das portrait: Anja Röhl klärt über Schläge statt Sommerfrische auf
Ein Albtraum verfolgte Anja Röhl jahrelang: „Ich hetze durch Häuser und verirre mich“, berichtete die Autorin und Dozentin im Januar in einem taz-Interview. „In letzter Zeit träume ich anders. Ich werde nicht mehr gejagt, sondern tue mich mit andern zusammen.“ Das hat die 64-Jährige auch im wachen Leben getan und Erfolg gehabt: Der Bund soll aufarbeiten, was in sogenannten Verschickungsheimen passierte, beschloss die Jugend- und Familienministerkonferenz bei ihrer jüngsten Sitzung. Dass das Thema von der Politik aufgegriffen wurde, liegt auch an der „Initiative Verschickungskinder“, die Röhl initiiert und mit anderen Betroffenen gegründet hat.
Millionen von Kindern ab dem zweiten Lebensjahr wurden von den 1950ern bis in die 80er über mehrere Wochen oder Monate in Kinderkurheime gesandt. Häufiges Ziel waren die Nordsee-Inseln, und dort erlebten sie statt Sommerfrische Zwang, Schläge und andere Misshandlungen. Auch Röhl wurde mehrfach „verschickt“, zum ersten Mal als knapp Sechsjährige ins „Hamburger Kinderheim“ nach Wyk auf Föhr. Den Beschluss der MinisterInnen, die Verschickungen und die Erlebnisse der Kinder zu erforschen und zu dokumentieren, nennt sie „einen großen Sieg. Aber ich hoffe, dass es nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleibt“, sagt sie der taz. Das Leiden der Betroffenen sei groß, täglich erreichten sie Anfragen: „Wir brauchen Geld für die Vernetzung und die Anerkennung als Opfer.“
Unterstützung für die Initiative von Anja Röhl kommt von Niedersachsens Jugend- und Familienministerin Carola Reimann (SPD): „Viele Kinder haben während dieser Aufenthalte Schlimmes erlebt. Nur durch eine Aufarbeitung der Geschehnisse können die damaligen Opfer Gerechtigkeit erfahren.“
Mit Pädagogik und institutioneller Gewalt hat sich Anja Röhl auch hauptberuflich befasst. Die Sonderpädagogin war von 1999 bis 2018 als Dozentin an Fachschulen und Universitäten beschäftigt. Daneben ist sie als freie Autorin tätig, hat Kritiken und Vorträge verfasst. Und sie hat ihr Leben schreibend verarbeitet: 2010 hat sie einen Text über ihren Vater, den Konkret-Gründer Klaus Rainer Röhl, veröffentlicht und ihm „sexualisierte Zärtlichkeit“ vorgeworfen. 2013 erschien „Die Frau meines Vaters“, ein autobiografischer Roman über ihre Erinnerungen an Ulrike Meinhof, die Mutter ihrer Halbschwestern, und das Aufwachsen in der Adenauer-Zeit in Hamburg.
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