das portrait

Gina Martin, erfolgreiche Aktivistin gegen das „Upskirting“

Foto: Adrian Dennis/afp

Der Hyde Park in London, Sommer 2017. Gina Martin wartet vor der Bühne auf den Auftritt der britischen Band The Killers, als sie bemerkt, dass sich zwei Männer in der Nähe auf dem Smartphone ein Bild ihres Schritts anschauen. Einer der beiden muss sie zuvor unter dem Rock fotografiert haben, begreift Martin, entreißt ihnen das Gerät und wendet sich damit an die Polizei. Um Tage später zu erfahren, dass ihrem Fall nicht weiter nachgegangen wurde. Was geschehen sei, sagen die Beamten, habe keine strafrechtliche Relevanz. Martin kann das nicht fassen und startet eine Petition. 18 Monate und über 100.000 UnterstützerInnen später ist das sogenannte Upskirting (unter den Rock, englisch: skirt, fotografieren) in England und Wales zur Straftat erklärt worden. Täter müssen nun mit bis zu zwei Jahren Haft rechnen. In Schottland gibt es ein entsprechendes Gesetz bereits.

„Ich glaub, ich sterbe. Ich kann nicht fassen, dass wir das geschafft haben“, schrieb Martin auf Twitter, kurz nachdem das Oberhaus am Mittwoch seine Entscheidung bekannt gegeben hatte. Sie und ihr Anwalt hätten „gekämpft und GEWONNEN“. In diesen turbulenten Tagen, in denen man den Briten Politikverdrossenheit nicht verübeln kann, kommt die 27-Jährige aus dem Schwärmen über die Legislative gar nicht mehr raus. Seit sie mit der Petition zur Aktivistin wurde, habe sie eine „steile Lernkurve“ durchlaufen: „Für Außenstehende, ganz normale Leute, kann Politik kompliziert und entmutigend erscheinen. Aber wenn man an sich glaubt, die richtige Unterstützung hat, ist sie durchdringbar.“

Das Gesetz gegen Upskirting sei Politik „at its best“, sagt die BBC und appelliert an alle, die „mit etwas unzufrieden sind, loszulegen und es zu ändern“. Martin, die in der Werbebranche tätig ist, bezeichnete sich selbst als ganz normale Person. „Und ich hab’s trotzdem hingekriegt“, zitiert sie der Telegraph. Allerdings arbeitete sie dafür über Monate hinweg in ihrer freien Zeit

Laut Telegraph gab es in Großbritannien zwischen 2016 und 2018 78 gemeldete Fälle von Upskirting, unter den Opfern auch zehnjährige Mädchen. Die Vorsitzende eines britischen Lehrerverbands nannte das Phänomen „Teil eines größeren Musters sexueller Belästigung“ an Schulen. Einige Schülerinnen sähen sich gezwungen, Shorts unter ihrem Rock zu tragen. Das Kleidungsstück gehört in Großbritannien zur Schuluniform. In Deutschland ist Upskirting bisher nicht strafbar, solange die Bilder nicht verbreitet werden. Eine Möglichkeit, gegen Täter vorzugehen, könnte aber eine Klage wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts sein. Bei in Südkorea gekauften Smartphones lässt sich als Maßnahme gegen Upskirting das Auslösegeräusch der Kamera nicht stummstellen.

Gina Martin, die mittlerweile viele Frauen traf, die Ähnliches erlebten, will künftig Konzepte entwickeln, wie Musikfestivals und andere Veranstaltungen sicherer gemacht werden können. Damit die „steile Lernkurve“ noch lange nicht abbricht. Leonie Gubela