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Fühlt sich wohl in Damaskus: Bakhour Chamntoub in seinem grünen Zuhause Foto: Serena Bilanceri

Zwischen Syrien und IsraelDie letzten Juden von Damaskus

Früher lebten Zehntausende Jüdinnen und Juden in Syrien, heute sollen es nur noch sechs sein. Wie geht es ihnen unter der neuen Regierung?

Serena Bilanceri

Aus Damaskus

Serena Bilanceri

I n einer unscheinbaren Gasse der Damaszener Altstadt lebt einer der letzten Jü­d:in­nen Syriens. Auf der Terrasse von Bakhour Chamntoubs Haus, die über zwei gewundene Treppenflügel zu erreichen ist, bietet sich eine herrliche Aussicht auf die jüdischen, christlichen und muslimischen Viertel von Damaskus, auf die Türme seiner Minarette und die runden Kuppeln seiner Kirchen. Irgendwo dazwischen liegt auch, gut verborgen, die Farandsch-Synagoge. Drei Religionen auf weniger als einem Quadratkilometer.

Eine Etage tiefer bietet hingegen Chamntoub seinen Gästen Tee und arabischen Kaffee an. Hinter ihm singen sechs Kanarienvögel in drei Käfigen, um ihn herum hängen grüne Pflanzen in Töpfen aller Formen. Chamntoub, in weißem T-Shirt und schwarzer Sonnenbrille, sitzt in diesem kleinen Garten und erzählt, dass es nur noch sechs von ihnen gebe: Jü­d:in­nen in einem arabischen Land, das in den letzten 70 Jahren immer wieder Krieg gegen Israel geführt hat.

In einigen Jahren könnten es noch weniger sein. Nicht wegen des Krieges, sondern wegen des Vergehens der Zeit. Vor zwölf Monaten waren sie noch neun Menschen, drei über 90-Jährige sind inzwischen verstorben. Chamntoub, mit seinem lebhaften Lächeln, dürfte mit seinen 60 Jahren noch zu den Jüngeren gehören.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es noch Tausende Jü­d:in­nen in Syrien, Schätzungen zufolge zwischen 20.000 und 40.000. Sie waren sogenannte „Dhimmi“, Schutzbefohlene, die zwar eine Sondersteuer zahlen mussten und als „Bürger:innen zweiter Klasse“ galten, aber größtenteils integriert lebten. Sie sprachen Arabisch und waren im Handel, Bankwesen und Handwerk tätig. Sie teilten den Stolz auf die eigene Stadt mit ihren nicht-jüdischen Nachbarn, erklärt Abraham Marcus, emeritierter Professor an der Universität von Texas.

1948 zerbrach das friedliche Zusammenleben

Dann begann eine langsame, aber stetige Migration, die sich ab Mitte des Jahrhunderts verstärkte. Denn nach dem UN-Teilungsplan 1947 und dem israelisch-arabischen Krieg 1948/49 verschärfte sich die Lage der Jü­d:in­nen in dem arabischen Land. In Syrien wurden sie plötzlich verfolgt; ihre Reise-, Handel- und Besitzmöglichkeiten stark eingeschränkt. In Aleppo kam es zu Ausschreitungen mit Dutzenden von Toten, Synagogen brannten. Viele Jü­d:in­nen gingen nach Israel und in die USA.

Ofra Bengio, Forscherin am Moshe-Dayan-Zentrum für Nahoststudien der Universität in Tel Aviv, hat dies am eigenen Leib erfahren. Die emeritierte Professorin stammt aus Aleppo, 1954 ist ihre Familie aus Syrien geflohen. Damals war Bengio noch ein Kind. Ein ehemaliger Schüler ihres Vaters hat ihnen Pässe und Auto besorgt, um in die Türkei und dann nach Palästina überzusiedeln.

Ofra Bengio sehnt sich nach Aleppo, aller Trümmer zum Trotz, aber zurück mag sie noch nicht Foto: Serena Bilanceri

Bengio, kurze rotgefärbte Haare, Vollrandbrille und schmales Lächeln, erzählt im Videoanruf aus ihrer Wohnung in Tel Aviv, ihre Brüder erinnerten sich noch an die Flammen in den Cafés jüdischer Besitzer:innen.

