Ostfriese Veith über seinen plötzlichen Ruhm

„Es ist brutal, was da abgeht“

Keno Veith landete mit einem Trecker-Video einen Erfolg im Netz. Ein Interview über Vorurteile und die Entscheidung, kein Opfer zu sein.

Keno Veith und sein Trecker: Seit 20 Jahren ist er als Lohnarbeiter unterwegs Foto: Alena Junge/Ankerherz

taz: Herr Veith, wieso können Sie nicht mehr unbehelligt am Straßenrand pinkeln?

Keno Veith: Die Sache fing so an: Alle meine Arbeitskollegen waren zum Mittag gefahren und ich steckte mit meinem Trecker im Acker fest. Aus Langeweile habe zum Handy gegriffen, just for fun ein Video von mir und meinem Trecker gemacht und das auf meine Facebook-Seite gestellt. Nur dieses Mal eben auf Plattdeutsch.

Sie haben sich vorher schon bei der Arbeit auf dem Feld gefilmt?

Ab und an. Aber lass es da 100 Likes für ein Video gewesen sein, das war dann schon richtig viel. Das Video auf Plattdeutsch ist millionenfach geklickt worden. Ich glaube, es waren schon nach 14 Tagen 1,8 Millionen Klicks. Und das war noch, bevor ich in der NDR-Talkshow war.

Und was passiert jetzt, wenn Sie auf die Straße gehen?

Ich werde oft erkannt, von allen Altersklassen. Ja und dann war ich eben neulich mit dem Auto unterwegs und dachte, Mist, Du musst eben pinkeln. Ich bin aus dem Auto und es kamen da echt Leute auf mich zu. Da habe ich so getan, als müsste ich an meinem Auto irgendwas nachgucken. Oder neulich, da wollte ich mir einen Gürtel kaufen. Ich also zum Klamottenladen gefahren, mit dem Auto wirklich stumpf vor der Tür geparkt, schnell rein, Gürtel gekauft und wieder raus. Und selbst das hatte jemand mitgekriegt und auf meiner Fanpage mitgeteilt.

Wie ist das denn?

36, hat zwei Kinder, ist in Ostfriesland geboren.

Er arbeitet seit 20 Jahren als Lohner, hatte 2008 bis 2015 einen eigenen Lohnbetrieb und wohnt heute im niedersächsischen Zetel.

Er fährt gern Motorrad, trainiert regelmäßig und hat früher in zwei Bands Schlagzeug gespielt und gesungen.

Ich kann da gut mit um. Ich bin ja einfach nur ich und wenn ich andere damit begeistern kann, ist das doch gut. Einige sagen, ich komme als Botschafter rüber und zeige, dass das Plattdeutsche nicht nur was für Alte ist.

Sie haben sich das Plattdeutsche selbst beigebracht?

Ja, genau. Ich bin seit 20 Jahren im Lohnbetrieb tätig und komme von Hof zu Hof und durch viele Ortschaften. Und da ist das Plattdeutsche überall anders, deshalb klingt meins auch ganz anders wie zum Beispiel von jemandem, der das von seinen Eltern beigebracht kriegt. Manchmal fehlen mir Worte und darum schwanke ich so zwischen Hochdeutsch und Plattdeutsch, aber das ist mir auch total egal. Ich lerne eben jeden Tag dazu. Ich habe auch keine Ahnung, wo die Reise hingeht. Ich habe ja meinen Job und das andere ist so nebenbei.

Nebenbei ist gut, seitdem Sie das Video hochgeladen haben, sind Sie ja Vollzeit als „Ostfriesen-T“ oder „De Schwatten Ostfrees Jung“ unterwegs.

Es ist brutal, was da abgeht. Film, Fernsehen, Serien, Dokumentationen, was da für Anfragen kommen! Das ist Wahnsinn.

Und was machen Sie jetzt?

Ich warte erst mal ab, ganz entspannt. Ich meine, klar, irgendwie schon geil! Aber ich sage, man muss das mit Vorsicht genießen. Ich will auch nicht in irgendeine Schublade. Ich hatte auch Angebote, winkend durch Diskos zu ziehen oder so. Das hab ich alles abgelehnt.

In welche Schublade werden Sie denn gesteckt?

Viele denken, das ich jetzt mit dem Hype das große Geld machen will.

Sie verkaufen ja auch T-Shirts mit ihrem Konterfei drauf.

