Workshop mit Jürgen Habermas: Längst nicht am Ende

Jürgen Habermas ist mit dem „Tutzinger Löwen“ ausgezeichnet worden und stellte klar, Philosophie könne weiterhin der Sozialintegration dienen.

Portrait von Jürgen Habermas.

Jürgen Habermas wies darauf hin: Lernprozesse sind keineswegs gegen Regressionen gefeit Foto: Heike Lyding/imago

Es war eine akademische Gala für und mit Jürgen Habermas. Ein Jahr nach Erscheinen von „Auch eine Geschichte der Philosophie“ wurde das Opus mag­num gewürdigt, nachdem die Pandemie dies zuvor verhindert hatte. Im Tutzinger Schloss der Evangelischen Akademie im katholischen Bayern vor einem großen Wandbild der einzigen evangelischen bayerischen Königin Marie Therese versammelten sich rund 50 zugelassene Gäste, viele davon ehemalige Doktoranden von Habermas oder Wissenschaftler, die Doktorarbeiten über Habermas geschrieben hatten.

Der Gewürdigte war mitten unter ihnen, und zwar wach, gewitzt und klar. Egal, wer welchen Vortrag hielt, immer war er gefragt. Der inzwischen 92-Jährige entledigte sich dann umständlich seines Kopfhörers, ging ein wenig wacklig die Stufen rauf zum Pult, sagte, er sei eben nicht mehr so in Form und demonstrierte dann seinen unveränderten Scharfsinn. Er erfasste blitzschnell strittige Punkte und widersprach häufig.

Ob Habermas sich darüber gefreut hat, dass er von der Evangelischen Akademie den „Tutzinger Löwen“ bekam, ist schwer einzuschätzen – der „Löwe“ ist übrigens kein Bambi der EKD, sondern eine Trophäe für verdienstvolle Weltbürger wie Hildegard Hamm-Brücher, Desmond Tutu oder eben nun für den Starnberger Nachbarn. In jedem Fall kam der Gewürdigte und Geehrte immer mit dem eigenen Auto – damit er autonom blieb und nach Hause konnte, wenn er wollte.

Die Laudatio auf Habermas’ Philosophiegeschichte hielt Jan Philipp Reemtsma, der bereits 2001 den Philosophen bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gewürdigt hatte. Damals hatte er die „Anschlussfähigkeit“ von Habermas’ Denken und Forschen hervorgehoben, nun bezeichnete er den „Roman abendländischen Denkens“ als „Eulenflug“. Die Eule der Minerva kommt von ihrem Flug zurück und berichtet, was sie gesehen hat: eine Erfolgsgeschichte, denn die Menschheit lernt!

Forschritt und Regression

Habermas hingegen war mit diesem Bild nicht einverstanden: Sein Buch sei nicht in Abschiedsstimmung verfasst worden, demnach nun eine bestimmte Philosophie an ihr Ende gekommen sei. Sondern als Ermutigung, dass Philosophie weiter dem praktischen Gebrauch von Vernunft und der Sozialintegration dienen könne.

Der Befund von Lernprozessen bedeute auch keine teleologische und ungebrochene Fortschrittserzählung, denn sie habe weder Anfang noch Ziel, noch sei dieses Lernen gegen Einbrüche und Regressionen gefeit.

Auf der Tagung wurde Habermas’ Opus magnum von vielen Seiten mit Exegesen, Kommentaren und Interpretationen beleuchtet. Wie viel ­Adorno steckt in Habermas, fragte etwa Stefan Müller-Doohm. Gibt es ein normatives Erbe von Religion im nachmetaphysischen Zeitalter, das als „Ausfallbürgschaft“ bei misslingender Sozialintegration genutzt werden könne, diskutierte der skeptische Religionsphilosoph Thomas Schmidt.

Wo bleibt die Ästhetik des Irrationalen, wollte Matthias Bormuth wissen. Ist Habermas’ Buch eine philosophische Therapie der „Ermutigung“, überlegte sich Martin Seel.

Biografische Details

Viel Scholastik wurde zudem betrieben, beispielsweise über die Dialektik von Genesis und Geltung, über „komprehensive“ Vernunft und solche Dinge.

Spannend wurde es immer dann, wenn Habermas in seine Antworten biografische Details einwebte, die man so noch nicht kannte. Etwa, wie er im Januar 1956 im Zug auf dem Weg nach Frankfurt Adornos Stichworte verschlang. Ihn elektrisierte damals der Geist, der aus Adornos Essay und seiner politisch-philosophischen Schriftstellerei in dieser postnationalsozialistischen Zeit wehte.

Das war ansteckend, weit mehr als Adornos Musiktheorie und die Hegel-Seminare. Tatsächlich und groteskerweise war Habermas in den Frankfurter Jahren konzeptionell dem jungen Horkheimer viel ähnlicher als Adorno.

Über die aktuelle Bedeutung von „vernünftiger Freiheit“ wurde selten gesprochen – ein wenig über die gegenwärtige „demokratische Regression“ (Peter Niesen) in Europa oder „den Kapitalismus“, den es nach wie vor aufzuheben gelte (so der zornige Transzendentalsoziologe Hauke Brunkhorst).

Freiheit des Einzelnen

Das Problem der Freiheit des Einzelnen, sich nicht impfen zu lassen, im Konflikt mit der Freiheit aller, die durch den Eigensinn der Abstinenzler eingeschränkt ist, war kein Thema. Dafür wurde viel über Religion diskutiert, was den Patron dann doch am Ende wunderte.

Denn er habe doch eigentlich ein normales Philosophiebuch geschrieben, um dem akademisierten Fach seine gesellschaftliche Bedeutung zu vergegenwärtigen. Schon, allerdings hat er seine Philosophiegeschichte ja anhand der Konstellation von „Glauben und Wissen“ aufgezogen.

Vielleicht rächte sich ein Ereignis von 2000, an das der „calvinistische Atheist“ Reemtsma erinnerte: Habermas hatte damals Kardinal Ratzinger die Hand gereicht – „so, wie Faust dem Mephisto“. Religiös sei man auf den Knien oder gar nicht! Habermas, der sich als säkularen Philosophen sieht, musste manches Gespenst aus dem Tutzinger Schloss vertreiben. Er tat es noch immer behände und geistreich.

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