Einmal versuchte die achtköpfige Familie, als Araber verkleidet und unter falschen Namen, einen Zug ins Ausland zu nehmen. Doch sie flogen auf. Sie kehrten unversehrt zurück, andere hatten nicht so viel Glück. Verwandte sind auf gefährlichen Schmuggelrouten verhaftet oder entführt worden, einer ist einem Herzinfarkt erlegen. Denn Jü­d:in­nen durften nach der Gründung Israels Syrien nicht mehr legal verlassen, erst ab 1992 wieder. Viele fanden dennoch einen Weg, das Land zu verlassen. „Wir waren Geiseln im arabisch-israelischen Konflikt“, sagt Bengio.

Bleiben bis zum letzten Atemzug

Drei Kriege zwischen Israel und Syrien in den folgenden drei Jahrzehnten haben der kleinen Gemeinschaft das Leben noch schwieriger gemacht. Nach und nach verließen Jü­d:in­nen Aleppo – und schließlich das Land. Selbst aus der multikulturellen Hauptstadt Damaskus flohen die meisten.

Aber eben nicht alle. Chamntoub ist in diesem Haus, in dem er gerade Kaffee und Tee anbietet, geboren und will hier bleiben bis zu seinem letzten Atemzug. Wenn er durch die Gassen der Altstadt schlendert, scheint ihn jeder zu kennen. „Alle sind meine Brüder: Palästinenser, Syrer, Muslime, egal“, sagt er.

Chamntoub besitzt eine Kleiderfabrik; als Schneider sei er hoch angesehen gewesen, selbst unter dem früheren Diktator Baschar al-Assad. Damals trugen Jü­d:in­nen in ihren Ausweisen den Vermerk „Mussawi“ – Anhänger Moses. Bekannte von ihm seien im Gefängnis gelandet, weil sie über den Krieg gesprochen hätten. Das Regime habe ihn überwacht, seine Kun­d:in­nen befragt.

Doch sein begabter Umgang mit Nadel und Faden hat ihm auch Vorteile verschafft. Ein Kommandant habe mal einen Wagen zu Chamntoub vorbeigeschickt, um ihn in die Zentrale zu bringen, an einen Ort, den nicht mal Sun­nit:in­nen oder An­hän­ge­r:in­nen anderer Religionen betreten durften. Der Grund: Der Kommandant wollte maßgeschneiderte Anzüge.

Zerstörte Altstadt von Aleppo Foto: Serena Bilanceri

Keine Probleme mit neuer Regierung

Das alles ist jetzt Geschichte. Mit den neuen Machthabern, die teils aus der ehemaligen Terrorgruppe Hayat Tahrir al-Scham (HTS) stammen und vor nicht allzu langer Zeit selbsterklärterweise Jerusalem „befreien“ wollten, hatte Chamntoub bislang keine Probleme. Noch im Dezember 2024, nach dem Machtwechsel, besuchte er die 2.700 Jahre alte Eliyahu-Hanavi-Synagoge in Jobar. Das Ausmaß der Zerstörung durch den Bürgerkrieg schockierte ihn.

Als die taz ihn zum ersten Mal traf, bestätigte er, dass Jü­d:in­nen nun wieder in den Synagogen beten könnten, etwa in der Farandsch-Synagoge im jüdischen Viertel. Der Schlüssel allerdings bleibe bei den Behörden. Als er mal eine Gruppe Tou­ris­t:in­nen in das Gotteshaus führen wollte, sei der Schlüssel plötzlich in Idlib gewesen. „In Idlib?“, fragte er. Der Kämpfer, der ihn bei sich trug, sei dahin geflohen, hieß es. „Es ist alles ein wenig unorganisiert“, urteilt Chamntoub.

Insgesamt gehe es den Jü­d:in­nen jedoch besser als unter Assad. Seit Israel Stellungen des neuen syrischen Militärs bombardiert hat, nach den Tumulten in drusischen Vierteln und Dörfern, fühle sich Chamntoub beschützt. Die Drus:­in­nen hätten um Hilfe gebeten, Israel habe jene Kämpfer angegriffen, die sie bedrohten. Für ihn ist Israel eine Schutzmacht, eine Absicherung gegen mögliche extremistische Angriffe.

Nicht Freund, nicht Feind

Dass die wenigen, übriggebliebenen Jü­d:in­nen in Syrien derzeit sicher sind, glaubt auch Forscherin Bengio. „Sie benutzen sie, um zu zeigen, dass sie multikulturell, demokratisch und aufgeschlossen sind.“ Die Terrorgruppe HTS war nie ein Freund Israels, doch Präsident Ahmed al-Scharaa hat mehrfach betont, er habe nicht die Absicht, Israel anzugreifen.

