschlossen hat, steht Lüders kritisch gegenüber. In den meisten Fällen bestimme der Preis die Kaufentscheidung – nicht die Qualität des Fleisches. Viele Bauern investierten Geld, um die Haltung ihrer Tiere zu verbessern, sagt die Landwirtin. Viele von ihnen blieben regelmäßig auf dem Fleisch sitzen. „Auf freiwilliger Basis funktioniert so etwas nicht. Wenn es wirklich um faire Preise und um das Tierwohl gehen soll, müsste der Massenimport von Billigfleisch gestoppt werden.“

Auch der Import von Bio-Produkten ist in den Augen der Landwirtin ein Problem. Im Ausland dürften zum Teil Pflanzenschutzmittel für Bio-Erzeugnisse verwendet werden, die in Deutschland verboten seien. Sie befürchtet dadurch einen Wertverlust des Biolabels.

Für Lüders fühlt es sich so an, dass LandwirtInnen in der Öffentlichkeit oft zu Buhmännern gemacht würden. „Selbst die Kinder werden in der Schule angegriffen, obwohl die nichts dafür können“, sagt sie. Ihre Tochter steht neben ihr und hält ein Schild hoch. Von der Bundesregierung wünscht sich die Familie einen finanziellen Ausgleich für das Umstellen auf nachhaltigere Landwirtschaft – zum Beispiel über faire Lebensmittelpreise.

Sophie Hansen