Die Kunst der Woche: Wenn man will
Göran Gnaudschun erinnert uns in der Galerie Poll ans Hinsehen. Kathrin Linkersdorff sorgt im Haus am Kleistpark für eine Explosion der Pflanzenstoffe.

D ie Welt scheint nur noch aus Herausforderungen zu bestehen. Herausforderungen, die meist geleugnet werden. Seien es der Klimawandel, das Erstarken populistischer Parteien, Fake News und die entsprechenden Medien, Kriege und Kriegsflüchtlinge oder die durch wirtschaftliche Not und autoritäre Regime angetriebene Migration, um nur einige Baustellen zu nennen: Wenn man will, gibt es das alles nicht.
Dabei kann man es sehen. Überall im Alltag. Wenn man will. Und wenn man es kann. So wie Göran Gnaudschun in seinem fortlaufenden fotografischen Projekt „Gegenwarten“, in dem er gesellschaftspolitische Themen und Konflikte mit einem Blick in den Himmel oder auf das Display seines Smartphones leise, hintergründig und klug, geradezu sinnbildhaft wiedergibt. Rund 40 Fotografien in mittleren und kleineren Formaten von 80 x 60, 50 x 40 und 30 x 24 cm, ziehen sich den Wände der Galerie Poll entlang, wo Gnaudschun sein 2024 begonnenes Werk erstmals vorstellt.
Die Bilder findet er in seinem persönlichen Umfeld, stille, eindrückliche Porträts von jungen und manchmal auch älterer Menschen mischt er mit Landschaftsansichten, Alltagsszenen und aus Zufall geborenen Stillleben. Wer diesen Bildern an der Wand folgt, kommt unmittelbar mit dem Lebensgefühl und der Verfasstheit unserer Gesellschaft in Berührung.
Mal ganz abstrakt vermittelt wie im Stillleben der gebündelten roten und weißen „Datenkabel“, unter die sich ein einsames blaues mischt, mal ganz konkret wie in der Fotografie eines Baumes im Wald der Erinnerung der Bundeswehr in Geltow, wo ein Kind mit den farbigen Abdrücken seiner kleinen Hände die Trauer um seinen im Auslandseinsatz gefallenen Vater ausdrückt.
Ganz direkt ins Bild kommt Politik mit der Erkennungsmarke mit dem Davidstern und dem Datum des 7.10.2023, dem Tag des mörderischen Überfalls der Hamas auf israelischem Gebiet. Gespiegelt in „Free Palestine“, dem Foto eines einsamen palästinensischen Fahnenträgers in irgendeiner Berliner Straße.
Erschreckend auch „Wahlergebnis“, die Grafik auf dem Smartphone, die eine klar geteilte Republik zeigt, mit einer AfD-Mehrheit in allen östlichen Bundesländern. Fast unbegreiflich und bewundernswert wie Gnaudschun kleinen Momenten große Bedeutung verleiht, wie in „Schmetterlinge“, dem Foto, das just diese Insekten zeigt, freilich wie sie über die völlig nackte, kahle Erde flattern. „Hochwasser an der Oder“ wirkt da fast schon überdeutlich und ist doch vor allem ein faszinierendes Landschaftsbild.

Nicht zuletzt mit dem Blick in den sonnigen, leicht bewölkten Himmel mit dem winzigen schwarzen Punkt des „Eurofighter Typhoon“, mit dem heiteren „Steine fitschen“ und dem verheißungsvollen Lichtspalt am „Morgen“ wird der Besuch von Göran Gnaudschuns „Gegenwarten“ zu einer wunderbaren, aufschlussreichen Meditation über unseren Alltag, mit seinen alltäglichen Freuden und den Problemen, die zu bewältigen kein Alltagsgeschäft zu sein scheint und es doch ist. Denn auf dem Mars lösen wir unsere Probleme nicht.
Forschung an der Blüte
Ihre Fotografien handeln vom Sterben der Blumen und gleichzeitig erzählt Kathrin Linkersdorff in „Microverse“, ihrer Ausstellung im Haus am Kleistpark, vom Leben der Farben. Für ihre Werkgruppe „Wabi Sabi“ (2013-2018) – benannt nach der japanischen Vorstellung, dass das Unvollkommene und Unbeständige wesentlicher und kostbarer Bestandteil des Lebens ist – hat sie verwelkende Tulpen, Mohnblüten, Artischocken, Sonnenblumen, Lilien und auch Samenkapseln mit großer Sensibilität einem Trocknungsprozess unterzogen und genau den Moment eingefangen, in dem die Blüte in ihrem Verfallsprozess ihre letzte Schönheit erreicht.
