: „Das Familiengefüge als Mobile“
Kongreß: Frühintervention als Therapie für drogenabhängige Jugendliche ■ Von Lisa Schönemann
Welche Rolle spielt der familiäre Hintergrund bei der Drogenabhängigkeit eines Kindes? Mit dieser Frage beschäftigt sich ab heute der dreitägige Kongreß „Familie und Suchttherapie“ im UKE. 42 WissenschaftlerInnen wollen ihre Erfahrungen mit familientherapeutischen Behandlungsansätzen vergleichen. „Wir geben nicht nur dem Abhängigen, sondern auch seiner Familie einen Anstoß“, beschreibt Rainer Thomasius seine Arbeit in der UKE-Psychiatrie, „wie ein Mobile gerät das Familiengefüge in Bewegung“.
Sportverein, Clique und Schule machen sowenig süchtig wie das Stadtviertel, aus dem die Abhängigen kommen. „Das soziale Milieu bestimmt höchstens, mit welchen Suchtmitteln die Jugendlichen konfrontiert werden“, hat Thomarius beobachtet. Der Schritt in die Abhängigkeit werde eher durch zwei typische innere Konflikte der Jugendlichen begünstigt: Dem Mangel an Selbstwertgefühl und der Problematik von Nähe und Distanz in ihren Beziehungen, die sie nach Mustern ihrer Herkunftsfamilie gestalten.
Beim Ausstieg aus der Drogensucht geht es dem Psychiater und Familientherapeuten darum, „einen Fuß in die Tür zu bekommen“, bevor der jugendliche User alle Kontakte hinter sich abgebrochen hat. Das Projekt „Drogenabhängigkeit und Familientherapie“ am UKE nimmt daher nur Familien auf, deren Kinder erst seit maximal zwei Jahren regelmäßig Opiate nehmen und zwischen 13 und 21 Jahre alt sind.
„Wir verstehen uns bewußt als Frühintervention für eine Klientel, die nicht in das Methadonprogramm hineinkommen und auch nicht zu der Gruppe der Drogengebraucher gehören, für die eine Freigabe von Heroin die letzte Rettung wäre“, so ein Projektmitarbeiter. Zumeist werden die Familien von den niedergelassenen Ärzten oder den jeweiligen Klassenlehrern an die Psychiatrische Klinik des UKE verwiesen.
Modellhaft wird hier ein ambulantes Behandlungsangebot für die frühe Phase des Drogenkonsums zur Verfügung gestellt. Die Therapeuten begleiten die Familie über ein bis anderthalb Jahre. „Wir versuchen die Ressourcen der Familien herauszukitzeln, die sie selbst nicht nutzen“, sagt der Projektmitarbeiter und Psychologe Udo Küstner. Beispielsweise werden Eltern angeregt, persönlichen Streit von der Auseinandersetzung um das – nun süchtige – Kind zu trennen.
Nach spätestens zwei Jahren wollen die Psychologen die 70 Familien erneut befragen, ob das Ziel der Drogenfreiheit erreicht wurde und die Kinder einen drogenabstinenten Freundeskreis aufbauen konnten. Die Ergebnisse dieser Studie werden mit den Erfolgen einer Kontrollgruppe von Drogenabhängigen verglichen, die eine klassische stationäre Einzeltherapie durchlaufen haben. Bisher weist das Ausstiegs-Projekt am UKE mit 16 Prozent eine geringere Abbrecherquote auf als andere Therapieformen.
Die Drogenkranken können auf Wunsch einen stationären Entgiftungsplatz und eine parallel laufende Einzeltherapie bekommen. Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBF) fördert die Studie mit 1,2 Millionen Mark. Das Ergebnis der Untersuchung dürfte vor allem die Krankenkassen als Kostenträger interessieren, die bisher nur psychoanalytisch orientierte Therapieformen und Verhaltenstherapien, nicht aber Familientherapien anerkennen.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen