piwik no script img

die wahrheitEwig haltbares Rotweiß

Kürzlich - ich aß gerade einen selbst gemachten Hamburger - wurde ich mit meiner eigenen Endlichkeit konfrontiert. Das mag kurz vor Fronleichnam nicht so ungewöhnlich sein ...

... aber mich hat das sehr beschäftigt. Ich hatte etwa acht Wochen zuvor im Supermarkt eine Tube "Ketchup-Majo-Mix-in-one" gekauft. Ich bin eigentlich eher der Bio-Typ, aber bei dieser Tube habe ich mal auf meinen Bauch gehört.

Während ich also diese gottlose Mischung verspeiste, fiel mein Blick auf die Tube und ich las mir durch, aus welchen Inhaltsstoffen die rot-weiße Sauce gezaubert wird. Das war zwar einiges, aber wiederum nicht der Rede wert, denn Säuren und Stabilisatoren können mir schon lange keine Angst mehr machen. Dann sah ich den allseits bekannten Satz "Mindestens haltbar bis Ende: siehe Tubenfalz". Ich bin selbstverständlich drauf angesprungen und schaute mir die in den Falz geprägte Zahl näher an. Und was ich dort entdeckte, war wirklich atemberaubend.

Laut Prägung sollte das Zeug bis "02/08/2096" haltbar sein. 2096! Das haute mich um. 2096! So eine lange Zeit. Selbst wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, wäre der Ketchup-Majo-Mix noch gute zwei Jahrzehnte haltbar. Dass ein schnöder Dipp länger auf Erden weilen sollte als ich, das fand ich dann doch ein bisschen deprimierend. Aber dann kam mir der Gedanken, dass ich mir mit diesem unverwüstlichen Sößchen womöglich auch ein wenig Ewigkeit einverleiben könnte. Vielleicht wäre es möglich, den Magen von innen damit zu konservieren, eventuell könnte ich mich mittels einer täglichen Dosis des Wundermittels gänzlich konservieren. 2096! Ich beschloss, loszuziehen und die restlichen Tubenvorräte der gesamten Region aufzukaufen.

Glücklicherweise kam mir zuvor noch der Gedanke, bei der Herstellerfirma nachzufragen, ob der rot-weiße Zauberschleim tatsächlich bis 2096 haltbar ist oder ob gar ein Prägefehler vorliegt. "Was für ein Produkt?", blaffte die Dame in der Vermittlung ins Telefon. Die junge Lebensmitteltechnikerin, die ich danach an der Strippe hatte, war sehr viel netter. "Natürlich nicht", lachte sie in den Hörer, nachdem ich gefragt hatte, ob der Ketchup-Mayo-Mix tatsächlich bis 2096 haltbar sei. Weil da stehe "Mindestens haltbar bis Ende " sei es aus lebensmittelrechtlichen Gründen erlaubt, nur Monat und Jahr anzugeben, in diesem Fall "02/08", also Februar 2008. "Das andere ist eine Los-Nummer, die angibt, wann das Produkt hergestellt wurde und mit welchen Zutaten." In der Firma habe man inzwischen auch gemerkt, dass das "leicht missverständlich" sei, und dafür gesorgt, dass die "Los-Nummern nicht mehr mit einer 20 anfangen". Ich erzählte ihr von meiner Hoffnung, durch den Genuss der Sauce auch etwas von der Ewigkeit kosten zu können. Ihr Lachen blieb freundlich: "Das ist technisch gar nicht möglich, Lebensmittel so lange haltbar zu machen - und wenn, dann würde ich das nicht essen."

Ich bin dann nicht mehr losgefahren. Mir war inzwischen sowieso ein bisschen komisch im Magen, denn ich hatte auf der Tube noch einen Satz entdeckt, der mir vorher nicht aufgefallen war: "Kühl aufbewahren und nach Anbruch innerhalb von vier Wochen aufbrauchen."

Die Wahrheit auf taz.de

Die Wahrheit

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.


Die Wahrheit

hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.


Die Wahrheit

hat drei Grundsätze:

Warum sachlich, wenn es persönlich geht.

Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.

Warum beweisen, wenn man behaupten kann.

Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.



Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

0 Kommentare