Zunehmende Coronafälle an Schulen: Kampf um die Klassen

Das Coronavirus breitet sich immer mehr auf den Schulhöfen aus. Doch eine Schließung der Schulen im Norden soll unbedingt vermieden werden.

Schüler*innen mit Mundschutz in vollem Klassenraum

Wenn alle da sind, ist das Abstandhalten schwer – wie hier unter Hamburger Schüler*innen Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

HAMBURG taz | „So lange wie nur möglich“ heißt die Durchhalteparole des Hamburger Schulsenators. Obwohl Corona sich auch immer mehr in den Hamburger Schulen ausbreitet, Lehrkräfte und Schüler*innen ins Krankenbett oder in Quarantäne schickt, will Ties Rabe (SPD) am Präsenzunterricht festhalten. Er hat dafür einen guten Grund: Schließlich haben die Kanzlerin und die Ministerpräsident*innen die politische Entscheidung getroffen, Freizeitmöglichkeiten inklusive Kultur und Gastronomie stark einzuschränken, damit Kitas und Schulen geöffnet bleiben.

Doch mit den steigenden Infektionszahlen nehmen auch die Coronafälle im Schulumfeld zu. Seit Ende der Herbstferien gab es an Hamburgs Schulen rund 700 Neuinfektionen, davon etwa 550 Schüler*innen und 150 Lehrende samt pädagogischem Personal. Am Dienstag betraf knapp ein Viertel aller 456 Neuinfektionen in Hamburg den Schulbereich. Die Behörde registrierte 104 neue Infektionen an 66 Schulen. Betroffen waren 85 Lernende und 19 Lehrende.

Aus Vorsicht müssen viele, die noch nicht positiv getestet werden, zu Hause bleiben. Allein an der Ida-Ehre-Schule in Hamburg-Eimsbüttel seien derzeit 40 Prozent der Lehrkräfte in Quarantäne, bestätigte Rabe am Dienstag gegenüber dem NDR.

Trotzdem halte er an der Entscheidung, die Schulen offen zu halten, fest, gibt Rabe sich krisenfest. Das klang noch vor Kurzem ganz anders. Im August verkündete der Senator, sollte die 7-Tage-Inzidenz in Hamburg die 50er-Grenze reißen, werde automatisch „Plan C“ in Kraft treten. Die Schulklassen würden dann in jeweils zwei Lerngruppen geteilt und diese abwechselnd in der Schule und zu Hause unterrichtet. Das bedeute, so Rabe, „dass die Hälfte der Schulzeit zu Hause gelernt werden muss“.

Ein Senator ohne Plan

Obwohl die Inzidenz in Hamburg inzwischen bei über 143 liegt, will Rabe aufgrund der bundespolitischen Vorgaben von Plan C nichts mehr wissen. „Von zehn infizierten Lehrkräften hat sich nur eine in der Schule angesteckt, fast alle dagegen zu Hause“, erklärt der Senator, während die Gesundheitsämter beklagen, es lasse sich nur noch bei etwa 25 Prozent der Erkrankten zurückverfolgen, wo sie sich angesteckt haben.

Rabe ficht das nicht an: Für ihn sind Hamburgs Schulen „ein sicherer Ort“. Da sich auch die Kinder „in ihrer Freizeit neun Mal häufiger als in der Schule“ infizierten, „müsste man eigentlich die Freizeit schließen, nicht die Schulen“, kalauert sich der mäßig humorbegabte Politiker durch die Coronakrise.

Die Ausführungen des planlosen Senators kommen nicht überall gut an. „Die Schulen werden gerade zu Hamburgs offener Flanke in der Coronapandemie“, klagt Birgit Stöver, schulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. „Ohne klare Vorgaben gefährdet Rabe mittlerweile die Gesundheit unserer Kinder. Die Schule ist dadurch mitnichten ein sicherer Ort für unsere Kinder“, sagt sie.

