Zukunftsforscher korrigieren Prognosen: Ein Virus verändert die Zukunft

Die Zukunftsforscher von D2030 haben ihre Prognosen einem „Corona-Stresstest“ unterzogen. Der Optimismus schwindet.

Eine Frau und ein Mann kehren Schlamm auf einer Strasse weg

Die Klimakrise wird das beherrschende Thema der Post-Corona-Zeit sein Foto: Frank Schultze

BERLIN taz | Zukunft hat zu Jahresbeginn immer eine besondere Konjunktur. Was steht zu erwarten? So fragen sich viele und nehmen „wissenschaftliche Ferngläser“ zur Hand, um eine faktenbasierte Vorausschau auf das Kommende zu richten. Wie sehr die Zukunftsabschätzung aber auch in die Irre führen kann, zeigt sich zwölf Monate später beim bilanzierenden Blick in den „Rückspiegel“. Häufig hat sich die Realität kaum um die Befolgung der Prognosen gekümmert.

Gerade in Pandemiezeiten – in der ein unvorhergesehener „schwarzer Schwan“ namens „Corona“ die Welt auf den Kopf stellt – ist die Zukunftsforschung ein kniffliges Geschäft. Eine Gruppe alternativer Futurologen hat es dennoch gewagt und unterschiedliche Entwicklungsszenarien auf ihre Plausibilität abgeklopft.

Die Gruppe um die Berliner Zukunftsforscher Klaus Burmeister, Alexander Fink und Beate Schulz-Montag hatten bereits 2017 mit ihrem Verein „D2030 – Deutschland neu denken“ eine breit angelegte Prognose für die 20er Jahre erstellt, die sie nun, unter veränderten Rahmenbedingungen, auf den Prüfstand gestellt haben. „Corona-Stresstest“ nennen sie ihre Update-Studie, um mit ihr die Frage zu beantworten: Welche Zukunft gestattet uns das Virus? Was kommt nach der Pandemie?

In seiner Expertenbefragung vor vier Jahren hatte das D2030-Team – das seine Untersuchung ohne Auftrag auf der Grundlage von Spenden finanzierte – acht sehr unterschiedliche mögliche „Zukünfte“ für die Bundesrepublik identifiziert und sie nach Plausibilität und Wünschbarkeit sortiert. Als wenig wahrscheinlich wurden die Szenarien „Bewusste Abkoppelung“ und „Alte Grenzen“ gewertet, in der etwa die Abschottung in der Zuwanderung oder wirtschaftliche Autarkie und Selbstversorgung die politischen Leitlinien darstellen. Stärker als in Deutschland wurden damals, 2017, in den USA unter Donald Trump solche Retro-Tendenzen zur tatsächlichen Polit-Maxime.

Für Deutschland wurden die beiden Szenariengruppen „Spurtreue Beschleunigung“ – nach der Devise „Weiter so wie bisher, nur etwas flotter“ – und „Neue Horizonte“, unter anderem mit der Zukunftsvariante „Spielräume für die Zivilgesellschaft“, entworfen. Beide Alternativen standen in gewisser Weise im September 2021 mit der Bundestagswahl zur politischen Entscheidung an, mit bekanntem Ergebnis. Die Fortsetzung des „Wohlfühl-Wohlstands“ – so der Titel eines D2030-Szenarios – nach Merkel’schem Muster wurde abgewählt, um stattdessen „Mehr Fortschritt“ zu riskieren.

Positiver Strukturwandel erwartet

Dazwischen sauste im März 2020 der Corona-Hammer nieder. In zwei Befragungsschleifen suchten die Berliner Zukunftsforscher zu ermitteln, was sich dadurch für ihre Prognosen veränderte. In einem ersten „Stresstest“ wurden im Frühjahr 2020 insgesamt 117 Zukunftsexperten einvernommen. Drei Viertel von ihnen sprachen sich für einen „optimistischen Entwicklungspfad“ aus und erwarteten einen „positiven Strukturwandel nach der Corona-Krise“.

Ein Jahr später, im Sommer 2021, hatte sich bei der nichtrepräsentativen Befragung von weiteren 175 „Zukunftsexperten und Zukunftsinteressierten“ das Meinungsbild bereits gedreht. Nun sahen nur noch 37 Prozent in der Post-Corona-Zeit einen „Strukturwandel kommen, der zu mehr Nachhaltigkeit und Gemeinwohl“ führt. Die Mehrheit dagegen, 58 Prozent, hielt die „Rückkehr zur alten Normalität“ für plausibler.

