horrorkino zu halloween: Wer killt bis zuletzt?

Das Final Girls Berlin Film Festival im City Kino Wedding lässt die Kil­le­r:in­nen los. Auch auf das eigene Selbst.

Das Gesicht einer Frau blickt aus einer Wand unter Wasser, die mit Korallen und Muscheln bewachsen ist und in er sie selbst zu verschwinden scheint

Aquarium ihrer Selbst: Szene aus „Dark Water“ (R.: Erin Coates und Anna Nazzari, 2020) Foto: Erin Coates und Anna Nazzari

Die Regeln im klassischen Teenie-Horror sind bekannt: die Frau, die im Slasher-Film als erstes Sex hat, muss auch als erstes dran glauben. Der Typ mit der komischen Maske wird sie sich holen. Und es ist eigentlich immer ein Typ in dieser Art von Filmen, der alle terrorisiert, vor dem sich jeder und vor allem jede fürchtet, der die totale Macht ausübt. Der Horrorfilm ist voll mit solchen Formeln und schablonenhaften Klischees. Zig postmoderne Streifen des Genres haben diese sogar bereits auf einer Metaebene dekonstruiert, man denke nur an die berühmte “Scream“-Reihe von Wes Craven.

Panische Mädchen, die rumschreien, sobald sich ihnen jemand mit dem Metzgermesser, der Kettensäge oder auch nur mit einer Blume in der Hand nähert, muss man beim Final Girls Berlin Film Festival nicht befürchten. Hier gibt es keine genretypischen Gender-Stereotype und vor allem dürfen Frauen auch mal das Gegenteil sein vom ewigen Opfer. Sie können vielmehr gerne hemmungslos böse agieren und in die Täterrolle schlüpfen. Und wenn sie doch mal Sex haben, wie eine der beiden WG-Mitbewohnerinnen im Kurzfilm “The Lovers“, der in der neuen Ausgabe des Festivals gezeigt wird, dann ist damit nicht ihr eigenes Ende besiegelt, sondern das des Nachbarn.

Vom 29. bis zum 31. Oktober, also passend rund um Halloween, findet nun schon die zweite Ausgabe des Festivals in diesem Jahr statt. Die erste gab es im Februar, da aber aufgrund der Pandemielage nur als Streaming-Veranstaltung. Nun, mit neuem Filmprogramm, kehrt der Horror zurück ins echte Kino und zwar in das City Kino Wedding, sowie zusätzlich in den Stream.

Zum Selbstverständnis des Festivals gehört, dass sämtliche gezeigten Filme von weiblichen Regisseur:innen, Au­to­r:in­nen oder Pro­du­zen­t:in­nen gefertigt wurden. Was bestimmt ein entscheidender Grund dafür ist, dass auch in deren Filmen meist Frauen in den Hauptrollen zu sehen sind. Das Festival zeigt Langfilme, seine Spezialität ist aber das kurze Format. Die Kurzfilme werden zu Themenpaketen geschnürt mit solch verheißenden Aufhängern wie “Familienhorror“, “queerer Horror“ oder “soziale Krankheiten“.

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Final Girls Berlin Film Festival. 29. bis 31. Oktober. Im City Kino Wedding und im Stream.

Der wahre Horror kommt von Innen

Horror kann in vielen unterschiedlichen Formen auftreten und in allen möglichen Varianten inszeniert werden. Beim Final-Girls-Festival fällt auf, dass meist eher auf den subtilen, den psychologischen Grusel gesetzt wird und weit und breit kein Axtmörder und nicht einmal eine Axtmörderin zu sehen ist. Der Horror steckt vielmehr beispielsweise in einem selbst drin, wie in “Dark Water“, in dem eine Frau erst Haare aus ihrem Mund zieht, dann irgendwas aus einer sich öffnenden Wunde an ihrer Seite, bevor sich ihre Wohnung in ein riesiges Aquarium verwandelt. Was man inhaltlich alles nicht unbedingt verstehen muss, aber das ist bei Kunst eben manchmal so.

Oder es sind die Körpersäfte, die den Horror auslösen, wie in “They Salivate“, wo erst ein einsames Paar sich küsst. Dann wird die Kussspucke auf einer Party weiterverteilt und am Ende steht, wie schon in “Dark Water“, die ganze Wohnung unter Wasser, ohne dass man das hat kommen sehen. In “Haute Cuisine“ ist es nicht die Spucke, sondern horrorfilmgemäß echtes Blut, das äußerst kuriose Reaktionen bei anderen auslöst. In dem französischen Kurzfilm will Marie in einem Sterne-Restaurant Karriere machen. Ihr direkter Vorgesetzter macht ihr das Leben schwer und der Restaurantbesitzer lässt nur Kockünste am Rande zur Perfektion gelten.

Marie glaubt schon, dem Druck bei der Arbeit nicht standhalten zu können, bis sie zufällig entdeckt, dass ihr Blut ein Geschmacksverstärker der besonderen Sorte ist. Nach Maries Blutgerichten verlangt dann bald jeder Gast und selbst der Chef ist zufrieden. Jetzt muss Marie es nur noch schaffen, genug eigenes Blut zu liefern, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Und leider ist dann bald auch noch dem Chef das ewige Blut von Marie im Essen zu langweilig. Doch zum Glück erkennt sie, dass ihr Körper ja noch andere leckere Flüssigkeiten produziert.

Der Horror beim Final Girls-Festival ist, das zeigen die beschriebenen Filme, oft sehr seltsam und surreal. Dass er auch mal süß und niedlich sein kann, auch wenn man denkt, das sei ein Widerspruch in sich, zeigt der zweiminütige Stop-Motion-Kurzfilm “Coming Out“. In diesem macht Baby-Godzilla ihrem Papa klar, dass er gar kein Junge sein will, sondern ein Mädchen. Der Alte brüllt darauf schrecklich rum, aber nur, weil er halt nicht anders kann als überproportionierte Echse.

Denn wider Erwarten geht es völlig in Ordnung für ihn, dass sein Spross transgender ist. Und als dann mal wieder ein Kampf gegen irgendeines dieser anderen schrecklichen Ungetüme aus der japanischen Monsterszene ansteht, hat Baby-Godzilla eine pinke Schleife in den Schuppen stecken. Und der Herr Papa findet das einfach nur gut.

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