Wohnungslose Jugendliche

Theater nach dem Essen

Kultur und praktische Hilfe gibt es bei der Kontakt- und Beratungsstelle KuB für wohnungslose Jugendliche. Einfach nur mit Beratung sind sie kaum zu erreichen.

Einblick in einen Raum des Übernachtungsangebots „Sleep-in“ der KuB Foto: dpa

Lea* kommt eine Stunde zu spät zur Theaterprobe und will erst mal was essen. Micha steht auf der Bühne, hat den Text nicht gelernt und klagt über Kopfschmerzen. Erik, laut Regisseurin ein schauspielerisches Genie, ist da, schläft allerdings nach kurzer Zeit auf dem Sofa ein. Und Marie läuft wütend aus dem Raum, weil sie sich übergangen fühlt.

„Ich muss wahnsinnig flexibel sein“, sagt Margareta Riefenthaler. Seit über zwanzig Jahren studiert sie in der Kontakt- und Beratungsstelle KuB mit jugendlichen Wohnungslosen Theaterstücke ein. Im aktuellen Stück, das die Theaterleiterin selbst geschrieben hat, geht es um das Mädchen Luci: Ein Junge aus ihrem Freundeskreis hat verletzende Bilder von ihr ins Netz gestellt.

Ob die, die gerade die Szene proben, bei der Aufführung da sein werden, kann Riefenthaler nicht mit Sicherheit sagen. Die Zeichen in ihrer Anwesenheitsliste neben den rund 30 Namen sehen aus wie Mondsymbole: ein Vollmond für „War da und hat mitgearbeitet“, ein Halbmond für „War anfangs da, ist aber zwischendrin gegangen“, ein Neumond für „War da, hat aber nicht mitgemacht.“

Selbstvertrauen gewinnen

Die KuB Insgesamt besuchen pro Jahr rund 550 junge Menschen die KuB. Etwa 60 Prozent sind Berliner Jugendliche und junge Erwachsene. 35 Prozent kommen aus anderen Bundesländern, rund 5 Prozent aus dem Ausland. Die KuB ist an 365 Tagen im Jahr geöffnet und bietet 16 Notübernachtungsplätze. Außerdem sind Sozialarbeiter*innen an sechs Tagen in der Woche mit einem Bus im Stadtgebiet unterwegs. Dieses Vor-Ort-Angebot nutzen pro Jahr rund 1.000 junge Menschen. Kontakt und Beratung sind auch per Chat möglich.

Wohnungslose Jugendliche Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe gibt an, dass in Berlin bis zu 3.000 Jugendliche und junge Erwachsene ohne feste Bleibe leben. Nicht alle schlafen durchgängig auf der Straße, einige kommen als „Sofa-Hopper“ zeitweise auch bei Freunden unter. In normalen Obdachlosenunterkünften können Jugendliche aus Gründen des Minderjährigenschutzes meist nicht übernachten. Offiziell gibt es keine minderjährigen Wohnungslosen, weil die Eltern die Pflicht haben, ihre Kinder unterzubringen.

Das Theaterprojekt Die Jugendlichen spielen das Theaterstück „Alle kennen Luci“ vom Freitag, 29. März, bis Sonntag, 31. März, um 19.30 Uhr im Circus Schatzinsel, May-Ayim-Ufer 4 in Kreuzberg, sowie am Dienstag, 2. April, um 19.30 Uhr in der Freikirchlichen Gemeinde Kreuzberg, Bergmannstraße 22. Der Kartenvorverkauf hat begonnen. (usch)

Zusammen mit ihrer Assistentin ringt Riefenthaler in der Probe um jeden Satz. Fordert hier mehr Betonung, dort mehr Lautstärke ein. „Die Jugendlichen gewinnen durch die Proben auch mehr Selbstvertrauen“, sagt sie. Wieder und wieder gehen sie die Szene durch, Riefenthalers Assistentin schreibt mit, wenn die Jugendlichen eigene Formulierungen finden. Nach fünf Durchgängen seufzt Micha resigniert auf. „Passt auf, gleich ändert sie wieder was.“ Ihn plagen immer noch die Kopfschmerzen. Wie abgesprochen verschwinden die Jugendlichen nach der ersten Szene erst mal in die Raucherpause.

