Zukünftige Pandemien vermeiden: Wir Amokläufer

Nach der Pandemie werden wir endlich wieder shoppen. Die Wirtschaft springt an, die Laune wird besser – und der globale Müllberg wächst exponentiell.

Menschne mit Taschen in einer Einkaufsstraße.

Endlich wieder: Shopping in Wiens längster Einkaufstraße Foto: Georges Schneider/photonews/imago-images

Es war ein schöner Samstag in Mitteleuropa. Die Sonne schien, die Temperatur kletterte auf fünfzehn Grad, die Vögel tirilierten den Frühling herbei. Alles drängte nach draußen, Kinderwagen, Rennräder, Schoßhunde. Die vom Lockdown erschöpften Menschen spazierten herum, sonnten sich oder standen Schlange, meist zu zweit oder zu dritt, in langen Wartereihen, die sich vor den großen Kleidungsgeschäften bildeten.

Weil nur wenige auf einmal hineindurften, bewegte sich die Schlange sehr langsam. Die meist jungen Shopper harrten geduldig aus. So sah es am Samstag in Wien aus, in der Fußgängerzone der Mariahilfer Straße.

Vielleicht tue ich den aufgereihten Kids Unrecht, vielleicht benötigten sie dringend eine neue Hose oder Bluse, Sneakers mit bunten Sohlen oder ein TikTok-T-Shirt (hochwertige Ware für knapp zehn Euro). Vielleicht standen sie sich aus Not oder Notwendigkeit die Beine in den vollen Bauch, anstatt Fußball zu spielen oder auf einer Parkbank zu schmusen. Bestimmt hatten sie einen Grund, dort anzustehen, wo der schlechteste Wechselkurs zwischen Natur, Würde und Zukunft feilgeboten wird.

Vielleicht sind sie aber auch Opfer einer Sprachverwirrung, die sich am Wort „Normalität“ entzündet hat. Denn die Normalität, die gemeinhin gemeint ist, beinhaltet eine möglichst baldige, möglichst schnelle Rückkehr zum Wirtschaftswachstum. Aus solcher Perspektive betrachtet, erfüllen diese treuen Soldaten ihre Pflicht beim Konsumeinsatz.

Es kann nicht oft genug wiederholt, nicht stark genug betont werden: Noch wichtiger als die Frage, wie wir mit der gegenwärtigen Krise umgehen, ist die Frage, wie wir mögliche Pandemien in der Zukunft vermeiden. Gewiss nicht durch Abwarten, durch kapitalistischen Fatalismus. Und auch nicht durch pharmazeutische Reaktionen auf kommende Infektionen.

Wenn es stimmt, dass die nächste Seuche nicht eine Frage des Ob, sondern nur des Wann ist, (wie führende Wissenschaftler warnen) sollten wir dringend über die strukturellen Ursachen nachdenken, die lokale Krankheitserreger zu globalen zivilisatorischen Bedrohungen potenzieren.

Die Zusammenhänge sind bekannt: Die Zerstörung der Natur schafft hervorragende Voraussetzungen für das Entstehen von Pandemien. Und die globalisierte Wirtschaft ermöglicht ihre rasche Ausbreitung. Abgeholzte Regenwälder und trockengelegte Sümpfe führen zu unheimlichen Begegnungen mit neuen Krankheitserregern. Je mehr Arten wir ausrotten, desto mehr Viren setzen wir frei. Und die herrschende Ideologie, landauf, weltab, propagiert lauthals: Mehr Zerstörung, je schneller, desto besser.

6,6 Prozent Wachstum pro Jahr bedeutet: In 17 Jahren gibt es dreimal so viel Abfall wie heute

Während wir in der Konsumschlange stehen, könnten wir uns ein wenig in Mathematik üben. Schon Albert Einstein hat behauptet, exponentielles Wachstum sei die stärkste Kraft im Universum (oder das achte Weltwunder, je nach Überlieferung). Und seine Kollegin Angela Merkel hat wiederholt angemahnt, dass die wenigsten Menschen das exponentielle Rechnen begriffen. Üben wir uns also ein wenig darin.

Nehmen wir etwa das chinesische Wirtschaftswachstum vor Corona. 2019 waren es 6,6 Prozent. Bliebe dies gleich, würde sich die Wirtschaft schon nach elf Jahren verdoppeln, nach siebzehn Jahren verdreifachen. Bevor ein frisch geborenes Kind volljährig wird, gäbe es drei chinesische Wirtschaften, somit dreimal so viel Verbrauch wie heute, dreimal so viel Abfall und so weiter.

Um beim Müll zu bleiben. Momentan produzieren wir auf dem Erdball jährlich etwa 2 Milliar­den Tonnen. Wenn die Müllmenge so anwächst wie die Wirtschaft weltweit, wird sich diese in etwas mehr als zwei Jahrzehnten, um das Jahr 2040 herum, verdoppelt haben. Wer Zeit hat und eine vage Erinnerung an den eigenen Mathematik­unterricht, der kann leicht ausrechnen, wie viel Müll in ­fünfzig Jahren auf den Planeten zukommt, und sich dann überlegen, welche Himalaja-­Halden wir errichten, wie viel Plastik wir verbrennen müssten.

Irrtum und Illusion

Die „heute-show“ brachte am Freitag vor dem sonnigen Samstag einen Gag von besonderer Prägnanz: Ein Teil des „Great Pacific Garbage Patch“, entgegen der Metapher kein fester Müllteppich, da auch Plastik sinkt und zerfällt, bestehe aus FDP-Kugelschreibern. Das Bild ist stark: Die Kalkulationen unserer Wegwerfökonomie sind so unbrauchbar wie billige Kugelschreiber. Dabei könnten wir im Kopf ausrechnen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Stattdessen überbieten sich die gegenwärtigen Prognosen gegenseitig mit post-pandemischen Hoffnungszuwächsen.

Sosehr die Hoffnung grünen mag, trotz aller ökologischen Bemühungen und trotz aller bemerkenswerten technologischen Fortschritte ist der globale Energieverbrauch im Zeitraum von 2000 bis 2018 durchschnittlich pro Jahr um etwa 2 Prozent gewachsen. Das kausale Verhältnis zwischen Irrtum und Illusion entspricht jenem zwischen Klimawandel und Klimaanlage. Letztere wird angeworfen und immer höher geschaltet, je heißer die Folgen des Ersteren ausfallen. Ein sogenannter Kreislauf, heute der Wirtschaft, morgen des Teufels.

Wann immer ich solche Überlegungen formuliere, schimpfen mich viele einen Pessimisten. Die Einsicht, dass wir uns von dem Wachstumswahn verabschieden müssen, ist aber die einzig vernünftige Form des Optimismus, die uns noch zur Verfügung steht. Denn ein System, das kein Innehalten oder gar ein Zurück oder Reduzieren zulässt, ist weder nachhaltig noch lebenshaltig, sondern ein Amoklauf.

Vielleicht wissen es die Leute in der Warteschlange nicht, doch das momentan vielbeschworene Wort vom „Rebound“ bedeutet nicht nur ein Wettmachen von Verlusten, sondern laut Duden und medizinisch gemeint auch einen Rückfall „in einen früheren, schlechteren Zustand“.

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