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Ein paar prinzipielle Fragen

Der Begriff „fair“ ist gesetzlich nicht geschützt. Deshalb wurden auf internationaler Ebene zehn Grundprinzipien definiert. Das Regelwerk wird sich künftig weiterentwickeln

Fair ist, wenn Frauen den gleichen Stundenlohn erhalten wie Männer

Von Dierk Jensen

Vertrauen ist gut, Kontrolle oft besser. Blöder Spruch, doch bewahrheitet er sich im Wirtschaftsleben häufiger als man gemeinhin möchte. Das hat auch schon mancher Akteur des fairen Handels in der Vergangenheit erfahren müssen, weshalb schon in den achtziger Jahren ein internationaler Verband gegründet worden ist, um solche Missbräuche zu unterbinden. Aber es brauchte noch eine geraume Zeit, bis schließlich die heutige World Fair Trade Organization (WFTO) entstand, die ihren Mitgliedern aus aller Welt verbindliche Prinzipien im fairen Handel vorgibt. Dieser Prinzipien-Kanon liest sich wie die zehn Gebote, deren Einhaltung sich wahrscheinlich hierzulande jeder im wirtschaftlichen Alltag wünschen würde: Chancenaufbau für benachteiligte Produzenten, Transparenz und Verantwortlichkeit, partnerschaftliche Handelspraktiken, faire Preise, keine Kinderarbeit, keine Zwangsarbeit, Geschlechtergleichheit, keine Diskriminierung, gute Arbeitsbedingungen, Wissensaufbau, Öffentlichkeit- und Bildungsarbeit für fairen Handel sowie – last but not least – Umweltschutz. Damit diese Prinzipien auch dauerhaft eingehalten werden, kontrolliert die WFTO ihre Mitglieder – zu denen auch die großen Importeure auf dem deutschen Markt wie Gepa, Weltpartner, El Puente, Globo und Banafair zählen – regelmäßig selbst.

Während nun die WFTO ein Unternehmen ganzheitlich überprüft, also von der Erzeugung bis zum Verkauf sämtlicher hergestellter oder vertriebener Produkte, vergibt die Ini­tiative TransFair/Fairtrade Deutschland für einzelne Produkte das sogenannte Fairtrade-Siegel, welches über Lizenzgebühren Einnahmen generiert. Dieses Siegel hat mittlerweile auch großen Erfolg im klassisch-konventionellen Einzelhandel. Handelskonzerne wie Rewe, Lidl und andere Elefanten haben sich Blumen, Kaffee und Bananen aus fairem Handel in ihre Supermärkte und Discounter geholt – und damit eine breite Masse an Konsumenten erreicht.

„Die großen Einzelhandelsketten bezahlen die Lizenzgebühren für die Siegel aus der Portokasse und erzielen damit aber einen großen Imagegewinn“, kritisiert indessen Manfred Schumacher vom Verband Fairband, in dem sich bisher 35 kleine Unternehmen und Einzelkämpfer des fairen Handels organisieren. „Dabei liegt der Anteil von fairen Produkten am Umsatz der Lebensmittelkonzerne weit unter einem Prozent“, identifiziert Schumacher eine Instrumentalisierung des fairen Handels für. Zudem drücke dies die Preise. Der Ladenbesitzer für Kunsthandwerk aus Sambia, Malawi und Zimbabwe im Berliner Stadtteil Charlottenburg gibt ein Beispiel: „Eine fair gehandelte Schokolade kostet im Supermarkt 1,50 Euro, in den Weltläden eher 2,50 Euro.“

Stefanie Krass vom Weltladen Dachverband in Mainz erklärt dies mit einer Portion Diplomatie. „Ja, das sind parallele Entwicklungen mit unterschiedlichen Ansätzen. Weltläden können nicht gut Tulpen in großen Mengen verkaufen“, wirft sie ein, „und sie handeln nur mit Produkten von Unternehmen, die sich vollständig dem fairen Handel verschrieben haben. Zudem haben sie eine andere Ausrichtung und machen neben dem Verkauf eben auch politische Arbeit und Bildungsarbeit.“

Selbst wenn sich der faire Markt in diverse Richtungen bewegt hat und viele Siegel beim Konsumenten nicht selten Irritation auslösen, zeigt sich Krass dennoch zufrieden mit den etablierten Kontrollsystemen. „Die haben sich bewährt“, versichert die Betriebswirtin vom Referat Kriterien und Grundsatz vom Dachverband, der deutschlandweit rund 450 Weltläden vertritt. Was jedoch nicht heißt, das die Kriterien für immer und ewig in Stein gemeißelt wären.

„Denn wenn sich die Welt dramatisch verändert, dann unterliegen auch unsere Grundsätze einem Wandel“, mahnt Krass weiterhin Wachsamkeit gegenüber ökologischen und klimatischen Fragen an. „Im fairen Handel geht es auch immer um die Ökologie. Zwar ist eine Biozertifizierung keine grundsätzliche Voraussetzung für ein fair gelabeltes Lebensmittel, dennoch sind 50 bis 70 Prozent aller fairen Food-Produkte bio-zertifiziert“, verweist Krass auf die enge Verbindung von bio und fair, die in Zeiten des Klimawandels wahrscheinlich noch enger werde. Dazu gehöre sicherlich auch die dynamische Forderung nach weniger Verpackung.

Darüber hinaus verschiebe sich die globale Handelsarchitektur; bezog sich der faire Handel früher ausschließlich auf die Erzeuger im Süden, gibt es mittlerweile auch schon fair gehandelte Orangen aus Portugal und beispielsweise „Mafia-freie“ Produkte aus Italien, wie pikante Brotaufstriche und Nudeln.

Selbst hierzulande werden faire Preise eingefordert, wie beispielsweise für Milch, bei denen die Extraerlöse den einheimischen Milchbauern zugutekommen. „Kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe kämpfen angesichts des Preisdrucks, den die großen Einzelhandelskonzerne erzeugen, um ihre Existenz“, konstatiert Manuel Blendin, Geschäftsführer des Forums Fairer Handel, das sich als Sprachrohr der doch heterogenen Fair-Szenerie positioniert und in dem sowohl der Weltladen Dachverband als auch die große Importeure, aber auch Fairband für die kleinen Importeure sowie der Ökoanbauverband Naturland vereint auftreten.

„Weil faire Preise und eine wirtschaftliche Perspektive keine Frage der Geografie, sondern der Gerechtigkeit sind, gewinnt der faire Handel als Alternative auch im Globalen Norden an Bedeutung“, stellt Blendin fest. So wurden 2018 fair gehandelte landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Europa im Wert von beachtlichen 112,7 Millionen Euro verkauft.

Und was wünscht sich das Forum Fairer Handel für die Zukunft? „Die deutschen Unternehmen müssen dafür Verantwortung übernehmen, dass ihre Produkte unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden und deren ErzeugerInnen von ihrem Einkommen oder Lohn ein menschenwürdiges Leben führen können. Wer dies nicht tut, muss im Schadensfall von den Betroffenen haftbar gemacht werden können. Wenn das gewährleistet wäre, müssten die VerbraucherInnen nicht mehr auf faire Labels und Siegel achten.“