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Zurückgehende Besucherzahlen in BerlinKeine Stadt für Tou­ris­t:in­nen

Jonas Wahmkow

Kommentar von

Jonas Wahmkow

Immer weniger Menschen kommen in die Hauptstadt. Nicht verwunderlich, wenn krampfhaft versucht wird, sie mit austauschbaren Attraktionen anzulocken.

B erlins Tourismusbranche geht es schlecht: Immer weniger Menschen wollen in der Hauptstadt Urlaub machen. Das zeigen die neuesten Zahlen, die das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in dieser Woche veröffentlichte. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind die Be­su­che­r:in­nen­zah­len im ersten Halbjahr um 1,8 Prozent eingebrochen. Branchenverbände schlagen schon Alarm und sprechen von „Undertourism“.

Doch statt krampfhaft zu versuchen, Be­su­che­r:in­nen mit maßlos überbewerteten Großevents und austauschbaren Attraktionen in die Stadt zu locken, sollte der Senat stärker Berlins eigentliche Stärken fördern: die lebendige Kunst- und Kulturszene.

Abseits allen Touri-Bashings bleibt Tourismus in Berlin ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 2024 verzeichnete die Stadt fast zwölf Millionen Be­su­che­r:in­nen, und sie alle geben viel Geld aus. Auch wenn gerade linke Sze­ne­vier­tel­-Be­woh­ne­r:in­nen gern über grölende Sauf­tou­ris­t:in­nen die Nase rümpfen oder schimpfend über orientierungslos wirkende Leihrad-Kolonnen herziehen – zur Wahrheit gehört auch, dass Tourismus Berlins kulturelle Vielfalt am Leben hält.

Gäbe es keine Tou­ris­t:in­nen, hätte die Hälfte aller Restaurants, Theater, Clubs und Galerien längst dichtgemacht. Ob man es mag oder nicht: Die Spendierfreude der Be­su­che­r:in­nen hält das kulturelle Leben der Stadt aufrecht und ermöglicht eine Vielfalt, die ohne Tourismus kaum möglich wäre.

Kulturförderung heißt Tourismusförderung

Doch der Reflex der Tourismusbranche und der Politik, nun auf Haudrauf die Be­su­che­r:in­nen­zah­len steigern zu wollen, greift zu kurz. Was soll die Forderung nach Abschaffung der Luftverkehrssteuer und damit Verbilligung auch der Flüge in die Hauptstadt, die Burkhard Kieker, der Geschäftsführer der landeseigenen Tourismusagentur Visit Berlin, jüngst im RBB ventilierte? Das ist klimapolitisch von vorgestern und führt am Problem vorbei.

Denn das Problem ist schließlich vor allem, dass die Grundlagen für Berlins Attraktivität zunehmend zerstört werden. Die Kunst- und Kulturszene findet aufgrund explodierender Mieten kaum noch Räume. In diesem Jahr kürzte der Senat zudem Millionen an Fördergeldern. Ein Club nach dem anderen muss schließen, weil die Be­trei­be­r:in­nen die Mieten nicht mehr stemmen können oder sich neu zugezogene Nach­ba­r:in­nen über den Lärm beschweren.

Auch Berlins spannende historische Architektur aus der Nachkriegszeit wird zunehmend vernichtet und muss gesichtslosen Neubauten Platz machen. Ob beim Palast der Republik oder den Friedrichshainer Mauerüberbleibseln zwischen Spree und der ästhetischen Beleidigung, die sich derzeit Uber-Arena nennt: Der Umgang Berlins mit seinem historischen Erbe ist beschämend.

Stattdessen setzt die Stadt auf Großevents wie die Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Jahr. Oder träumt von Olympia 2036 oder 2040 oder 2044. Oder der Weltausstellung Expo 2035. Oder der Internationalen Bauausstellung 2034. Bei anderen „Attraktionen“ wie dem gerade am Ostkreuz entstehenden Großaquarium Ocean Berlin ist man bedauerlicherweise schon weiter.

Dass mit dieser Politik keine Be­su­che­r:in­nen angelockt werden können, zeigt sich immer deutlicher. Es wäre schlau, die Tourismusförderung ganz abzuschaffen und damit aufzuhören, In­ves­to­r:in­nen zu hofieren, die rein auf Tourismus ausgelegte Projekte umsetzen und die Stadt für ihre Be­woh­ne­r:in­nen immer weniger lebenswert machen. Denn nur ein lebenswertes Berlin ist auch attraktiv für Tourist:innen.

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Jonas Wahmkow

Jonas Wahmkow

Schreibt Geschichten aus dem Spätkapitalismus. Redakteur für Arbeit, Wirtschaft und Care im Berlin Ressort.
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