Gerade im politischen Gestaltungsraum seien neue Diskursformate dringender denn je

In der Interpretation der Befragungsergebnisse blickt das D2030-Team in eine stärker polarisierte Zukunft. „Bestätigt hat sich die Befürchtung aus frühen Corona-Phasen, dass starke Wertekonflikte in der Gesellschaft aufbrechen werden“, fasst Klaus Burmeister einen neuen Trend zusammen. „So wurde während oder durch die Corona-Krise die vormalige Dominanz globaler und offener Ansätze gebrochen – selbst bei der gewünschten Zukunft haben regressive Sichtweisen erkennbar zugelegt.“

Auch hätten sich „eine Reihe von Hoffnungen aus der frühen Corona-Zeit eben nicht erfüllt“, darunter die Stärkung hochqualitativer Medienangebote, die Auflösung des Gegensatzes von Wirtschafts- und Umweltinteressen sowie die „breitere Erprobung von neuen Formen von Gemeinschaft und kultureller Offenheit“. Stattdessen entstand die „Querdenker“-Bewegung und eine weit verbreitete Impfskepsis.

Alles schlechter durch Corona? Keineswegs, relativiert der neue Zukunfts-Befund von D2030. Die Mehrzahl der Deutschen habe während der Coronakrise auch positive Erfahrungen gemacht. Stichworte sind Homeoffice, Impfinnovationen, Solidarität, Digitalisierung. „Mit Corona haben sich auch positive Entwicklungen verfestigt, beispielsweise die Erschließung ländlicher Räume und die Stärkung hochwertiger Produkte aus regionalen Kreisläufen“, heißt es in der Bilanz.

Darüber hinaus seien auch Befürchtungen wie einer starke Wirtschaftskrise oder einem vollständigen Zusammenbruch des Gesundheitssystems ausgeblieben. Auf mittlere Sicht hat die D2030-Gruppe zwei klare Zukunftstrends ausgemacht. Zum einen werde die Klimakrise, die durch Corona zwischenzeitlich zurückgedrängt wurde, „das beherrschende Thema der Post-­Corona-Zeit sein“. Zum zweiten seien die Veränderungen der Arbeitswelt durch Corona beschleunigt worden. Hier werde sich – durch räumlich verteilte und digitalisierte Arbeit – eine „neue Normalität“ einstellen.

Unbequeme Wahrheiten

Zukunftsgestaltung in gesellschaftlichem Maßstab braucht eine gemeinsame Vision. Für die D2030-Gruppe können dies weiterhin die „Neue-Horizonte“-Szenarien bilden, als „die eindeutigen Wunschbilder für die Zukunft“. „Die breite Akzeptanz auch unbequemer Wahrheiten, neuer Spielregeln und veränderter Politikansätze sowie der Wunsch nach gesellschaftlichem Konsens und konkreten Umsetzungspfaden spricht für eine intensivere Diskussion dieser Szenarien auf Basis einer erweiterten Perspektive“, betont Klaus Burmeister.

Gerade im politischen Gestaltungsraum seien neue Diskursformate dringender denn je. „Es besteht der Wunsch, dass politische Entscheidungen stärker auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufsetzen, strategischer und langfristiger angelegt sind – und dass sie ehrlicher und professioneller kommuniziert werden“, so ein Befund des Corona-Stresstests.

Vielfach gewünscht würden neben neuen Foren und neuen Diskursformaten auch vielfältige Elemente direkter Demokratie. „Politiker müssen Fehler machen dürfen, sollten aber auch lernen, fundiert zu experimentieren.“ Eine neue Annäherung zwischen Gesellschaft und Politik müsse angebahnt werden, denn die derzeitige Parteienstruktur werde „durchgängig als kritisch beschrieben“.

Gemeinsame Basis schaffen

Es gibt fünf große Themen, die laut D2030 beim weiteren Zukunftsdiskurs im Mittelpunkt stehen sollten: Das sind neben Klima und Nachhaltigkeit die Bildung, soziale Gerechtigkeit, Demokratie sowie Deutschlands Rolle in der Welt. Bei der Gestaltung des Diskurses komme es darauf an, „die gesellschaftliche Diskursfähigkeit zu verbessern und (wieder) eine gemeinsame Basis zu schaffen – also den Umgang mit Fake News zu beachten“.

Im Licht der jüngsten politischen Entwicklung, dem Amtsantritt der Ampelregierung, hat sich bei den zivilgesellschaftlichen Zukunftsfahndern der D2030-Gruppe wieder ein positiver Grundton eingestellt. „Besonders erfreulich ist, dass sich im Grundverständnis des Koalitionsvertrages alle drei von uns beschriebenen Hebel für eine positive Entwicklung wiederfinden“, heben sie in einer aktuellen Bewertung der Regierungsvereinbarung hervor.

Diese drei Zukunftshebel lauten: „komplexe Fragen akzeptieren und strategisch denken, alte Denkgrenzen überwinden und vernetzt denken sowie mehr Experimente wagen und zukunftsoffen denken“. Zukunftsforscher Burmeister: „Dies lässt uns hoffen, dass wir uns nach Corona wieder mehr intellektuellen und experimentellen Freiraum für die Wirtschaft und Gesellschaft nehmen können.“

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