Würdigung eines Stararchitekten: Ein Meister des modernen Sakralbaus

Der Beton-Dom machte ihn berühmt. Zum 100. Geburtstag widmet das Deutsche Architekturmuseum Gottfried Böhm eine Ausstellung.

Der Beton-Dom in Neviges

Wallfahrtskirche in Neviges, Nordrhein-Westfalen. Die Protestanten nennen sie „Betonfelsen“ Foto: picture alliance/Hendrik Bohle

Gottfried Böhms Sohn Peter steht vor der Wallfahrtskirche in Neviges und sinniert, was wohl seinen Vater zu dem expressiven Sakralbau geführt haben mag. Immerhin hat der Mariendom am Rand des Bergischen Landes Gottfried Böhm auf einen Schlag weltberühmt gemacht. Die Kirche im Vorort des rheinischen Velbert gilt seither als die bekannteste moderne Sakralarchitektur Deutschlands. „Mein Vater“, erzählt Peter Böhm, „hatte schon früh den Willen, den Glauben in Form auszudrücken.“

Peter Böhm erinnert daran, dass das kleine Neviges mit der großen Kirche in diesen Tagen wieder in den Schlagzeilen steht. Denn anlässlich von Gottfried Böhms 100. Geburtstag richtet das Frankfurter Architekturmuseum (DAM) dem Kölner Architekten eine Werkschau aus.

In einer konzentrierten Ausstellung mit historischen Fotos aus der Bauzeit der Kirche, einer Collage mit Innenraumfotos, expressiven Zeichnungen Gottfried Böhms, neuen Archivfunden aus der Entstehungszeit sowie einer Dokumentation über die Sanierung des Dachs, die Peter Böhm vor einigen Jahren mit einer innovativen Textilbetonschicht durchführte, feiern die Frankfurter die Wallfahrtskirche als Hauptwerk des Kölner Architekten – des einzigen lebenden Deutschen, der jemals die international höchste Architekten-Auszeichnung, den Pritzker Award, erhalten hat und mittlerweile in den Heiligenstand aufgerückt ist.

Gottfried Böhm gehörte in der Nachkriegszeit zur jungen Architektengeneration der Bundesrepublik, die nach den Erfahrungen des megalomanen Bauens der NS-Zeit und den Bombenorgien der Alliierten nach einer Architektur suchte, die für einen Prozess der Heilung einsteht. Das zeigte sich unmittelbar nach dem Krieg, als er die „Madonna in den Trümmern“ in der durch Bomben ­zerstörten Kölner Kolumba-Kirche barg und um sie herum eine kleine Kapelle errichtete. Mit seinen zeltartigen Kon­struktionsformen setzte er sich auch in Gegensatz zu seinem Vater ­Dominikus, der erdenschwere, steinerne Gebäude bevorzugte.

Sohn Gottfried

Sohn Gottfried schlug andere Wege ein: Im Sakralbau erkundete er möglichst leichte Konstruktionen, St. Albert in Saarbrücken (1953) ist ein markantes Beispiel. Leichtfüßiger als in den gotischen Kathedralen entspringen aus der konischen Deckenschale, die sich über dem ovalen Kirchenraum wölbt, 14 spielerisch wirkende Strebebögen: Sie verlängern den filigranen Säulenwald, der den Altarraum eingrenzt und über dem sich ein Oberlicht-Tambour ­öffnet.

Gottfried Böhm variierte kontinuierlich die Bauformen: Die Hängedecken gab er bald auf, aber es blieben die leichten, skulpturalen Konstruktio­nen. „Mein Vater, der neben dem Architekturstudium an der TU München auch Bildhauerei an der Kunstakademie belegt hatte, beharrte auf seiner eigenen künstlerischen Position, die sich dauernd wandelte“, kommentiert der Sohn Peter Böhm.

Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, noch bis zum 26. April 2020. https://dam-online.de/pr/boehm-100/

Viele Nachkriegskirchen, die Böhm in den Neubausiedlungen der rheinischen Groß- und Kleinstädte errichtete, orientierten sich noch an der Formgebung der Bauhaus-Architektur, die damals durch Walter Gropius in der neuen Bundesrepublik großen Einfluss genoss. „Zahlreiche seiner Sakralbauten entstanden in den neu errichteten Wohnsiedlungen. Der Bedarf war groß“, ergänzt Peter Böhm. Dieser Bedarf an Sakralbauten machte es möglich, dass die Architekten zum Experimentieren ermuntert wurden und ohne große Sachzwänge die neuen architektonischen Tendenzen erproben konnten.

Es erscheint heute kurios, dass unter experimentierfreudigen Architekten ausgerechnet das Erzbistum Köln äußerst beliebt war. Das war aber keineswegs zufällig, denn Dombaumeister Willy Weyres und Erzdiözesesanbaumeister Wilhelm Schlombs förderten die neuen Architekturtendenzen. Die offene Kirchenpolitik hing mit dem beliebten Erzbischof Josef Kardinal Frings zusammen.