Ja, aber das kam nicht von mir, sondern die Leute wollen das haben. Ich komme mir immer noch total normal vor, aber wenn Du so viele Anfragen kriegst, denkst du irgendwann, ach komm, mach doch einfach. Ich bin aber Realist: So schnell, wie es jetzt hoch geht, so schnell kann es auch wieder weg sein.

Was hat es mit dem Namen „Ostfriesen-T“ auf sich, unter dem Sie Ihren Blog schreiben?

Mr. T aus der US-Serie A-Team begleitet mich schon meine ganze Kindheit und ich gucke die Serie heute noch jeden Sonntag. Als ich klein war, hat eine Bekannte meiner Mutter immer Mr. T zu mir gesagt.

Heute sehen Sie dem Schauspieler Mr. T, der mit seiner Rolle als Bosco Albert „B. A.“ Baracus berühmt wurde, recht ähnlich: der Iro, die dicken Ketten, die vielen Muskeln.

Ich hatte auch früher schon einen Iro, auf meinem Führerscheinfoto zum Beispiel. Und vor drei Monaten dachte ich mir, ach, lass Dir mal wieder einen Iro wachsen. Vorher hatte ich lange Glatze, weil man schon komisch angeguckt wird mit so einem Iro. Aber ich dachte mir, ach, ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken. Das ist mein Leben. Und wenn ich jetzt aufgrund meines Aussehens beurteilt werde, damit habe ich ja sowieso mein ganzes Leben schon zu tun, dann ist das eben so.

Sie sagen von sich: Ich bin ein waschechter Ostfriese, nur anders verpackt. Was ist denn diese andere Verpackung?

Ich bin dunkel. Das ist alles. Es gibt keinen anderen Unterschied, ich ja hier in Wittmund geboren.

Wann ist Ihnen das aufgefallen?

Was? Dass ich dunkel bin?

Ja, ich meine, irgendwann müssen Sie doch gemerkt haben, dass Sie anders aussehen.

Also meine Kindheit war nicht immer leicht und es gab Momente, in denen ich gesagt habe, ach, ich wäre gerne weiß.

Was waren das für Momente?

Ach, alle hatten eine Freundin und mich mochte keine. Es gab Sprüche wie: „Oh, Du färbst ja gar nicht ab.“ Oder: Ich gehe in einen Laden rein und werde angeguckt. Ich bin schwarz und da denken die Leute automatisch, der klaut bestimmt was. Ist wirklich so, ich habe viel mit Vorurteilen zu tun. Die Leute wissen ja nicht, aus welchem Elternhaus ich komme. Es steht ja nirgends auf meiner Stirn geschrieben, dass mein Vater Ingenieur ist und meine Mutter Köchin. Die sehen nur, wie Du aussiehst und fertig. Da habe ich viel in mich reingefressen früher. Aber ich hatte meinen besten Freund aus dem Dorf, der stand immer hinter mir. Da war es leichter, mich mal zu öffnen.

Sie sind in dem 600-Einwohner-Ort Asel in Niedersachsen aufgewachsen. Sind Sie dort auch angeeckt?

Nein, in Asel-City war alles gut, da wusste jeder, wo ich hingehöre. Ich bin da bei meinen Großeltern auf dem Betrieb groß geworden, das ist Dorf.

Das war ein kleiner Hof, oder?

Ja, wir hatten da vielleicht 30 Kühe. Das war Nebenerwerb, mein Opa hat ja noch bei der Stadt gearbeitet.

Und Ihre Eltern?

Mein Vater ist Agraringenieur und arbeitet heute beim Landkreis. Früher war er beim Deutschen Entwicklungsdienst in Kamerun und hat da meine Mutter kennengelernt. Sie sind zusammen nach Ostfriesland gekommen, ich bin 1981 in Wittmund geboren, aber meine Eltern sind eine Weile wieder nach Kamerun zurückgegangen. Ich habe dort das Klima aber nicht vertragen, bin zurück zu meinen Großeltern und dort erst mal ohne meine Eltern aufgewachsen. Bis mein Vater dahinten fertig war. Heute leben meine Eltern auch wieder hier oben.

Problematisch wurde es also erst, als Sie zur Schule nach Wittmund mussten?

Ja, weil ich da mit den Kindern aus der Stadt in Kontakt kam. Und dann ging es eben los.

Was ging los?

Prügeleien, man hat sich angespuckt, da gab es alles. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Du bist Opfer oder Du wehrst Dich und teilst aus. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

Und deswegen mit dem Krafttraining angefangen?

