gesten der macht:
Starke Gefühlskultur via Brief
Eigentlich wird in der Diplomatie ja gerne telefoniert. US-Präsident Trump ruft den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu an, wenn dieser Iran wieder angreift und er selbst tobt. Der deutsche Kanzler Merz telefoniert mit seinem polnischen Kollegen Tusk, wenn der beleidigt ist, weil Merz, der französische Präsident Macron und der britische Premier Starmer Pläne für einen Waffenstillstand in der Ukraine vorlegen.
Das persönliche Telefonat – wenn auch unter Aufsicht etlicher Diplomat:innen und Strippenzieher:innen, die das Gespräch vorbereiten und das Gesagte irgendwie und irgendwann kommunizieren müssen – ist der Klassiker in der modernen Diplomatie.
Der ukrainische Präsident Selenskyj hat in mehr als vier Jahren Krieg auch viel telefoniert. Noch lieber lädt er sich zu jedem Gipfeltreffen von Staats- und Regierungschefs selbst ein. Zu EU-Gipfeln, zum G7-Treffen, zum Nato-Gipfel sowieso und zu jeder Menge anderer Zusammenkünfte, wo die Staatenlenker eben zusammenkommen.
Jetzt schickt Selenskyj Briefe. Und zwar an den russischen Präsidenten Putin. Die Tradition des Briefeschreibens fand im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt – heute schickt Selenskyj seinen Brief ins Netz, dorthin, wo ihn jeder lesen kann. Und weil Selenskyj nicht aus seiner Komikerhaut kann, darf ein Seitenhieb auf Putins Alter nicht fehlen. Es ist aber vor allem ein Schriftstück, das vor Selbstbewusstsein strotzt, vor klarer Haltung und vor allem Forderungen.
Ziemlich sicher war sich Selenskyj vorab bewusst, dass Putin ein Treffen für Verhandlungen mit ihm etwa in der Schweiz oder der Türkei ablehnen würde. Das Praktische an Briefen ist, dass sie dem Empfänger die Möglichkeit nehmen, sofort zu intervenieren oder gar das Gespräch abzubrechen, vorausgesetzt, sie kommen an. Dafür hat der ukrainische Präsident aber auf sämtlichen digitalen Kanälen gesorgt.
Briefe sind beständiger, sie haben etwas Offizielles und zugleich Persönliches, und sie geben dem Verfasser für den Moment die Oberhand. Putin reagierte natürlich öffentlich bei einer Veranstaltung, drohte und machte seinen Widersacher nieder.
Der russische Präsident ist aber gar nicht der alleinige Adressat des Briefs. Die Europäer sind gemeint und, ja, auch Trump. Denn auf den kann sich Selenskyj in dieser schwierigen Phase des Kriegs nicht mehr verlassen.
Telefonieren war gestern, wenn es um klare Haltung geht. Wie wäre es mit einem Brief an Selenskyj? Etwa von Merz, Macron, Starmer, Tusk und weiteren? Mit klarer Haltung und gemeinsamen Zusagen? Zeit wird’s.
Tanja Tricarico
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen