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der anstoßAls das Kaiserreich für alle enden sollte

Quane Martin Dibobe war Zugführer von Berlins erster U-Bahn-Linie, der U1 Foto: BVG Archiv

Selbstständig und gleichberechtigt, „wie es jetzt in der neuen sozialen Republik in Deutschland eingeführt ist“, nicht weniger soll für die Menschen in Kamerun gelten, verlangt Martin Dibobe, geboren als Quane a Dibobe. Es ist die erste Forderung der 32-Punkte-Petition, die Dibobe zusammen mit 17 weiteren Deutsch-Afrikanern im Juni 1919 an die Regierung und Nationalversammlung in Weimar richtet. Damals ein Novum – nicht weil es die erste Petition ist, aber weil sich Afrodeutsche zusammentun und strukturelle Forderungen aufstellen.

Sie richten sie an ein Deutschland, das vor nicht mal einem Jahr das Kaiserreich gestürzt und die Republik ausgerufen hat. Der Erste Weltkrieg ist vorbei, aber der Friedensvertrag von Versailles noch nicht unterschrieben und damit das Schicksal der Kolonien, die Deutschland seit 1884 besaß, vielleicht noch nicht ganz besiegelt.

Und vielleicht könnte die Weimarer Republik auch für sie eine Chance sein, das Kaiserreich und dessen Gesetze in den Kolonien endlich der Vergangenheit angehören: die Gewalt, die rassistischen Hierarchien und die Zwangsarbeit, die Teil des kolonialen Alltags waren. Dibobe kannte sie selbst aus diversen Stationen seines Lebens.

Er wurde in eine einflussreiche Familie geboren. Sein Vater hat 1884 den Vertrag zwischen Deutschland und Kamerun unterschrieben, auf dem formell die Kolonialherrschaft beruht. 1896 kam Dibobe im Rahmen einer sogenannten Völkerschau nach Berlin, ausgestellt als Objekt kolonialer Neugier. Er blieb. Zunächst absolviert er eine Ausbildung zum Schlosser. Später arbeitet er bei der Hochbahn, fährt die U1 und steigt als erster Schwarzer zum Zugführer erster Klasse auf und erhält Beamtenstatus. Zeitweise kehrt Dibobe 1906 auch als Berater beim Eisenbahnbau nach Kamerun zurück. Erneut erlebt er die Realität kolonialer Herrschaft aus nächster Nähe.

Aber, so schreibt er im Mai 1919 an den Reichspräsidenten Friedrich Ebert, er glaube an die „Macht des Sozialismus“ und habe auch den Oberhäuptern in Kamerun davon erzählt. An diese Ideale appelliert er auch mit den Forderungen in der Petition: Zugang zu Bildung, gleiche Rechte für Schwarze und weiße Menschen in Deutschland und in den Kolonien und außerdem solle ein ständiger Vertreter der Schwarzen im Reichstag sitzen. Die Anliegen waren nicht weniger als eine kleine Revolution, ein Bruch mit dem kolonialen Überlegenheitsdenken, das auch die SPD nicht kollektiv aufgeben wollte – ohne dabei den radikalsten Schritt zu fordern: Kame­runs komplette Unabhängigkeit.

Die Menschen in Kamerun wollten „nur deutsch bleiben“. Für die Deutsch-Afrikaner, die sich nach dem Krieg in der Republik aufhalten, bedeutet das eine rechtliche Schwebe: Vor 1918 waren sie keine Staatsbürger, nun würden sie faktisch staatenlos und entweder den französischen oder britischen Behörden unterstellt werden.

Und doch verpufft die Petition. Deutschland verliert seine Kolonien, die neue Regierung zeigt kein Interesse an kolonialen Reformprojekten und die SPD veröffentlicht nur die Passagen, die ihr politisch nutzten: das Bekenntnis zu Deutschland ohne die Forderungen. Dibobe verliert seine Stelle und verlässt 1922 Deutschland. Als ihm die französischen Behörden aus Angst vor politischen Unruhen die Einreise nach Kamerun verweigern, reist er weiter nach Liberien. Dort verliert sich seine Spur.

Also war alles umsonst? Bedeutungslos war die Petition dennoch nicht. Sie ist eines von vielen Puzzlestücken einer antikolonialen, panafrikanischen Bewegung, die sich in Europa formt und auch in Deutschland bis zu Hitlers Machtübernahme weiterging. Rumeysa Ceylan

Wie beginnt Veränderung? An dieser Stelle erzählen wir jede Woche von einem historischen Moment, der etwas angestoßen hat.

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