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Politische Gewalt ist eine Herausforderung für die Kunst. Das zeigen in Berlin drei Ausstellungen, die explizit der Künstlerinnenförderung gelten

Von Katrin Bettina Müller

„den elften tag in folge / kämmt der krieg mir das haar / wäscht mich trocknet mein gesicht / wie er mich doch umsorgt.“ Auf einer weißen Papierbahn hängt dieses Gedicht einer ukrainischen Dichterin zwischen schwarzgebrannten Keramikkuben, die an die Ruinen von Häusern erinnern. Ins Innere hat die Künstlerin Gabriele Nocker kleine Torsi aus Porzellan gestellt, Fundstücke aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. So verknüpft sie in ihrer Installation „Sprachräume“ den gegenwärtigen Krieg in der Ukraine mit Formen von Zerbrechlichkeit und Überdauern aus der Geschichte.

Nockers „Sprachräume“ sind Teil der Ausstellung „Woman support Woman“, mit der die Gedok in der Kommunalen Galerie Berlin (in Wilmersdorf) das 100-jährige Bestehen der Gedok feiert, einer Gemeinschaft von Künstlerinnen und Kunstfreundinnen. Wie der Krieg in der Ukraine das Leben verändert und damit auch die Rolle der Kunst herausfordert, ist auch ein Thema für Yevgenia Belorusets in der Ausstellung „Courage. Schwestern im Geiste“ in der Prater Galerie. Yevgenia Belorusets, Fotografin und Autorin, begann nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine mit einem fotografischen Kriegstagebuch. Die jetzt ausgestellten Fotografien der Nacht bezeugen die Spuren der Zerstörung bis in die Emulsion der analogen Bilder selbst hinein: von Schlieren und Flecken durchzogene Schwärze.

„Schwestern im Geiste“ versammelt Künstlerinnen aus Osteuropa, die sich mit der Erfahrung politischer Gewalt auseinandersetzen. Natalia Vatsadze aus Georgien hat Broschen mit den Porträts von Opfern des sowjetischen Militärs angefertigt, die am 9. April 1989 starben, als eine Demonstration für die Unabhängigkeit Georgiens in Tbilissi niedergeschlagen wurde. Die Broschen „zieren“ nun ein schwarzes Jackett der Trauer. Nicht weit davon hängen mit Fotos und Textzeilen bedruckte Stoffe hoch über den Köpfen. „Sie hatte sich angewöhnt, keine Angst zu haben. Wir sind traurig, aber wir machen weiter“. Diesmal kommen die Zeilen aus Protokollen einer Gruppe „Frauen für den Frieden“, die sich 1982 in der DDR gründete. Sie sind Teil eines Archivs der DDR-Opposition aus dem Bestand der Robert-Havemann-Gesellschaft, mit dem die Künstlerin Louise Schröder in ihrer Installation arbeitet.

Die älteste Künstlerin der „Schwestern im Geiste“ ist Eva Vent, 1933 geboren. In ihren Radierungen aus den 1970er Jahren beschäftigte sie sich mit Frauen, die im Nationalsozialismus ermordet worden waren. Ein Zyklus gilt der Lehrerin Marianne Grunhals, gehängt kurz vor Kriegsende 1945, weil sie laut ihre Erleichterung über Hitlers Tod geäußert hatte.

Eva Vent war in der Prater Galerie, die im Prenzlauer Berg liegt, auch schon zu DDR-Zeiten ausgestellt; viele andere Künstlerinnen, die der DDR kritisch gegenüberstanden, aber nicht. Die Ausstellung will mit den Künstlerinnen jetzt auch diese Lücke markieren, und die Fehlstellen in der Kunstgeschichte bearbeiten. Es sind noch immer die Gespenster des Stalinismus und das besitzergreifende Russland von heute, gegen die die „Schwestern im Geiste“ anarbeiten.

Noch eine dritte Ausstellung von Künstlerinnen nimmt in den Blick, wie sich nationalstaatliche Gewalt auf Identität, Individuum und Körper auswirkt. In der Goldrausch-Ausstellung „in touch“, die am 20. September zu Ende ging, hat sich eine junge Generation von internationalen Künstlerinnen mit Themen der Migration, mit Vertreibung, mit politischen Grenzziehungen, die zu ethnischen Ausgrenzungen führen, beschäftigt. Auch bei ihnen ist Widerstand in repressiven Regimen ein Referenzrahmen der Kunst, während sie mit den ästhetischen Formen nach einer Vermittlung von Intimität und Berührung suchen.

Aber nicht nur dieses Reiben an einer Realität, die das Festhalten an der Kunst nicht einfach macht, lässt eine Verbindung zwischen den drei Ausstellungen sehen. Verbindend ist auch ihr strukturelles Anliegen, Künstlerinnen zu mehr Sichtbarkeit, Vernetzung und Erfolg im Geschäft mit der Kunst zu verhelfen.

Das Künstlerinnenprojekt Goldrausch, gefördert mit Mitteln der EU und des Landes Berlin, existiert seit 1989 und hat seitdem mehr als 500 Künstlerinnen gefördert. Seit der Gründung hat sich die Situation von Künstlerinnen zwar verbessert, aber der Weg bleibt mühsam.

Die Jubiläumsausstellung der Gedok zeigt viele Positionen eines klassischen Feminismus. Manchmal wird mit Witz, manchmal mit Pathos gegen Rollenmuster für Frauen, die Einengung und Beschränkung bedeuten, gekämpft. Als vor 100 Jahren die Gedok in Hamburg von Ida Dehmel gegründet wurde, sahen die Möglichkeiten für Künstlerinnen, die noch nicht lange zum Studium an den Akademien zugelassen waren, noch sehr schlecht aus.

Ida Dehmel selbst war gut vernetzt, Gastgeberin von Salons, Frauenrechtlerin und Schriftstellerin. Ihr Mann, der Schriftsteller Richard Dehmel, war 1920 gestorben. Sie pflegte seinen literarischen Nachlass und gründete 1926 die Gedok für Künstlerinnen aller Sparten und für fördernde Kunstfreund:innen. Es waren vor allem jüdische Mäzeninnen, die ihrem Aufruf zur Unterstützung von Künstlerinnen folgten. Die Gedok entwickelte bald ein großes Netzwerk, mit Sektionen in vielen Städten. Aber als die Nationalsozialisten sie unter Druck setzten, jüdische Mitglieder auszuschließen, verlor die Gedok an Bedeutung. Ida Dehmel selbst war Jüdin und wurde 1933 von SA-Männern gezwungen, den Vorstand der Gedok Hamburg aufzugeben. Im Dehmel-Haus, das sie als Gedenkstätte für ihren Mann pflegte, lebte sie zunehmend einsam und ausgegrenzt. Von ihrem Tod 1942 weiß man nicht genau, ob er durch Krankheit oder Suizid herbeigeführt wurde.

In der Ausstellung zum Jubiläum geht Sibille Riechardt in der Fotoserie „Ida“ dieser tragischen Geschichte nach. Sie greift Details aus dem Interieur des Dehmel-Hauses auf, Lampenschirme aus Perlen gestickt, Kissen und Stoffe in avantgardistisch-geometrischen Mustern. Damit folgt sie einer ästhetischen Spur von verschiedenen weiblichen Rollenbilder, die Ida Dehmel einerseits erfüllte, andererseits aber auch weit überschritt.

„Women support Women“, Kommunale Galerie Berlin, bis 10. Januar 2027. „Courage. Schwestern im Geiste“, Prater Galerie, bis 3. Januar 2027 (Teil der ifa-Ausstellungsreihe Publik Machen)