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starke gefühleQueers brauchen bessere psychosoziale Versorgung. Ihre Gesundheit muss unser aller Anliegen sein

Was gilt es nach dem ­Anschlag im Berliner Tiergarten zu tun? Debatten drehen sich um Sicherheitskonzepte: Brauchen wir bei kommenden Großveranstaltungen noch mehr Betonklötze? Es geht um Präventionsmaßnahmen, um zu vermeiden, dass Ge­fähr­der:in­nen zu Tä­ter:in­nen werden. Und um die Frage, ob Behörden versagt haben. Ja, all das gilt es zu ergründen, zu benennen, zu verbessern.

Die Frage danach, wie wir gesamtgesellschaftlich füreinander Sorge tragen, scheint in den Diskursen über bessere Sicherheitskonzepte unterzugehen. Denn die psychosoziale Versorgung der queeren Community ist nicht einmal annähernd ausreichend.

Um das, was geschehen ist, auszuhalten, steht die queere Community jetzt tagtäglich füreinander ein. Schafft Räume, in denen je­de:r einfach sein und ruhen kann. Weint miteinander. Tanzt gemeinsam weiter. Gefühle bewegen sich zwischen Angst, lähmender Trauer, sich selbst schützendem Verdrängen, schreiender Wut und der Überzeugung, sich ganz besonders jetzt nicht einschüchtern zu lassen. Sich die zu bewahren, kostet immer und immer wieder Kraft. So ungerecht viel Kraft. Verlangt nach Re­si­lienz. Es ist schlichtweg untragbar, dass es für queere Personen keine ausreichenden Unterstützungsangebote gibt, um diese Resilienz zu stärken.

Seit 2010 hat sich die Zahl der queerfeindlichen Straftaten – physische Gewalttaten, Hass im Netz, Nötigung, Bedrohung – beinahe verzehnfacht. Fachstellen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

Queere Personen leiden je nach Studie mehr als doppelt so häufig an Depressionen wie die restliche Bevölkerung. Auch posttraumatische Belastungsstörungen, Angststörungen, suizidale Gedanken, Suizidversuche, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronische Rückenschmerzen sind in der Community verbreiteter. Aus psychologischer Perspektive sind das völlig logische Reaktionen der Psyche darauf, nicht in Liebe und Frieden leben zu können. Queere Personen bekommen in dieser Gesellschaft eine geringere Chance auf ein gesundes Leben.

Im Sozialgesetzbuch heißt es, unser Versorgungsnetz solle allen Menschen den Zugang zu Maßnahmen zum Schutz, zur Erhaltung und zur Wiederherstellung der Gesundheit ermöglichen. Doch dieses Netz hat immens große Löcher. Diejenigen, die es am meisten brauchen, lässt es fallen.

Die Probleme beginnen schon in der Ausbildung von psychologischen Psycho­therapeut:innen. Was es zum Beispiel bedeutet, andauernd bewertet und abgewertet zu werden und immer wieder die eigene Identität abgesprochen zu bekommen – in der Psychologie wird das als Minderheitenstress bezeichnet –, kommt dort viel zu kurz. Auch lernt man kaum etwas darüber, wie man einen Menschen bei geschlechts­angleichenden Maßnahmen begleitet. Queersensible Psychotherapie gehört nicht zur Grundausbildung. Für spezialisierte zusätzliche Weiterbildungen braucht es Zeit und finanzielle Kapazitäten. Mangelndes Wissen und mangelnde Sensibilisierung des Fachpersonals erschweren queeren Personen die ohnehin harte Therapieplatzsuche zusätzlich. Oft erleben die Betreffenden auch in der Therapie Diskriminierung.

Wenn auch nur ein Teil all der Reden betroffener Po­li­ti­ke­r:in­nen aufrichtig ist, wenn wirklich etwas zum Schutz von Gesundheit und Leben getan werden soll, dann müssen psychosoziale Beratungs- und Behandlungsangebote für diskriminierte Gruppen besser finanziert werden. Und in der Ausbildung der Psy­cho­the­ra­peut:in­nen muss Wissen über queere Lebens­realitäten vermittelt und Sensibilisierung erreicht werden.

In der Ausbildung von The­ra­peu­t:in­nen kommt das wichtige Thema Minderheitenstress viel zu kurz

Es darf nicht in den Händen Betroffener liegen, sich umeinander zu kümmern. Das müssen wir alle füreinander tun.

Hannah Marlene Göschel

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