Kinotipp der Woche: In Sachen Popkultur

Das Musikfilmfestival Soundwatch zeigt Dokumentationen über Musikgenres, Popstars, randständige popkulturelle Phänomene und viele coole Frauen.

Genesis P-Orridge und Cosey Fanni Tutti (1969), Still aus „Other, Like Me“ (GB/USA 2020)

Genesis P-Orridge und Cosey Fanni Tutti (1969), Still aus „Other, Like Me“ (GB/USA 2020) Foto: Genesis P Orridge Archive

Schonmal von der amerikanischen Rockband Fanny gehört? Die war Anfang der Siebziger eine kleine Sensation. David Bowie gehörte zu ihren zahlreichen Fans und bis heute beziehen sich vor allem Musikerinnen auf sie. Doch im Großen und Ganzen erinnert sich kaum noch jemand an die Combo.

Diese gilt als erste rein weiblich besetzte Rockband überhaupt, die von einer großen Plattenfirma unter Vertrag genommen wurde. Und wenn sie auftrat, mussten auch die Typen im Publikum zugeben: Du meine Güte, die können ja alle spielen wie die Teufelinnen.

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Aus der großen Karriere wurde dann trotzdem nichts. Wobei die ja noch kommen kann. Denn Fanny gibt es wieder. Und sie rocken immer noch. Wie sehr, das zeigt sich in der Doku “Fanny – The Right To Rock“, die im Rahmen der neuen Ausgabe des Musikfilmfestivals Soundwatch gezeigt wird.

Frauen im Fokus

Eine Woche lang werden hier wieder Dokumentationen über Musikgenres, Popstars und randständige popkulturelle Phänomene wie eben Fanny im Lichtblick-Kino gezeigt. Frauen in der Musik, das zeigt nicht nur der Film von Bobbi Jo Hart über die drei wackeren Damen von Fanny, werden in diesem Jahr besonders fokussiert.

Ein Portrait der Punk-Ikone Lydia Lunch wird genauso gezeigt wie eines der Elektronik-Pionierin Delia Derbyshire. Und überhaupt wird verdeutlicht: die Pophistorie ist weiblicher, als man vielleicht immer noch denken mag.

Das gilt auch für den Eröffnungsfilm des Festivals, für “Other, Like Me: an Oral History of COUM and Throbbing Gristle“ von Dan Fox & Marcus Werner Hed. Die Doku ist nicht nur die längst überfällige, endlich wirklich gute Einführung in das Schaffen und Wirken von Throbbing Gristle, der disruptivsten Band aller Zeiten.

Sondern sie versucht, nicht einmal mehr Genesis P. Orridge als supercharsmatischen Leader in den Mittelpunkt zu rücken, sondern widmet sich ausgiebig Cosey Fanni Tutti und ihrem Beitrag zu Throbbing Gristles Radikalästhetik. Die Doku macht sich auch die Mühe, die lange Vorgeschichte der Band nachzuzeichnen.

Beeinflusst von den Wiener Aktionisten

Am Anfang war COUM Transmissions, eine Künstlergruppe Ende der Sechziger. Beeinflusst von den Wiener Aktionisten veranstalte sie Happenings, bei denen vor Publikum uriniert und sich nackt auf dem Boden herumgewälzt wurde. Dann kam Cosey Fanni Tuttis Pin-Up- und Pornophase, ein neuer Weg, sich selbst und die Machtverhältnisse zwischen sich und ihren Betrachtern zu erforschen, wie sie sagt.

Das Footage der Doku ist exzellent. Man sieht viel von den COUM-Performances und all die Sexheftchen, auf denen Cosey Fanni Tutti damals abgebildet war, werden vor die Kamera gehalten. Mitte der Siebziger wird aus COUM dann Throbbing Gristle, der Geist der Anti-Kunst wird auf Anti-Musik übertragen.

Krach, Lärm und Synthesizer-Experimente prägen den neuen, sogenannten Industrial-Sound. Ohne den es keinen Marilyn Manson geben würde und ohne den die Musik im Berghain heute anders klingen würde. Die Doku ist der Eröffnungsfilm des Soundwatch Festivals und wird als einzige im SO36 gezeigt. Als Hommage an ein bahnbrechendes Konzert, das TG damals in dem Berliner Club gegeben haben.

Gesamtkunstwerk Lydia Lynch

Exzentrik, Tabubrecherei und Sexploitation, darum geht es natürlich auch in “Lydia Lunch – The War Is Never Over“ von Beth B. Noch einmal wird in diesem sehr gelungenen Musikfilm der Weg von Lydia Lunch als No-Wave-Vorreiterin in New York Ende der Siebziger hin zu einem Gesamtkunstwerk nachgezeichnet, das als Schauspielerin, Spoken-Word-Künstlerin und weiterhin Musikerin ständig das Spannungsfeld zwischen Sex und Gewalt auslotet.

Lunch spricht offen von ihren eigenen Erfahrungen als Opfer von sexuellem Missbrauch. Der hat sie freilich nicht zerstört, sondern nur stärker gemacht. Sie wurde zur Frau, die sich nimmt, was sie will und wen sie will und für die bürgerliche Konventionen keine Rolle spielen.

Thurston Moore, ein alter Freund, berichtet beispielsweise davon, wie er einmal mit Lunch in New York unterwegs war und diese meinte, sie müsse jetzt unbedingt auf Toilette. Sie setzte sich dann auf die Treppe im nächstbesten Hauseingang, zog die Hose runter und ließ es fünf Minuten lang einfach laufen. Moore meint, eine wie Lunch habe er kein zweites Mal kennengelernt. Und dass sie es mit ihrer aktuellen, super agressiven Noiserockband Retrovirus immer noch drauf hat, kann man in der Doku auch sehen.

Cool bis zum Anschlag: St. Vincent

Weniger extrem als Lunch, aber auch ziemlich tough, ist die Sängerin und Gitarristin St. Vincent, um die sich “The Nowhere Inn“ von Bill Benz kreist. Was wie eine Doku über eine der interessantesten Popmusikerinnen unserer Zeit wirkt, ist am Ende aber was anderes. Das ganze ist eher ein Film, der scheinbar dokumentiert, wie eine Doku am Entstehen ist. Oder so ähnlich.

Super originell und voller überraschender Wendungen. Aber auch ein Stück weit zu arty, um einen auf Dauer wirklich zu fesseln. Trotzdem ist klar: St. Vincent ist cool bis zum Anschlag. Überhaupt: Danke Soundwatch, für all diese coolen Frauen, die bei euch gezeigt werden.

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