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Zirkus Mond und Jonny KnüppelKultur, die es braucht

An der Greifswalder Straße soll neu gebaut werden. Das stellt die Zukunft von Kulturinstitutionen wie Zirkus Mond und Jonny Knüppel infrage. Und nun?

„Was ist Zirkus?“, fragt der clowneske Shomaster, der ohne rote Nase oder Perücke, dafür durch sein Englisch mit starkem französischen Einschlag unterhält, zu Beginn der Vorstellung im alternativen Zirkus Mond. Handelt es sich bei dieser Kunstform um etwas „Glamouröses im Las-Vegas-Style“, einfach um „Entertainment“ oder vielmehr um einen „Ort der Freiheit, ohne Regeln, Grenzen und staatliche Finanzierung“? Das Klatschen im Publikum nach der letzten Frage verrät die Antwort, die dieser Ort gefunden hat.

Etwa 100 überwiegend junge Menschen sind an diesem Freitagabend in das nach Popcorn riechende Zirkuszelt gekommen und sitzen im Halbkreis auf der kleinen Tribüne. Während die sechs Ar­tis­t:in­nen bei ihrer Vorstellung auf einer Couch in der Manege posieren, stockt die eingespielte Musik für einen Moment. Der Moderator fragt: „Haben wir das Internet wieder nicht bezahlt?“ Es wird die einzige – souverän überspielte – Panne eines Abends bleiben, der durch die Akrobatik-Nummern an Stangen und Seilen besticht.

Nach der Vorführung sitzt Zirkusdirektor Max Mohr mit seinem roten Hut an der Bar im Zelt bei einer Flasche Bier. Seit acht Jahren spielt man hier, auf der Kultur-Brachfläche entlang der S-Bahn-Gleise am Bahnhof Greifswalder Straße, und sei „das Herz der Berliner Underground-Zirkusszene“. Shows gibt es immer freitags und samstags für Erwachsene, sonntags für Kinder, mit wechselnden Ensembles. Staatliche Zuschüsse bekommt die Kulturinstitution mit fünf Festangestellten keine, nur Coronahilfen flossen einmal und wurden für den Bau der Tribünen verwendet, sagt Mohr. Für den Zirkus sei das ein großer Schritt nach vorne gewesen.

Aktuell hofft Mohr wieder auf Hilfe von außen: Ende des Jahres muss das Gelände, das sich der Zirkus mit einem guten halben Dutzend weiterer Kulturplayer teilt, darunter dem Club Jonny Knüppel, auf Geheiß des Eigentümers geräumt werden – so lautete vor einigen Wochen die unmissverständliche Ansage. Einzig der Skatepark soll bleiben können. „Es würde mich freuen, wenn wir kulturell so relevant sind, dass uns Vater Staat oder Mutter Kultursenat eine neue Fläche zuweisen“, sagt Mohr. Immerhin sei der Zirkus Mond für viele professionelle Ar­tis­t:in­nen ein Zufluchtsort, der ihnen alle Freiheiten biete. Mohrs Traum: Er will mit seinem Zirkuszelt aufs Tempelhofer Feld ziehen.

Keine klassische Verdrängung

Der Zirkusdirektor betont, dass es sich nicht um eine klassische Verdrängungsgeschichte handelt, keine über einen „bösen Vermieter“. Mohr will nicht jammern über das Ende der Zwischennutzung, die deutlich länger dauerte, als die ursprünglich anvisierten zwei Jahre. Gegen den geplanten Wohnungsbau könne „ja niemand sein“. Und: Ein bisschen Hoffnung hat er noch, dass sich ein Kompromiss mit dem Eigentümer finden lässt. Zuletzt habe dieser angedeutet, dass der Zirkus womöglich auf dem letzten Zipfel des schmalen Grundstückstreifens entlang der Bahntrasse Richtung Schönhauser Allee Platz finden könnte. Nur müsste der Bezirk auch einen Teil des Grundstücks beisteuern.

Christian Gérôme, der Berliner Immobilienmakler, der das Gelände vor etwa zehn Jahren für heutzutage lächerliche 800.000 Euro erwarb, will bauen. 400 Wohnungen sollen entstehen, 30 Prozent davon sozial gefördert, der Rest zu Mieten zwischen 15 und 20 Euro pro Quadratmeter. Im RBB sagte er zuletzt, er wolle Wohnraum „für die kleinen Geldbeutel und die großen“ schaffen. Wiederholte Anfragen der taz ließ Gérôme unbeantwortet.