Das kam erst mit 18. Mein bester Freund wollte ein bisschen abnehmen und fragte mich, ob ich mit zum Fitness komme. Ich hatte Untergewicht, war eher drahtig, hab Selbstverteidigung gemacht, Karate, Kickboxen, bin Skateboard gefahren, hab Basketball gespielt. Gute zwei Jahre haben wir zusammen Fitness gemacht, dann hatte er sein Ziel erreicht und ich Blut geleckt.

So wie Ihr Körper aussieht, haben Sie bis heute nicht aufgehört.

Ja, ich bin Vollgas dabei! Meistens trainiere ich aber im Sommer wegen meines Jobs wenig und von November bis April dann so drei Mal die Woche. Das ist ein gutes Pensum, wenn man weiterkommen will.

Was ist denn das Ziel? Einen Meter Oberarmdurchmesser?

Momentan ist mein Ziel: Bankdrücken 200 Kilo. Ich bin bei 170 Kilo. Da oben wird es aber immer schwieriger, da zählt jedes Kilo.

Können Sie diese körperliche Kraft auf der Arbeit brauchen?

Nö. Bei meiner Arbeit als Lohner brauchst Du den Kopf und Fingerfertigkeit.

Was genau machen Sie?

Wir machen als Lohner Dienstleistungen für die Landwirtschaft. Ich bin als Lkw-Fahrer unterwegs. Gärsubstrate fahren. Oder Grassilage oder Mist. Oder im Frühjahr mit dem Trecker unterwegs, Gülle fahren, Aussaat machen, ackern. Wir machen die Feldbestellung, die Erntearbeit und die Transporte für die Landwirte. Ich hab schon als Kind ins Poesiealbum geschrieben, dass ich Lohner werden will. Ich bin ein Landei und will immer da wohnen, wo man nackt ums Haus laufen kann. Das ist Heimat für mich und mehr brauche ich auch nicht. Ich hab zum Beispiel letztes Jahr zum ersten Mal in meinem Leben Urlaub gemacht.

Echt zum ersten Mal? Wo sind Sie hingefahren?

Fuerteventura. Das schreit nach mehr und ab jetzt wird Urlaub gemacht.

Fahren Sie nun auch mal nach Kamerun, da waren Sie nie wieder, oder?

Nee, stimmt, vielleicht mache ich das jetzt mal. Mal gucken.

Wie reagiert denn Ihr Umfeld auf Ihren plötzlichen Bekanntheitsgrad?

Es gibt die, die es mir gönnen und die Neider. Aber ich soll jetzt ja auch für alles Mögliche herhalten. Zum Beispiel auch für Integration.

Als Beispiel für gelungene Integration? Da können Sie nichts mit anfangen?

Nee, natürlich nicht, ich bin ja hier geboren. Die Leute haben schon komische Vorstellungen. Einige glauben auch, ich bin jetzt reich, weil ich überall in den Medien und im Fernsehen auftauche. Und die glauben mir nicht, dass das nicht stimmt.

Als waschechter Ostfriese kennen Sie Ostfriesenwitze, oder?

Ja, vom Hören. Aber ich bin ein ganz schlechter Witzeerzähler.

Wieso hat die ostfriesische Marine an einem einzigen Tag die gesamte U-Boot-Flotte verloren?

Oh. Den hab ich noch nie gehört!

Es war Tag der offenen Tür.

Ok!

Warum haben die Ostfriesen ein langes und ein kurzes Bein?

Vom am Deich stehen!

Genau! Gab es eigentlich mal die Idee, den Hof Ihrer Großeltern zu übernehmen?

Als sie vor ein paar Jahren gestorben sind, hatte ich schon die Idee, den Hof zu kaufen. Aber das hat nicht geklappt. Es wäre mir aber schon wichtig gewesen, dass die Hofstelle in der Familie bleibt. Ich bin da groß geworden und jetzt wohnt da jemand anders, das ist schon komisch. Ich kenne da einfach alles, damals den Koksmann und wie Opa mir gezeigt hat, wie man unten den Ofen anheizt und so. Hattest Du den Ofen nicht richtig zugange, war nur kaltes Wasser und kalte Heizung da.

Gibt es was, dass Sie sich für die nächste Zeit wünschen?

Besseres Wetter.

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Die Kommentarfunktion verabschiedet sich über die Feiertage und wünscht allen Kommune-User*innen ein tolles Osterwochenende in der analogen Welt!

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