Lebendiger Geist

„Dass mit dem Kirchenboom auch zahlreiche moderne Sakralbauten entstanden, wurde toleriert und passte zum lebendigen Geist, der sich im kulturellen Bereich manifestierte“, erinnert sich Peter Böhm und verdeutlicht damit die Grundausrichtung der Frankfurter Ausstellung. „Allerdings interessierte sich mein Vater weniger fürs Sakrale als für die Gestaltungsmöglichkeiten, die die Sakralarchitektur bot.“

Sohn Peter über Vater Gottfried Böhm

„Er dachte an Bauwerke, die unsere Gemeinschaft zusammenhalten, er dachte an die Menschen, die in diesen Gebäuden leben“

1962 rief Papst Johannes XXIII. zur pastoralen und ökumenischen Erneuerung auf, wodurch sich die katholische Kirche zu öffnen begann. „Die Zeitumstände beeinflussten stark das Denken und die Architektur meines Vaters. Das war eine bewegte Zeit, es war die Hochphase der Studentenrebellion, die bei ihm deutlich Spuren hinterlassen hat. Rein äußerlich zeigte sich das an Namen wie Gandhi und Che Guevara, die er auf dem Pilgerweg verewigte.“

1959 stand die Entscheidung der Kölner Erzdiözese fest, im kleinen Neviges den zweitgrößten Sakralbau im gesamten Erzbistum zu errichten. Kardinal Frings – auch das macht die Böhm-Ausstellung deutlich – war auf der Suche nach einem emblematischen Sakralbau, der die Möglichkeit bieten sollte, durch seine Anziehungskraft die gesunkene Zahl der Pilger auszugleichen. Unter den Protestanten in Neviges setzte sich später die Rede vom „Betonfelsen“ durch.

Gottfried Böhm kam das entgegen, weil er die Wallfahrtskirche den natürlichen Formationen des Bergischen Landes anpasste. Die Pilger sollten die gepflasterte Anhöhe hinaufsteigen, dann einen gewaltigen Innenraum betreten, in dem sich die Pflastersteine des Pilgerwegs fortsetzen. Böhm gestaltete den Sakralraum wie einen Marktplatz, umstellt von hoch aufragenden, schlichten Leuchten, die an Straßenlaternen erinnern.

Expressionistischer Stil

Während der Bauzeit in Neviges erprobte Böhm seinen expressionistischen Stil auch an anderen Sakralbauten. Zu seinen gelungensten Projekten gehört zweifellos St. Matthäus in Düsseldorf-Garath. Am Südrand des Stadtviertels errichtete Böhm den Sakralbau mit einem unregelmäßigen Faltwerk aus Stahlbeton, direkt daneben fügte er ein Altenheim an. Beide Bauwerke entwarf Böhm als Teile eines homogenen Ensembles. Offenbar wollte er die kleine Siedlung, die zu seinen großartigsten Bauwerken gehört, deutlich von den heranrückenden Metastasen des neuen Garath abschirmen.

In Köln lässt sich bestens studieren, dass Gottfried Böhm dazu tendierte, sowohl Sakral- als auch öffentliche Bauten nach Maßgabe mittelalterlicher Kirchenbaumeister wie Stadtkronen zu gestalten. Was ihm im kleinen Neviges sinnbildlich gelang, war auch am Rathaus von Bensberg nachvollziehbar.

Peter Böhm erinnert sich, dass er in der Spätphase von Funk­tio­nalismus und CIAM vehement eine an den menschlichen Bedürfnissen orientierte Architektur entwickelte: „Mein Vater ließ sich nicht von den modernen Stadtsilhouetten der Banken beeindrucken. Er dachte an Bauwerke, die unsere Gemeinschaft zusammenhalten, er dachte an die Menschen, die in diesen Gebäuden leben.“

Symptomatisch für diese architektonische Ethik, die sich in den Schriften von AutorInnen wie Kevin Lynch, Jane Jacobs und Alexander Mitscherlich ausdrückte, war das Kinderdorf Bethanien in Bergisch Gladbach-Refrath, das eine ähnlich geschlossene architektonische Gestalt besitzt wie das Garather Ensemble. In Refrath vertraute Böhm der gemeinschaftsbildenden und heilenden Wirkung von Architektur auf Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen.

Siedlungseuphorie und Massenwohnungsbau

Gottfried Böhm wich nicht vor schwierigen, ja sogar unmöglichen Aufgaben zurück. Zweifellos gehört dazu das Wohnprojekt für Köln-Chorweiler, das Mitte der 1970er fertiggestellt wurde, also zu einer Zeit, als die Architekten noch von der Siedlungseuphorie und noch nicht von der Malaise des Massenwohnungsbaus angesteckt waren.

Zu spät war Böhm aufgegangen, dass die farbenfrohen Balkone wenig gegen die Grundstimmung in Chorweiler ausrichteten. Seine vereinzelten Spätwerke passen sich dem Zeitgeschmack der Glasarchitekturen an und lassen die frische Kraft der skulpturalen brutalistischen Architektur vermissen.

Doch die späten Jahre sind nur eine Episode, gemessen an dem überbordenden Werk der Aufbruchsjahre. Dass der Kölner Architekt in 15 Jahren über sechzig Kirchen in fast ausnahmslos herausragender Qualität entwarf, macht ihm keiner nach. Chapeau!

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