Zugunglück in den USA: Die Katastrophe von East Palestine
Anfang Februar entgleiste in Ohio ein Güterzug mit Chemikalien, eine riesige Rauchwolke entstand. Jetzt klagen Anwohner über Beschwerden.

„Dies ist eine Sache auf Leben und Tod“, mahnte der republikanische Gouverneur von Ohio, Mike DeWine, als er drei Tage nach der Entgleisung alle Bewohner im Umkreis von zwei Meilen von dem entgleisten Zug drängte, ihre Häuser zu verlassen. Katastrophenhelfer in Schutzanzügen mit Atemmasken und Handschuhen klopften an jede Haustüre. Auf den Bahngleisen rauchten und brannten immer noch die Reste von 50 entgleisten und wie Klappmesser ineinander verkeilten Waggons und Tankwagen.
Neben zahlreichen anderen Chemikalien befand sich in ihrem Inneren auch Vinylchlorid, das bei Erhitzung Dioxin freigibt. Als direkte Folge kann Dioxin Schwindel auslösen. Langfristig ist es unter anderem für das Entstehen von Leberkrebs verantwortlich.
„Wir hatten zwei schlechte Optionen“, fasste der Gouverneur zehn Tage später bei einer Pressekonferenz die Lage vor Ort zusammen: „Entweder wir warteten auf eine Explosion, oder wir lösten eine kontrollierte Entladung aus.“ Letztlich optierten die Experten und die Gouverneure von Ohio und dem Nachbarbundesstaat Pennsylvania für eine kontrollierte Entleerung – die eine neue schwarze Rauchwolke in den Himmel schickte.
Chemikalen im Zug nicht vorab angemeldet
Die meisten der mehreren Tausend Evakuierten sind inzwischen wieder in ihre Häuser zurückgekehrt. Anwohner beschreiben, dass es in ihren Wohnräumen stinkt. Dass Straßenkehrmaschinen tiefschwarzen Staub aufwirbeln. Und dass kleine Kinder und Hunde sich häufiger übergeben. Außer den 3.500 toten Fischen, die die Umweltbehörde EPA in den umliegenden Gewässern gefunden hat, sprechen Anwohner auch von toten Hühnern. Viele im Ort haben Angst vor der Zukunft. Und sie fühlen sich nicht ausreichend über die Risiken informiert.
Umweltexperten haben die Luftqualität in mehreren Hundert Häusern geprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass diese nicht belastet seien. Auch in den umliegenden Gewässern und im Grundwasser hätten sie keine gefährlichen Werte gemessen. Aber mehr als eine Woche nach der Entgleisung fordern die Behörden die Anwohner dazu auf, kein Leitungswasser zu trinken.

Der Unfall des Zugs mit 150 Waggons fand am Freitagabend kurz vor 21 Uhr statt. 50 Waggons entgleisten. Wie die Behörden erst später erfuhren, befanden sich in zehn davon potenziell gefährliche Chemikalien, die unter anderem für die Herstellung von Klebstoff, Plastik und Baumaterial benutzt werden.
Dass der Betreiber diese Schadstoffe den Behörden nicht vorab gemeldet hat, nennt der republikanische Gouverneur von Ohio jetzt „absurd“. Er verlangt, dass sich der Kongress mit dem Thema befasst.
Ärger über die Eisenbahngesellschaft
Auch der Bürgermeister von East Palestine ist wütend darüber, wie die Eisenbahngesellschaft mit ihm Umgeht. „Wir werden nicht zulassen, dass sie diese Geschichte unter den Teppich kehren“, sagte er am Dienstag dieser Woche bei einer Pressekonferenz.
Die Norfolk Southern ist eine von sieben riesigen Konzernen, die den Konzentrationsprozess auf der Schiene der letzten 40 Jahre überlebt haben. Ihr langer Arm reicht bis zu den Gesetzgebern nach Washington. Unter anderem haben sie dort dafür gesorgt, dass unter Donald Trump eine in der Obama-Ära eingeführte Regel über elektronisch kontrollierte Bremsen wieder abgeschafft wurde.
Der gegenwärtige Transportminister Pete Buttigieg hat bislang nichts unternommen, um die Regel wieder einzuführen. Nach dem Unglück in East Palestine schwieg Buttigieg mehr als eine Woche lang. Erst am Montag veröffentlichte er ein paar Tweets, in denen er Aufklärung verlangte.
In den sechs zurückliegenden Jahren haben die Monopolkonzerne ihre Belegschaften um mehrere Zigtausend Beschäftigte reduziert. Sie haben die Güterzüge verlängert und ihre Belegschaften auf nur noch eine oder zwei Personen verringert. Die Eisenbahnbeschäftigten benutzen für die Konzerne einen Begriff aus dem 19 Jahrhundert: „Räuberbarone“.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Anlegen nach dem Crash
Ruhe bewahren oder umschichten
Von Frankreich lernen
Wie man Rechtsextreme stoppt
Strafe wegen Anti-AfD-Symbolik
Schule muss Tadel wegen Anti-AfD-Kritzeleien löschen