Wie ihre Aufnahmen zeigen, scheinen die Farben der Blüten kurz vor dem Verwelken noch intensiver und durch einen metallischen Glanz verstärkt zu werden, der über dem satten Farbton der Blütenblätter liegt.
Kein Wunder, dass sich Linkersdorff für die Veränderungen, die die Farben in der Natur durchlaufen, zu interessieren begann. Den Prozess des Verblassens, der nach dem Höhepunkt der Blüte durch die UV-Strahlung rasch einsetzt, hat sie in der Werkgruppe der „Fairies“ (seit 2020) auf die Spitze getrieben, indem sie den getrockneten Tulpen ihre wasserlöslichen Farbstoffe, die so genannten Anthocyane, chemisch kontrolliert entzog.
Göran Gnaudschun: Gegenwarten, Galerie Poll, im Rahmen des EMOP Berlin 2025, bis 19. April, Di.–Sa. 12–18 Uhr, Gipsstr. 3
Kathrin Linkersdorff: Microverse. Haus am Kleistpark, bis 8. Juni, Di.–So. 11-18 Uhr, Grunewaldstr. 6-7; Künstlerinnengespräch mit Kathrin Linkersdorff und Prof. Dr. Regine Hengge, Moderation Dr. Christiane Stahl, am Mittwoch, 9. April, um 19 Uhr
Die auf ihr filigranes Fasergerüst reduzierten Blüten wurden so zu wahren Feenwesen, die die Künstlerin ins Wasser tauchte und ihre entfärbte Silhouette an bestimmten Stellen anschließend wieder mit ihrem eigenen, zu Tinte konzentrierten Farbstoff benetzte.
Vor schwarzem Hintergrund fotografiert, entfalten die Blüten eine zarte Farbigkeit in barocker Formenpracht. Vor hellem Grund werden die Farbschlieren der Tusche sichtbar, die das Schwarz sonst verschluckt. Zwischen die opulenten Formen der Blütenblätter mischen sich also die Schlieren in unvorhersehbarer Formenvielfalt was zu leicht theatralischen, dabei aber heiteren Blumenbildern führt.
Wie der Ausstellungstitel bereits andeutet, steht die Werkgruppe „Microverse“ (seit 2023) im Zentrum der Schau, mit Fotografien, für die Kathrin Linkersdorff gemeinsam mit der Mikrobiologin Regine Hengge die Farben ihrer Pflanzen regelrecht gezüchtet hat. Über Likes auf Instagram bekannt geworden, entwickelte sich zwischen den beiden eine intensive Korrespondenz, die schließlich zur Einladung von Linkersdorff führte – als Artist in Residence des interdisziplinären Excellence Clusters „Matters of Activity“ – am Institut für Biologie/Mikrobiologie der Humboldt-Universität, dem Institut von Regine Hengge, weiter an Pflanzen und Farben zu forschen. Nun sollten Tulpen, Akelei, Erbsen und andere Pflanzen durch Bakterien neue Schönheit im Verfall erfahren.
Hengge empfahl der Künstlerin mit dem Bodenbakterium Streptomyces coelicolor zu arbeiten. Streptomyceten sind für die Bildung von Humus verantwortlich, sie sind nicht pathogen, produzieren aber bei Stress, wie er zum Beispiel bei Nährstoffmangel entsteht, intensiv gefärbte, antibiotisch wirkende Substanzen. Streptomyces coelicolor bildet nicht nur, aber vor allem ein blaues Antibiotikapigment aus, das der Farbe von Lapislazuli ähnelt, das aber, weil es nicht mineralischen, sondern organischen Ursprungs ist, lebt, wächst und stirbt.
Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.
Die vielen Schritte bis zur fotografischen Aufnahme zu benennen und zu erklären ist hier unmöglich. Möchte man also die große, erstmals im Haus am Kleistpark gezeigte, vierteilige Arbeit, auf die man gleich beim Betreten der zentralen Ausstellungshalle stößt, näher erkunden, lohnt sich der Kauf des hervorragend gedruckten Katalogs mit erhellenden, verständlich geschriebenen Essays.
Obwohl man beim Anblick der Tafeln erst einmal meint, kosmische Nebel und weiß strahlenden Galaxien zu sehen, siedeln sich die grandiosen blauen, roten, lilafarbenen, grünen oder orangenen Farbexplosionen doch ganz irdisch an den transparenten Fasergerüsten der Blüten an. Und so tanzen die toten Blumen in bunten Kleidern aus antibiotischen Stoffen durchs Bild. Verwegen schaut es aus, das Stillleben des 21. Jahrhunderts.
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