piwik no script img

die ortsbegehungIst bei dem Wetter auch voll nice hier

Der Isemarkt in Hamburg-Eppendorf ist bei jungen Menschen beliebt, seine Foodtrucks gehen auf Tiktok viral. Das Bezirksamt will dem einen Riegel vorschieben

Aus Hamburg Linn Bertelsmeier

Die Duftwolke auf dem Isemarkt verändert sich alle paar Meter: von Schoko-Cookies zu Bio-Käse, zu flambiertem Roastbeef. Menschen in gesteppten Daunenjacken flanieren von Stand zu Stand, tragen geflochtene Rattan­körbe und Sonnenbrillen. Ein junger Typ bahnt sich mit großen Schritten durch die schlendernde Masse. Er hält ein Stativ in der Hand und filmt sich selbst. „Ist bei dem Wetter halt auch voll nice hier“, vloggt er über den Marktbesuch und schlängelt sich an einer Frau mit Rollator vorbei.

Es ist Vormittag in Hamburg-Eppendorf, dem Stadtteil der Jugendstil-Altbauten und SUVs. Unter den Gleisen der Hochbahn reihen sich hier dienstags und freitags rund 200 Stände auf, in Sichtweite von Buchsbaum-Vorgärten und weißen Prachtfassaden. Die Sonnenstrahlen blitzen zwischen Marktständen hervor, bunte Wimpel wehen in der Frühlingsbrise. Zwischendurch rattert oben eine Bahn über die Gleise und taucht den Trubel in ein dunkles Brummen.

Dubaischokolade unter den Märkten

Mit jeder Minute, die der Mittag näher rückt, schieben sich mehr Besuchende durch den schmalen Gang, der zwischen den Ständen noch frei ist: Der Isemarkt ist alles andere als ein Geheimtipp, er steht mittlerweile in Reiseführern und trendet auf Tiktok. Unter den Hamburger Wochenmärkten ist er die Dubaischokolade.

Es scheint, als wäre hier alles in Butter. Ja, vielleicht sogar getrüffelt. Doch genau darum gibt’s nun Zoff. Der Isemarkt, so sagen einige, ist zu trendy geworden. Schuld daran soll der Hype auf Social Media sein: Der Isemaekt wird dort als „Hamburgs Streetfood Heaven“ gepriesen, es gibt Empfehlungen für „Must-Try Stände“ und „Top Picks“. Denn neben Imbissständen mit Leberkäse oder Veggie-Auflauf gab’s zuletzt immer wieder Foodtrucks mit neuen Kreationen: Reispapier-Crèpes, Mango-Cloud-Matchas und Acai-Porridges. Regelmäßig gingen sie bei Instagram und Tiktok viral.

Dem Bezirksamt Eimsbüttel, das den Markt ausrichtet, gefällt das gar nicht. Das Prinzip eines Wochenmarktes sei ein möglichst breites Angebot an frischen und saisonalen Produkten, erklärt das Amt. Nach der Pandemie habe man mehr Foodtrucks auf den Markt geholt, um diesen für Kun­d:in­nen attraktiver zu machen. Doch mittlerweile hätten diese überhandgenommen. Der Isemarkt sei zu einer „Fressmeile“ geworden, sowohl Anwohnende als auch Händ­le­r:in­nen hätten sich beschwert.

Vor ein paar Wochen hat das Bezirksamt Ernst gemacht und die Regeln der Standvergabe geändert: Anders als bisher werden bei der Vergabe der Tagesplätze am Morgen nicht mehr alle Händ­le­r:in­nen gleich behandelt: Wer Waren des täglichen Gebrauchs verkauft wie Käse, Blumen oder Gemüse, bekommt zuerst einen Platz zugewiesen. Auch Klamotten, Konditorei und Kunsthandwerk zählen zur Prio-Gruppe. Bleiben dann noch Flächen frei, dürfen sich die neuen Foodtrucks ausbreiten.

Die Foodtruck-Empörung findet sich auch auf dem Isemarkt selbst wieder, am Stand des Bio-Metzgers. Eine Dame in dunkelblauem Wollmantel und dunkelblauem Wollpulli steht mit ihrem Flechtkorb vor der Fleisch­auslage. Sie wohne direkt um die Ecke und könne über den Isemarkt nur den Kopf schütteln, sagt sie.

Grüne Getränke für 7 Euro

Das eigentliche Problem, das klinge zwar überheblich, aber sei nun mal so, seien nicht die Food-Stände. „Es sind die Menschen, die auf den Markt kommen.“ Ihr Blick streift eine Gruppe junger Mädels, die mit Smoothies und Matcha Latte vorbeigehen. Grüne Getränke für 7 Euro. „Wer genau kann sich so was eigentlich leisten?“, fragt sie, packt ihre Bio-Bullen-Beute ein und geht weiter zum Spargel (13,50 Euro/Kilogramm) und der gelben Ringelbete (5 Euro/Kilogramm).

Ein paar Meter weiter steht René Sommer in seinem Essensstand und verkauft Matjesbrötchen mit Waldbeermarmelade, Granatapfelkernen und Kresse. Er ist erst seit Kurzem dabei, sagt er, und plötzlich ist er einer von denen, über die es angeblich Beschwerden gibt.

„Ich fahre morgens hin und habe immer schon ein mulmiges Gefühl. Ich habe die Ware im Auto und weiß nicht, ob ich einen Platz kriege oder ob ich mit dem Zeug wieder nach Hause fahre und drauf sitzen bleibe“, sagt Sommer. Auch heute habe er um einen Standplatz gebangt, die meisten anderen seien mit hängenden Köpfen wieder gefahren.

Nix wie hin

Die Besonderheit

Der Isemarkt befindet sich unter den Gleisen der Hamburger Hochbahn. Zwischen den Stationen Hoheluftbrücke und Eppendorfer Baum zieht er sich auf einer Länge von 970 Metern durch den Stadtteil Eppendorf.

Das Zielpublikum

Feinschmecker und Leute, die gerne schlendern.

Hindernisse auf dem Weg

Die dorthin pilgernde Menschenmenge an Feinschmeckern und Leuten, die gerne schlendern.

Die Auswahl an gehypten Food-Spots ist dennoch üppig: Apple Crumble, Sauerteig-­Pastrami-Sandwiches, einige Cookies und zwei Tiramisu-Stände. Denn die meisten der Händ­le­r:in­nen haben einen festen Standplatz, von der Vergabeänderung sind sie also gar nicht betroffen.

Ganz am Ende des Isemarkts steht ein Händler an dem Obst-und-Gemüse-Stand, der bereits seinem Vater gehört hat. Er ist Anfang dreißig und kann die Aufregung um die neuen Foodtrucks nicht wirklich verstehen. Bei vielen Marktständen gebe es sowieso ein Problem mit der Nachfolge, meint er, da seien die Foodtrucks doch eine gute Lösung.

Er selbst schaut da auch ganz gerne vorbei, sagt er. „Und mal ehrlich, dieses eingelegte Rindfleisch auf’m Sandwich … das schmeckt echt supergeil.“

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen