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Leerstellen in journalistischen TextenWas der Flaschensammler nicht erzählte

Wann hat man schon das Glück, den Protagonisten seines Textes zweimal zu treffen? Ein paar Gedanken zu der Zufälligkeit meiner Recherchen.

Das Leben als Flaschensammler ist schwer genug – die Anfeindungen von außen machen es noch schwerer Foto: Paul Zinken/dpa

Hamburg taz | Es heißt, man trifft sich immer zweimal, aber das stimmt nicht, zumindest im Journalismus: Meist schreiben wir nur einmal über Menschen. Was danach passiert, erfahren wir selten, und wenn, wird daraus selten ein Text. Bei der Geschichte des Flaschensammlers gibt es einen Nachtrag, aber der ist, wenn man ehrlich ist, zufällig, weil der Flaschensammler noch einmal in die Redaktion gekommen ist.

Er hat dabei eine Sache zurechtgerückt, aber vor allem hat er gezeigt, wie viele Leerstellen in solch einer Recherche bleiben, ohne dass man es merkt.

Der Flaschensammler hat zum ersten Mal im November vergangenen Jahres an der Tür unserer Redaktion geklingelt. Er sagte, dass er von der Security am Bahnhof Altona hinausgeworfen worden sei, als er dort Pfandflaschen abgeben wollte. Er habe nicht mitgehen wollen, woraufhin ihn die Security-Leute hinausgeschleppt hätten „wie ein Stück Müll“. Er habe dann lange vor dem Eingang gelegen, dabei sei seine Kamera verschwunden.

Der Flaschensammler sagte, er sei Umweltschützer und fotografiere in einem Wald bei Hamburg. Er trug einen braunen Wollpullover und einen langen Bart. Er wirkte wie jemand, der zu einer früheren Zeit Eremit hätte sein können. Sein Deutsch war auch aus der Zeit gefallen, ein bisschen wie ein Brief, den ein Dichter im 19. Jahrhundert schreibt.

Hilfsangebote der Le­se­r:in­nen

Dabei wirkte er wehrhaft. So etwas solle nicht vorkommen dürfen, sagte er. Und dass er nicht wisse, wohin er sich wenden solle mit seinem Protest gegen die Security, gegen die Polizei, die seine Anzeige nicht habe aufnehmen wollen, und mit seiner Frage, wie er wieder an seine Kamera kommen könne mit den Bildern aus dem Wald.

Ich hörte seine Geschichte und dachte, dass es einer der seltenen Geschichten sei, bei der Gut und Böse klar verteilt sind. Endlich eine, die man nicht sachte vereinfacht, damit sie plakativ genug ist für viele Klicks im Internet. Gegen Ende unseres Gesprächs tauchte noch eine Klippe auf: Vielleicht, sagte der Flaschensammler, gebe es ein Hausverbot gegen ihn. Falls ja, sei es fast zehn Jahre alt und erlassen worden, weil er die Tauben am Bahnhof füttere. Er müsse das, sagte er, er könne ihr Elend nicht mit ansehen.

Ich schrieb auf, was er mir erzählt hatte und holte die Stellungnahmen von Polizei und Bahn ein. Die Polizei schrieb, dass sehr wohl eine Anzeige aufgenommen worden sei, gegen Unbekannt, weil die mutmaßlichen Täter nicht mehr vor Ort gewesen seien. Die Bahn schrieb Tage später nichtssagend, man sei noch mit der Befragung der Mitarbeiter beschäftigt.

Nach Veröffentlichung des Textes meldeten sich mehrere Le­se­r:in­nen mit Hilfsangeboten: eine Kamera oder Geld, um eine neue zu kaufen. Der Flaschensammler war weder über Telefon noch über E-Mail zu erreichen, er hatte gesagt, er werde bei Gelegenheit noch einmal in die Redaktion kommen.

Ich fragte mich, ob ich den Le­se­r:in­nen einen neuen Text schuldete oder der alte die Graustufen schon gezeigt hatte

Er kam nicht, stattdessen schrieb mir die Bahn, dass ein Hausverbot gegen ihn vorliege. Ich las die E-Mail und dachte: Wie groß ist das Unrecht, jemanden, der Hausverbot hat und sich weigert, zu gehen, hinauszutragen? Ich fragte mich, ob ich den Leser:innen, die Hilfe angeboten hatten, einen neuen Text dazu schuldete oder ob der alte die Graustufen schon gezeigt hatte.

An einem Dienstag kam der Flaschenmann überraschend wieder. Er wollte davon erzählen, dass ihn ein Bahnmitarbeiter schikaniere. Ich sagte, dass ich wenig Zeit hätte, was halb stimmte. Schließlich sagte ich doch, was ich eigentlich sagen wollte: „Laut Polizei stimmt es nicht, dass Sie keine Anzeige erstatten durften.“

Der Flaschenmann erzählte stattdessen von seinen Schwierigkeiten mit dem Bahnmitarbeiter. Dann kam er doch noch auf die Anzeige zurück: Vor Ort habe er keine erstatten können. Auch auf dem ersten Revier nicht. Erst auf dem zweiten am anderen Ende der Stadt.

Die Welt ist voller Graustufen. Wahrscheinlich können wir Jour­na­lis­t:in­nen nicht mehr, als sie ansatzweise nachzuzeichnen. Nachdem der Flaschensammler gegangen war, habe ich einer der Leserinnen geschrieben: Ob sie die angebotene Kamera nun zu uns schicken könne. Der Flaschenmann wollte kein Geld für eine Fahrkarte annehmen. Aber er will wiederkommen. An einem Dienstag.

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