VfB Stuttgart in der Bundesliga: Danke, lieber Fußball, dass du meine Sandbank im Alltag bist
Fußball mit allen noch so irren Momenten erhält meinen Glauben daran, dass die Welt vielleicht doch nicht so scheiße ist. Vor allem, wenn der VfB spielt.
W enn ich zum Ende eines Wochenendes im Kalender meines Handys auf die folgenden sieben Tage blicke, gibt es verschiedene Dinge, die ihnen Struktur geben: private Verabredungen, mein eigenes Sportprogramm und natürlich die Arbeit.
Und dann sind da noch Termine in hübschem Orange, eingetragen wie von Geisterhand. „BL: VfB Stuttgart – RB Leipzig“ steht dort diese Woche zum Beispiel. Sonntagabend, 19.30 Uhr. Die orangen Einträge im Handykalender markieren für mich kleine, besonders freudige Meilensteine in jeder Woche. Kleine Sandbänke, auf denen ich im oftmals reißenden Strom des Alltags kurz innehalten kann.
Jetzt ist es so, dass meine Wahl bei der Suche nach einem Lieblingsverein vor mehr als zwanzig Jahren auf den VfB Stuttgart gefallen ist, Cacau sei Dank. Sportlich läuft es da gerade ganz gut. Pokalsieger 2025, Achtelfinale der Europa League, Pokalhalbfinale. Ich erinnere mich aber an Zeiten, in denen die Sandbänke im Strom des Alltags oft halb weggeschwemmt oder von Schlamm bedeckt waren, mit dem Präsidium und Fans sich gegenseitig bewarfen.
Da spielte der VfB samstags um 13 Uhr in Osnabrück – und verlor 1:0. Da arbeiteten die Spieler hauptberuflich als Aufbaugegner für kriselnde Vereine. Und doch gab es da diese Hoffnung, dass zumindest für einen kurzen Moment alles gut werden könnte. Erstmal nur im Neckarstadion, aber wieso nicht irgendwann auch in der Weltpolitik?
Generell besteht ein großer Teil des Daseins eines Fußballfans daraus, sich mehr oder weniger begründet an Strohhalmen der Hoffnung festzuklammern. Innerhalb von 90 Minuten (zur Not auch 120 plus Elfmeterschießen) kann man verdammt viele Emotionen erleben.
Früher Rückstand? Klar, holen die noch auf. 0:3 zur Pause? Na gut, die anderen haben auch drei Tore in einer Halbzeit geschossen. Auswärtsspiel bei den Bayern? Heute muss doch der Tag sein, wo der Fußballgoliath wackelt.
Dieses Loslösen von jeglicher Rationalität ist es, was die orangen Einträge in meinem Kalender zu so besonderen Ereignissen macht, an die ich teilweise noch Monate und Jahre später zurückdenke. Beispiel gefällig? Am letzten Spieltag der Saison 2021/22 spielt der VfB zu Hause gegen Köln und muss für den direkten Klassenerhalt gewinnen, die Berliner Hertha muss gleichzeitig verlieren. In der Nachspielzeit, Spielstand 1:1, bekommt der VfB eine letzte Ecke.
Ich sitze auf dem WG-Sofa, vor Nervosität eher auf dem vordersten Ende der Sofakante. Der Ball segelt in den Strafraum, wird an den zweiten Pfosten verlängert und findet dort den Kopf von Wataru Endō. 2:1. Stuttgart bleibt erstklassig. Ich springe vom Sofa auf, Jubelschrei.
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Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke. Dieser kurze Moment, in dem der Ball in den Strafraum segelt, dann der Einschlag im Tor. Das fühlt sich im Nachhinein an wie mehrere Minuten, die Wiederholung der Szene habe ich inzwischen sicherlich hundert Mal gesehen. Und will jedes Mal wieder zurückspulen.
Der Tag hätte anders enden können, mit einem Stuttgarter Unentschieden etwa, ich hätte das Spiel vermutlich wenige Tage oder Wochen später abgehakt – und mich im Verlauf der Sommerpause vielleicht sogar ein kleines bisschen auf die folgende Zweitligasaison gefreut. In einem Lied der Band Fortuna Ehrenfeld heißt es: „In ein paar wenigen Minuten, an diesen ganz besonderen Tagen, ist die Welt gar nicht so scheiße, wie sie alle immer sagen.“
Für mich ist es der Fußball mit allen noch so unwahrscheinlichen Momenten, der meinen Glauben daran erhält. Natürlich ist die Fallhöhe beim Fußball gering, vielleicht ist genau das befreiend. Als Zuschauer:in darf man verschiedenste Gefühlsausschläge in kürzester Zeit erleben, ohne dass es dabei um Leben oder Tod, sondern maximal um ein paar Tage schlechte Laune und eben drei Punkte weniger geht.
Ich bin kein sonderlich guter Schwimmer, weder im Schwimmbad noch im Strom des Alltags. Deshalb bewundere ich Menschen, die keine orangen Inseln im Kalender haben wie die Bundesliga oder die Europa League. Aber sie tun mir auch etwas leid, weil sie so lange, anstrengende Strecken aus Politik und Leben am Stück schwimmen müssen, ohne dass ein Last-Minute-Tor wie das von Endo ihnen kurz Halt und Ablenkung gibt.
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