Israel hat indes Gebiete jenseits der Golanhöhen besetzt und hunderte Luftangriffe seit dem Sturz des Assad-Regimes ausgeführt. Die meisten trafen ehemalige Militärbasen, einige jedoch auch die Hauptstadt Damaskus, insbesondere, nachdem regierungsnahe Milizen beschuldigt wurden, Drus:­in­nen anzugreifen.

Dabei möchten Weltmächte wie die USA eine Entspannung in der Beziehung zwischen Syrien und Israel, vielleicht sogar hin zu einem Beitritt Syriens zu den Abraham-Abkommen. Diese sind US-initiierte Verträge zwischen Israel und den arabischen Ländern, die Handel, Austausch und diplomatische Verbindungen ermöglichen sollen.

Ein Jahr nach dem Machtwechsel schreibt Chamntoub per Messenger, die Lage sei insgesamt gut. Ein jüdischer Mann habe allerdings über zwei Wochen im Gefängnis gesessen, weil man ihm unerlaubten Handel mit Altertümern vorgeworfen hat. Inzwischen ist der Inhaftierte wegen Mangel an Beweisen wieder frei.

„Für eine Normalisierung der Beziehungen“

Dass sich Syrien und Israel angenähert haben, sieht er positiv. Laut Medienberichten bemühen sich die USA um einen Sicherheitsdeal zwischen beiden Ländern, wenn syrische Offiziere auch dementieren. Für Chamntoub ist der Weg klar: „Ich plädiere immer wieder in Interviews für eine Normalisierung der Beziehungen“.

Noch allerdings ist ein solches Abkommen in weiter Ferne. Ende vergangenen Jahres kamen bei einer israelischen Razzia in Beit Jinn in Syrien dreizehn syrische Zi­vi­lis­t:in­nen ums Leben. Syriens Vertreter bei den Vereinten Nationen, Ibrahim Olabi, sagte, die UN-Generalversammlung habe die Souveränität Syriens über die Golanhöhen bestätigt. Israel hingegen hat selbst Gebiete jenseits der Pufferzone besetzt.

Für Bengio bleibt eine Rückkehr nach Syrien „ein Traum“. Seit ihrer hastigen Flucht war sie nicht mehr in ihrer Geburtsstadt, die Kulisse ihrer Kindheit hat sie nie wiedergesehen. „Zwei Orte haben sich in mein Gedächtnis eingeprägt: die alte Synagoge von Aleppo, die als schönste in Syrien galt, und Al-Sabil, der riesige, wunderschöne Park, in dem wir Picknicks organisierten.“ Die Synagoge wurde bei den Ausschreitungen 1947 angezündet, die Professorin erinnert sich, dass ihre Mutter sie kurz vor der Flucht dahin brachte, dass die Wände teils schwarz vor Ruß waren.

Bengios Leben hat sich eigentlich in Tel Aviv abgespielt, heute eine Metropole mit Hochhäusern und Bauhaus-Gebäuden. Ganz anders als die arabisch, historisch geprägten in Aleppo, mit seinen alten Marktgassen und gelben Saipa-Taxis. Im Gespräch fragt sie nach, wie das damalige jüdische Viertel Jamiliyeh heute aussieht, wie die Altstadt, die sowohl von den Bomben Assads als auch von den Artilleriegeschossen der Rebellen so hart getroffen wurde und teils noch in Trümmern liegt. Was aus ihrem alten Haus geworden ist, weiß sie bis heute nicht.

Noch traut Bengio den neuen Machthabern nicht

Gern möchte die Professorin Aleppo wieder besuchen. Doch noch traut sie den neuen Machthabern nicht, sie glaubt, eine islamisierende Tendenz in deren Politik zu erkennen. Als Jüdin, als Zionistin, wie sie sagt, könnte sie sich in Syrien derzeit nicht sicher fühlen. Eine Zukunft für die jüdische Gemeinschaft in Syrien sieht sie allgemein derzeit nicht.

Chamntoub bleibt jedoch optimistisch. Er heißt immer noch ausländische Gäste in den Straßen von Damaskus willkommen, zeigt in sozialen Netzwerken Videos aus dem jüdischen Viertel oder von unter Weihnachtslichtern schimmernden Pflasterwegen. Und wer weiß, vielleicht werden eines Tages wieder mehr Jü­d:in­nen durch die alten Gassen der Damaszener Altstadt schlendern.

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