Zweckoptimismus in Belarus: „So lange werden sie nicht sitzen“

Was sagen Be­la­rus­s*in­nen über lange Haftstrafen? Und wer schafft das neue Belarus? Janka Belarus über stürmische Zeiten in Minsk. Folge 103.

Maria Kolesnikowa hinter Gittern

Maria Kolesnikowa vor Gericht in Minsk am 6.September Foto: Viktor Tolochko/SNA/imago-images

Nachdem das Urteil gegen die Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa (11 Jahre Haft) und den Anwalt Maxim Snak (10 Jahre Haft) verkündet worden war, sagten viele Belaruss*innen: „So lange werden die nicht sitzen müssen.“ Diese Aussage finde ich ungeheuerlich. Wie lange werden sie sitzen? Wie lange darf man überhaupt in Gefangenschaft sein? Warum sollten sie wohl nicht ihre gesamte Haftstrafte absitzen müssen? Es ist durchaus möglich, dass sie sie absitzen werden.

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Einige urteilen hier einfach über das Leben anderer Menschen, als ob nicht jede Sekunde, die man in der warmen Atmosphäre nahestender Menschen verbringt, wertvoll wäre. Im Gefängnis kannst Du nicht einfach eine gute Tasse Kaffee mit jemandem trinken, ein warmes Bad nehmen, dich einfach mal in eine gemütliche Decke kuscheln. Im Gefängnis wird nachts sogar das Licht abgestellt, mitten in der Nacht wird man geweckt, es gibt harte Betten, Zigarettenqualm – und ein Stückchen Himmel durchs Fenster.

Man kann die Ausdauer der Oppositionellen und Gefangenen bewundern, sie unterstützen, sie nicht vergessen, aufmunternde Briefe schreiben, aber man sollte niemals denken, dass ein Tag im Knast nichts Schlimmes sei. Denn unser Tag in Freiheit – das sind tausend Farben, das sind Umarmungen, die Möglichkeit zu Telefonaten, das sind die vielen kleinen Alltäglichkeiten, bei denen es eigentlich um nichts geht – und doch um alles…. Man stiehlt uns nicht einfach unsere Freiheit. Gefängnistage sind nicht gelebte Tage. Die niemals wiederkehren.

Vom Glück im Gefängnis

Tatjana aus Minsk erzählt über die 15 Tage, die ihr Mann im Gefängnis verbracht hat: „Mein Mann sagt, er habe Glück gehabt. Er wurde nicht geschlagen, bekam etwas zu essen und es gab sogar Matratzen, auf denen er sitzen konnte…. Seine Covid-19-Infektion war nur eine leichte. Naja, um ehrlich zu sein: Er hat die Krankheit von dort mitgebracht und ich bin dann schwer erkrankt…. Mein Mann hat auch seinen Job nicht verloren, im Gegenteil, er wurde bei der Rückkehr auf der Arbeit wie der `Mann des Jahres` empfangen. Deshalb denkt er, er habe `Glück gehabt`.“

Aber diese Definition ist doch eigentlich falsch, denn es ist doch genau andersherum. Es ist nicht normal, seinen Gefängnisaufenthalt als eine Art Abenteuer für die Freiheit anzusehen.

Das neue Sprichwort: „Wer nicht gesessen hat, ist kein Belarusse“ ist nicht lustig, sondern schrecklich. Wir gewöhnen uns an Dinge, die nicht akzeptabel sind.

Wenn wir sagen: „So lange werden sie nicht sitzen“, scheinen wir die Verantwortung abzulehnen. Wir klopfen uns auf den Schulter und flüstern uns selbst beruhigend zu: „Mach dir keine Sorgen, so lange werden sie nicht sitzen müssen.“

Fast so, als ob denen, die das sagen, in dem Moment nicht so wichtig ist, wie lange diese Menschen tatsächlich im Gefängnis verbringen werden. Wichtig ist nur, diese Last abzuwerfen. Möglichst schnell. „10 Jahre, so lange werden sie nicht sitzen müssen“. Und mir scheint, das ist das Allergefährlichste. So ein „lächelndes Gefühl“ optimistischer Vorhersagen, „sie werden nicht sitzen“. Einzig: damit das alles irgendwann vorbei geht, muss man weiter kämpfen. Aber wozu kämpfen, wenn doch „sicher sowieso alles gut wird“. Nur wann? Und wie?

Wer wird das Neue Belarus schaffen? Und wie?

Kommt ein Zauberer angeflogen, murmelt irgendeinen Zauberspruch und aus dem jetzigen Belarus, voller Schmerzen und Alpträume, wird ein schönes Neues Belarus, wo das Geld an den Bäumen wächst und alle Brüder und Schwestern sind? Wenn wir nicht weiter kämpfen, akzeptieren wir die Deformationen unseres Bewusstsein, aber ein Neues Belarus werden wir nicht erleben. Die nächsten Wahlen werden genauso gefälscht, in fünf bis zehn Jahren sind die Nachfolger Lukaschenkos herangewachsen und alles geht wieder von vorne los.

Wir müssen ehrlich zugeben, dass die Proteste heute praktisch völlig unterdrückt werden. Wer nicht im Knast saß, tut alles mögliche, um außer Landes zu kommen. Kommen diese Leute wieder zurück? Das kann man nicht mit Gewissheit sagen. Wer wird das Neue Belarus schaffen, wenn im Land keine leidenschaftliche Menschen mehr im Land gibt? Lukaschenko führt im Land jetzt ein unmenschliches Experiment am Volk durch.

Aber wenn der amerikanischen Psychologe Martin Seligman 1967 Hunde quälen und sie so zwingen konnte, sich an das Unvermeidliche zu gewöhnen, dann kann man diese „erlernte Hilflosigkeit“ (learned helplessness, ein Begriff, den Martin Seligmann mit seinen Experimenten an Hunden prägte, Anm. der Redaktion) heute, im Jahr 2021, bei der Entstehung bedingter Reflexe beim Menschen beobachten. Und das ist eindeutig ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Menschen müssen selber über ihr Leben entscheiden, Wahlmöglichkeiten haben, ihre eigene Kompetenz spüren dürfen.

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

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ist 47 Jahre alt und lebt und arbeitet in Minsk. Das Lebensmotto: Ich mag es zu beobachten, zuzuhören, zu fühlen, zu berühren und zu riechen. Über Themen schreiben, die provozieren. Wegen der aktuellen Situation erscheinen Belarus' Beiträge unter Pseudonym.

Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Tagebuch aus Minsk“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.

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