Die Hamburger Elternkammer hat deshalb vorgeschlagen, die Klassen zu verkleinern oder aufzuteilen. Die Linke will in zwei Wochen einen entsprechenden Antrag in die Hamburgische Bürgerschaft einbringen. Denn auch das Robert-Koch-Institut (RKI) schlägt ab einem Inzidenzwert von 50 vor, die Klassen zu teilen und zeitversetzt zu unterrichten, damit ein Abstand von 1,50 Metern gewährleistet bleibt. „Wir fordern, die Einhaltung der RKI-Empfehlung sofort umzusetzen!“, sagt Anja Bensinger-Stolze, Vorsitzende der Hamburger Bildungsgewerkschaft GEW. Rabe hingegen kontert: „Kein Bundesland richtet sich nach dieser sehr seltsamen Empfehlung.“

Auch die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) richtet sich nicht nach den Hinweisen des RKI, trotz rasant steigender Infektionszahlen. Obwohl sie bereits im August einen Plan vorstellte, nachdem bei einem Anstieg der Infektionszahlen zumindest ein Teil der Schüler*innen zu Hause unterrichtet werden sollte, möchte auch sie jetzt die Schulen „so lange wie möglich offen halten“.

Das klappt bedingt. Wie ein Sprecher von Priens Ministerium mitteilte, erhielten Anfang der laufenden Woche bereits 145 „Schul-Kohorten“ pandemiebedingt keinen Präsenzunterricht mehr. Unter „Kohorte“ fallen lern- und Tutor*innengruppen, Klassen oder auch ganze Jahrgangsstufen. Vier Schulen wurden bereits ganz geschlossen. Trotz steigender Fallzahlen erhalten in dem nördlichsten Bundesland jedoch noch immer „deutlich mehr als 90 Prozent der Schüler*innen“ weiterhin Präsenzunterricht, erklärt das Ministerium.

Wechselmodell an 12 Schulen

Nicht ganz so gut sieht es wohl in Niedersachsen aus: Dort wird das vom RKI vorgeschlagene „Wechselmodell“ aus Präsenzunterricht und Homeschooling derzeit an zwölf Schulen umgesetzt – eben da, wo die Inzidenz über 100 liegt und aktuelle Coronafälle die Lernbetriebe zum Handeln zwingen. Vier Grundschulen und eine Grund- und Hauptschule sind deshalb seit Montag geschlossen. Am Mittwoch wurden, so teilte der Landkreis Lüneburg mit, auch noch die Grundschulen Barendorf und Wendisch Evern komplett unter Quarantäne gestellt. Insgesamt sind bereits mehr als 150 niedersächsische Schulen von Corona-Einschränkungen betroffen.

Vielen Betroffenen reicht das nicht: 1.536 Personen unterzeichneten eine Onlinepetition von Schüler*innen im Landkreis Verden. Sie fordern vor allem geringere Klassengrößen und Wechselmodelle, die es einfacher machen, Abstände einzuhalten: „Wir haben Angst, uns in der Schule zu infizieren und so uns und unsere Familien zu gefährden“, schreiben die Schüler*innen. Die Klassenräume seien zu klein, Lüften bringe zu wenig. Dass das Wechselmodell erst an zwölf Schulen eingeführt wurde, kritisieren sie ebenfalls: „Warum muss es schon zu spät sein, um Maßnahmen zu ergreifen, die uns schützen?“, fragen die Schüler*innen.

In Bremen wies am Mittwoch die GEW in einem offenen Brief Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) darauf hin, dass die Gleichung „Halbe Gruppen = halbe Unterrichtszeit = halbe Lernerfolge“ nicht aufgehe. „Rückmeldungen von den Kolleg*innen aus allen Schulstufen, von Eltern und Schüler*innen haben gezeigt, dass der Unterricht in Halbgruppen sehr effektiv war und dass die Schüler*innen oft in kürzerer Zeit mehr gelernt haben als in vollen Klassen“, schrieb die Gewerkschaft. Und weiter: „Dies gilt ausdrücklich auch für Kinder aus bildungsbenachteiligten Elternhäusern.“

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