Zehn Jahre Boko Haram in Nigeria

Wo Europa blind ist

Seit Jahren verbreitet Boko Haram in Nigeria Terror. Deutschland tut fast nichts, um zu helfen. Selbst das Selbstverständlichste wäre ein Fortschritt.

Eine Frau steht auf einer nigerianischen Straße in Trümmern und kocht

Das Leid, das Boko Haram verursacht, ist groß. Europa ist es aber egal Foto: ap

Seit zehn Jahren treibt Boko Haram, die islamistische Sekte mit dem selbstgewählten Spitznamen „Westliche Bildung ist Sünde“, in Nigeria nun schon ihr Unwesen. Es ist ein Krieg mit Zehntausenden Toten und mehreren Millionen Vertriebenen, der Afrikas größtes Land gelähmt, Gesellschaften zerstört und Nachbarländer in Mitleidenschaft gezogen hat. In seiner verheerenden Wirkung steht dieser Krieg dem des „Islamischen Staates“ im Nahen Osten nicht nach.

Aber internationale Aufmerksamkeit ist Boko Haram nie in dem Ausmaß zuteilgeworden, wie es nötig gewesen wäre. Es ist eine klassische europäische Kurzsichtigkeit: Solange keine Nigerianer als Selbstmordattentäter europäische Hauptstädte terrorisieren, bleibt Nigeria auf der Rangliste von Krisenherden, mit denen man sich zu beschäftigen hat, weit unten.

Leidtragende sind nicht zuletzt die Flüchtlinge aus Nigeria, die in Libyen stranden, auf dem Mittelmeer ertrinken oder in Italien, Frankreich und Deutschland herumirren mit der über ihnen schwebenden Drohung, sie so bald wie möglich nach Hause zu schicken – die Anerkennungsquote für nigerianische Asylsuchende in Deutschland, dem wichtigsten außerafrikanischen Zielland für fliehende Nigerianer, lag zuletzt bei kläglichen 12 Prozent.

Die Anerkennungsquote für nigerianische Asylsuchende in Deutschland lag zuletzt bei kläglichen 12 Prozent

Es gibt relativ wenig, was von Europa aus Sinnvolles getan werden kann, um den Krieg in Nigeria zu beenden. Da aber Nigerias Militär stark auf europäische Ausrüstungs- und Ausbildungshilfe angewiesen ist, müssten zumindest die in diesem Bereich bestehenden Erkenntnisse der internationalen Partner über Korruption und Menschenrechtsverletzungen in Nigerias Militär mehr Konsequenzen haben als bisher.

Und da die meisten, die vor Boko Haram fliehen, in ihrer Region bleiben, müssten zumindest die bestehenden UN-Hilfsappelle zu ihrer Notversorgung finanziert werden. Vertriebene, egal wo auf der Welt, brauchen Schutz und menschenwürdige Behausung. Es ist ein Armutszeugnis für Europas Außenpolitik, dass im Falle Nigeria sogar diese Selbstverständlichkeiten deutliche Fortschritte wären.

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Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.

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