: Gift spritzen im Naturschutzgebiet
Einen Meter statt fünf Meter Abstand: Wie der amtierende CDU-Landrat mit Gewässerschutz umgeht, ist Thema im Wahlkampf im Kreis Osnabrück
Von Reimar Paul
In den Flüssen Else und Obere Hase im Kreis Osnabrück tummeln sich seltene Fischarten wie Neunauge, Steinbeißer und Groppe. Wie sie sowie die feuchten Uferflächen und Unterwasserpflanzen in dem ausgewiesenen Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH) vor Pestiziden geschützt werden sollen, ist auch im Landratswahlkampf Thema. Weil es zeigt, wie der amtierende CDU-Landrat Michael Lübbersmann regiert.
CDU und SPD halten einen ein Meter breiten Schutzstreifen zwischen Wasser und bewirtschafteten Feldern für ausreichend. Im März haben sie einen entsprechenden Beschluss im Kreistag durchgebracht (taz berichtete). Mindestens fünf Meter fordern dagegen Umweltgruppen und Grüne.
Das Pikante: Im ursprünglichen Entwurf der Kreisverwaltung war auf Empfehlung der unteren Naturschutzbehörde noch ein fünf Meter breiter Streifen vorgesehen. Landrat Lübbersmann persönlich ließ den Wortlaut der Beschlussvorlage kurz vor der Beratung im Umweltausschuss des Kreistages in „Ein Meter“ ändern – und zwar nach einem Gespräch mit dem Milchbauern und Chef des niedersächsischen Landvolks, Albert Schulte to Brinke.
Der Landwirt habe ihm plausibel erklärt, dass dank moderner Technik keine Rückstände der Pflanzengifte ins Gewässer gelangen würden, rechtfertigte Lübbersmann seine Entscheidung. CDU- und SPD-Kommunalpolitiker schlossen sich dieser Sichtweise an.
Für die Grünen-Politikerin Anna Kebschull dagegen reicht ein Meter Abstand bei weitem nicht aus, um ein Gewässer vor Einträgen von Pestiziden zu schützen. Sie versuchte im Kreistag vergeblich, eine bessere Lösung zu finden.
Heftige Kritik kommt auch vom Umweltforum Osnabrücker Land: „Wer meint, die Naturentwicklung und Artenvielfalt auf einen ein Meter breiten Streifen reduzieren zu dürfen, der muss sich über das Insekten- und Bienensterben nicht wundern“, sagte Vorstandsmitglied Matthias Schreiber der Neuen Osnabrücker Zeitung. Die Aktivisten haben angekündigt, gegen die neue Verordnung notfalls rechtlich vorzugehen. Daten des Landesumweltministeriums von 2016 zeigten, dass das Wasser der Else jetzt schon in einem „miesen Zustand“ sei.
Auch der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) hat den ökologischen Zustand der Else als „unbefriedigend“ bezeichnet. Die dafür mitverantwortlichen Nährstoffeinträge stammten hauptsächlich aus der Landwirtschaft. Selbst das Bundesumweltministerium kritisierte den Kreistags-Beschluss. Es sei „fraglich“, ob ein Gewässerrandstreifen von einem Meter dem Schutzanspruch in einem FFH-Gebiet gerecht werde.
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