Geplant sind achtgeschossige Gebäude entlang der Bahngleise sowie ein knapp 60 Meter hoher Wohnturm an der Greifswalder Straße, für den derzeit ein Architekturwettbewerb läuft. Der Siegerentwurf soll im September gekürt werden. Geht es nach Gérôme, könnten bereits Anfang des nächsten Jahres die Bauvorbereitungen beginnen.

Zeitplan ungewiss

Ob dieser Zeitplan tatsächlich eingehalten werden kann, steht in den Sternen. Auf Anfrage teilt Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung Cornelius Bechtler (Grüne) mit: „Vertragliche Regelungen können erst getroffen werden, wenn eine Zustimmung des Bezirks auf Grundlage eines konkreten Entwurfs feststeht.“ Entscheidend, aber noch nicht entschieden, sei zudem, ob bei der Entwicklung des Geländes der „Bauturbo“ zur Anwendung komme – ein verkürztes Planungsverfahren, bei dem auf die Aufstellung eines Bebauungsplans verzichtet wird.

Mit Blick auf die Kulturplayer sagt Bechtler, der Bezirk habe keine alternativen Flächen im Angebot, auch seien ihm keine privaten Flächen für eine mögliche Zwischennutzung bekannt. Er wünsche den Einrichtungen aber, die derzeitigen Flächen „so lange wie möglich nutzen zu können“ – also womöglich bis zum tatsächlichen Start der Bauarbeiten. Nach einer ersten taz-Anfrage zeigte sich auch Gérôme in Gesprächen mit den aktuellen Nut­ze­r:in­nen plötzlich wieder gesprächsbereit, über eine verlängerte Zwischennutzung zu reden.

Für Jakob Turtur, Betreiber vom Jonny Knüppel und Vorstand des Kultur-Vereins Disco Babel, der alle Initiativen des Geländes vereint, ist das ein Hoffnungsschimmer. Er sagt: „Die Ankündigung des Endes kam kurzfristiger als erwartet“. Auf einmal sei man damit konfrontiert, neben dem „herausfordernden Betrieb“ Pläne für den Abbau zu schmieden und nach alternativen Standorten zu suchen. „Die Kapazitäten, das alles auf einmal zu machen, sind sehr begrenzt“, meint Turtur. Schon eine Verlängerung um einige Monate wäre eine Erleichterung.

Die Gefahr, dass der Clubbetrieb gänzlich eingestellt werden muss, ist real

Jakob Turtur, Betreiber Jonny Knüppel

Der Knüppel wirkt dabei wie ein Ort, den man eigentlich einfach versetzen könnte. Einlassbereich und Garderobe, Floors und Bars sind komplett in alten Containern untergebracht. Den Charme des Clubs machen aber die vielen Freiflächen aus, auch die Chill-Area mit schaukelndes Couches auf einem Containerdach. Dabei ist der Jonny Knüppel einer der letzten Clubs der Stadt, die auch für neue Kollektive und politische Solipartys überhaupt noch zugänglich ist. „Leider gibt es immer weniger Orte, die jüngeren oder Newcomer-Kollektiven Platz bieten“, sagt Turtur.

Auch bei ihnen sei es aber teurer geworden. Weil das Gelände weder über Wasser- noch Stromanschluss verfüge, werden die Veranstaltungen über ein großes Dieselaggregat betrieben – zuletzt mit explodierenden Kosten. Partys, die nur 200 Menschen anziehen, würden so nicht mehr funktionieren. Dafür sind Eintritts- und Getränkepreise im Vergleich mit vielen anderen Clubs noch moderat.

Kritik an den Plänen des Eigentümers formuliert Turtur keine, stattdessen kritisiert er die Politik: Die versäume es, selbst bei großen Bauprojekten „Kultur mitzudenken“ und Flächen für kulturelle Nutzungen zur Verfügung zu stellen. Angesichts des bevorstehenden Verlusts des derzeitigen Standorts spricht Turtur von einem „bedrückenden Zukunftsszenario“. Er sagt: „Die Gefahr, dass der Clubbetrieb gänzlich eingestellt werden muss, ist real.“ Also bangen 18 Festangestellte und etwa 100 weitere Menschen, die hier regelmäßig Schichten übernehmen, um ihre Jobs, darunter einige, „die sich sonst schwerer tun würden auf dem Arbeitsmarkt“.

Potenzielle neue Clubflächen sind extrem rar, Turturs Wunschliste dafür lang: „Mit Öffis erreichbar, mindestens 1.000 Quadratmeter, mit Außenbereich und entfernt von Anwohnern, auch Strom und Wasser wäre ganz großartig.“ Und dann braucht es noch einen Vermieter, „dem klar ist, dass man mit so einer Kultur nicht viel Geld zu bieten hat“.

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