Wolf-Abschuss im Schwarzwald: Özdemirs Opferlamm
In Baden-Württemberg soll nach 180 Jahren wieder ein Wolf legal geschossen werden. Die grüne Umweltministerin hilft damit Cem Özdemir im Wahlkampf.
Der Wahlkampf im Südwesten könnte bald sein erstes Opfer fordern. Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) hat diese Woche den „Hornisgrinde-Wolf“ per Ausnahmegenehmigung zum Abschuss freigegeben. Der Wolf, offiziell GW2672 genannt, wäre der erste seiner Art, der in Baden-Württemberg seit 180 Jahren legal erlegt wird.
Der Einzelgänger vom Nordschwarzwald (die Hornisgrinde ist der höchste Berg dort) war immer wieder Menschen in der beliebten Wander- und Wintersportgegend im Nordschwarzwald nahegekommen. Walker greift damit robust in eine Wahlkampfdebatte ein. Denn Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir hatte unter dem Druck seines Herausforderers Manuel Hagel im Landtagswahlkampf mehrfach versprochen, der Forderung von Bauern und Jägern nachzukommen und den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Landwirtschaftsminister Peter Hauk von der CDU und auch die FDP sehen darin den einzigen Weg, Wölfe, die etwa Nutztiere reißen, legal zu entnehmen. Walker hatte bisher betont, dass dafür erst das Bundesjagdrecht geändert werden müsse.
Mit der Sondergenehmigung zeigt sie nun, dass der Abschuss gefährlicher Wölfe auch ohne diese Änderung möglich ist. Doch der Zeitpunkt ist heikel: Die Ministerin erließ die Genehmigung einen Tag vor einer Landtagsdebatte über einen FDP-Gesetzentwurf zum Jagdrecht. Zudem gilt die Erlaubnis nur bis zum 10. März, kurz nach der Landtagswahl. FDP-Chef Hans-Ulrich Rülke kommentiert: „Der Wolf GW2672 wird als Opferlamm für Özdemirs Wahlkampf in die Geschichte eingehen. “
Den Verdacht, der Abschuss diene allein dem Wahlkampf, äußert ausgerechnet der Jagdverband, der die Entscheidung eigentlich begrüßt. Der Zeitpunkt sei „sehr überraschend“, heißt es. Schließlich sei das auffällige Verhalten des Wolfs bereits seit Mai 2024 bekannt.
Das Timing hängt jedoch mit der Paarungszeit zusammen, wie der Grünen-Wolfsexperte Markus Rösler erklärt. Der einsame Wolf von der Hornisgrinde sei „ja auch nur ein armes Schwein“, sagt ein Hundebesitzer, der ihm begegnet ist, im SWR. Auf der Suche nach einer Partnerin nähert sich der Wolf Hund und Mensch – eine fast aussichtslose Suche, da im Schwarzwald bisher nur vier Wölfe leben.
Dieses Verhalten macht ihn aus Expertensicht zum Problemwolf. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz unterstützt den Abschuss, um brenzlige Situationen zu vermeiden. Handyvideos zeigen, wie der Wolf Spaziergänger mit Hund über längere Zeit verfolgt. Ein lebendiger Fang sei bisher nicht gelungen, erklärt das Ministerium. Deshalb gibt Walker ihn nun zum Abschuss frei – und entschärft damit ein heikles Wahlkampfthema für den Grünen-Spitzenkandidaten.
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