Linke Vor- und Rückschau: Verdammt lang her
Die wiedererstarkte Linkspartei müsste mehr sein als eine runderneuerte Sozialdemokratie. Sie könnte von Friedrich Engels und Woody Guthrie lernen.
E ine meiner Lieblingssendungen sind die „Zwischentöne“, am Sonntagmittag im Deutschlandfunk. Anderthalb Stunden ruhiges Gespräch, und der Gast hat die Musik mitgebracht. Dabei kann man aufräumen oder die Küche putzen. Radio wie früher. Vergangenen Sonntag war Lukas Beckmann zu Gast, Ende der siebziger Jahre einer der Gründer der Grünen, und nun 75 Jahre alt. Es fing spannend an, als er zu einer wohlwollenden, aber grundstürzenden Einschätzung seiner Partei ansetzte: Es gingen keine Impulse mehr von ihr aus. Das werde ja auch vielleicht auch gar nicht mehr von ihr erwartet, warf die Interviewerin, Marietta Schwarz, ein, und zitierte Winfried Kretschmann: „Der Wähler will Wachstum.“
Was für eine Vorlage. Aber Beckmann ging in die Kurve: Er wolle das gar nicht in Frage stellen, aber Wachstum sei, vor allem auch in Bezug auf die sozialen Themen, „eine offene Frage“, auch weil soziale Themen wie Renten, Gesundheit und Bildung unmittelbar mit der Wachstumsfrage zusammenhingen. Nach sechs Minuten Sendung stand so die ganz große Frage im Raum: Sind Ökologie, Klimaschutz und Wachstum vereinbar? Oder auch: Wie könnten wir die sozialen Sicherungen ohne Wachstum organisieren?
Ich hörte mit dem Küchenputzen auf und drehte den Empfänger lauter. Da sprach Beckmann einen Satz, der aus dem Orakel stammen könnte: „Wenn man ein großes Rad dreht, dann drehen die kleinen Räder auch mit, aber ein kleines Rad zu drehen und dabei gleichzeitig das große in Bewegung zu halten, kostet viel Energie.“ Sodass wir oft „das Aktuelle bearbeiten, das Wirkliche aber außen vor lassen“.
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Was meint er mit dem Wirklichen?
Das Wirkliche? Was meint er? Den Klimawandel, die Schere der Einkommen und Vermögen, die KI, die Armut im Süden, die Verwüstung der Welt durch das Wachstum der Dinge oder den Treiber von all dem, den Kapitalismus? Und wie sähe die „Bearbeitung“ aus? Die Abschaffung des Kapitalismus? Die demokratische Postwachstumsgesellschaft? Den Sozialismus gar? Ich war gespannt.
Aber dann kam keine Nachfrage, sondern Musik: „Verdammt lang her, dass ich fast alles ernst nahm, verdammt lang her, dass ich an was geglaubt …“ Auf das BAP-Lied aus den frühen Achtzigern folgte ein leicht wehmütiges Gespräch über die große Gründungszeit, als Künstler wie Joan Baez, Lindenberg, Gianna Nanini für die Grünen sangen, Otto Schily Klavier spielte, Petra Kelly Gedichte aufsagte und auch Beuys dabei war. Als die Grünen eine Kulturbewegung waren.
Zwischen der Musik aus den Achtzigern: tapfer vorgetragener Resignation in knappen Schnipseln. Über die Mietenfrage etwa: „Keine Partei ist bereit, über Eigentum an Grund und Boden zu reden. Es wäre ein Thema für Grüne, aber man traut sich nicht zu, über die wichtigen Fragen zu sprechen.“ Das gelte nicht nur für die Grünen. In parlamentarisch verfassten repräsentativen Demokratien könnten die Parteien der Mitte keine sachgerechten Lösungen finden. So seien sie angewiesen auf Impulse aus der Gesellschaft, die sie wischlaglochederum nicht einfordern weil, siehe oben: der Wähler das Wachstum wolle.
Ähnlich hatte es Niklas Luhmann schon Mitte der Neunziger geschrieben. Unter dem Titel „Haben wir wirklich gewählt – oder hat das Volk gewürfelt?“, imaginierte er eine zeitgemäße „Partei für Industrie und Arbeit, die […] nur als ‚große Koalition‘ denkbar wäre“, und antizipierte große Schwierigkeiten „einer politischen Opposition gegen ein solches Regime. Es gibt Sorgen genug, zum Beispiel solche, die in den neuen sozialen Bewegungen zum Ausdruck kommen, Sorgen um Technikfolgen oder ökologische Probleme oder Sorgen, die mit Migrationsproblemen, mit zunehmender Gewaltbereitschaft […] zu tun haben.“ Weswegen Luhmann eine blockierte Demokratie befürchtete.
Interessant an Beckmanns Mischung aus Traurigkeit und demokratischer Demut: Die Linke kam nicht vor. Nicht die Partei und nicht das Adjektiv. Als gebe es links neben der übergroßen Mitte nur noch ein Vakuum. Dabei erleben wir gerade das unerwartete Comeback einer sozialistischen Partei, die Verdoppelung ihrer Mitglieder in zwölf Monaten, mit einem alten Rezept: dem Gang von Tür zu Tür, der kleinen Hilfestellung mit dem Wohngeldrechner. Alles noch mal von vorn also, wie schon vor 1890, wie noch in den 50er Jahren, bis die SPD den Kassierer abschaffte und durch die Abbuchungsvollmacht ersetzte.
Mut zum strategischen Nachdenken
Diese Linke hat trotz des plötzlichen Aufwindes hoffentlich Zeit zum strategischen Nachdenken. Eine neue Linke, das müsste mehr sein als eine runderneuerte Sozialdemokratie. 60.000 neue Mitglieder, meistens jung, verbreiteter Frust auch in den akademischen Mittelschichten und Sympathie bei „Kreativen“ lassen auf eine kulturelle Erneuerung hoffen. Lukas Beckmann, die meisten Veteranen von 68 ff. stammten ja auch nicht aus dem weiland Proletariat, sondern aus gutbürgerlichen Mittelschichten, und ein Großteil der Begeisterung kam aus der Mitwirkung von Künstlern und Wissenschaftlern. Das verrückte die Wählerschaft der SPD nach links, begründete Taschenbuchreihen, pädagogische Experimente, Universitätsseminare.
Sozialismus ist schließlich mehr als Umverteilung zwecks Verhinderung von Aufruhr. Nicht nur eine rationale Organisation, die das Überleben der Menschheit sichern könnte. Er ist das Erbe christlicher Revolutionäre, bürgerlicher Aufklärung und blutiger Kämpfe. „Wir reklamieren den Inhalt der Geschichte“, schrieb Friedrich Engels 1844, und das hieß: die Anstrengungen all der Generationen vor uns, der Aufklärer, der Poeten, der Arbeiter und der Mütter, die soll nicht umsonst gewesen sein.
Beim Folksänger Woody Guthrie heißt es später etwas kürzer: This land was made for you and me. Wäre schön, wenn derlei kulturelles Beigut den linken Kampf um niedrige Mieten beflügeln könnte. Einige Veteranen könnten sicher noch mit Zitaten aushelfen.
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