An drei Nachmittagen in der Woche ist Theaterprobe in der KuB am Kreuzberger Südstern. Es gibt dort noch mehr Angebote: ein Tonstudio und Mal-, Zeichen- oder Töpferkurse, aber auch ein warmes Essen, eine Kleiderkammer und die Möglichkeit, Wäsche zu waschen. Regelmäßig kommen eine Kinderärztin und eine Tierärztin. Diese Angebote dienten auch dazu, die KuB für die Jugendlichen interessant zu machen, sagt Leiter Robert Hall. „Nur mit Beratung kriegen wir sie nicht. Die meisten Jugendlichen sind ihr ganzes Leben lang von Sozialarbeiter*innen beraten worden, und es hat ihnen nicht weitergeholfen.“

Die Einrichtung wolle ein „vertrauensvoller und zuverlässiger Baustein im Netzwerk der Jugendlichen“ sein, daher sei das Angebot so niedrigschwellig wie möglich. Und allen, die neben den Freizeitangeboten und der praktischen Hilfe auch eine Beratung wünschten, könnten die Mitarbeiter*innen Unterstützung anbieten oder sie weitervermitteln.

Sozialarbeiterin Anna Baer über die Jugendlichen in der KuB

„Manche haben fünf, sechs Einrichtungen hinter sich“

Vor einem halben Jahr ist die KuB von der Fasanenstraße am Zoo in die Müllenhoffstraße im Graefekiez zwischen Kottbusser Damm und Südstern umgezogen. Das habe ihre Arbeit nicht verändert oder eingeschränkt, die Jugendlichen nähmen den neuen Ort gut an, sagt Leiter Hall. Nur mit der Nachbarschaft müssten sie noch warm werden. Besser gesagt: die Nachbarschaft mit der KuB. Es habe Beschwerden gegeben, Nachbarn hätten die Jugendlichen verdächtigt, Fahrräder zu klauen, oder sie hätten sich am Lärm der relativ häufigen nächtlichen Notarzt-Einsätze und sogar am Licht aus den Fenstern der Einrichtung gestört, so Hall. Deshalb soll das neue Theaterstück auch im Kiez gezeigt werden, um die Akzeptanz des Umfelds zu stärken.

Am Bahnhof Zoo ist die KuB weiterhin aktiv: Mehrmals in der Woche stehen hier, am Alexan­derplatz und an der Warschauer Brücke Sozialarbeiter*innen mit ihrem Bus und einer Notversorgung. Seit 25 Jahren zu denselben Zeiten an denselben Orten. Dadurch hätten sie sich Vertrauen erarbeitet, sagt Sozialarbeiterin Anna Baer, die seit 22 Jahren für die KuB arbeitet. Für Jugendliche sei das Leben auf der Straße in dieser Zeit um einiges härter geworden. „Sie wollen heute nicht mehr erkannt werden, sie wollen nicht, dass andere sehen, dass sie auf der Straße sind“, sagt sie. Früher hätten sie sich wie Punks gekleidet, in Gruppen zusammengesessen und gezeigt, dass sie nicht dazugehören wollen.

„Heute haben wir mehr sehr junge Jugendliche als vor 15, 20 Jahren, die auch länger auf der Straße bleiben und mehr und härtere Drogen konsumieren“, sagt Baer. Psychische Auffälligkeiten hätten stark zugenommen, sei es durch Drogenkonsum oder verschlechterte Versorgung. Ihrer Beobachtung nach habe sich auch das Hilfsnetz ausgedünnt. „Heute dauert es Monate, bis wir jemanden, der von der Straße weg will, vermittelt haben.“

Jugendhilfeeinrichtungen hätten oft keine Plätze oder wollten keine Jugendlichen aufnehmen, die Drogen nehmen oder sich an keinerlei Regeln halten wollen, so Baer. „Wir haben Jugendliche, die haben fünf, sechs Einrichtungen hinter sich und sogar in der Psychiatrie inzwischen Hausverbot. Ich wusste bis vor Kurzem gar nicht, dass das geht.“ Spätestens aber, wenn sie das erste Mal auf der Straße richtig krank werden, wollten viele „einfach ein Bett, in dem sie liegen können und jemanden, der ihnen einen Tee bringt“.

Mit den Tieren zum Sleep-in

In der KuB gelten nur drei Grundsätze: keine Gewalt, kein Drogenhandel, keine Waffen. „Regeln und Verbote haben sie woanders genug. Wir wollen ihnen zeigen: Wir nehmen dich so, wie du bist“, sagt die Sozialarbeiterin. Die Jugendlichen können zwölf Nächte pro Monat im Sleep-in der KuB übernachten, auch mit ihren Tieren. In Doppelzimmern mit einfachen Betten, aber ohne Regale oder andere Abstellmöglichkeiten. Denn morgens müssen alle die Einrichtung wieder verlassen.

Lea hat inzwischen ihren Teller leergegessen und stellt sich für ihre Szene in die hinterste Ecke der als Bühne benutzten Hälfte des Aufenthaltsraumes. Sie spielt eine der Freundinnen von Hauptfigur Luci. Theaterleiterin Riefenthaler bemüht sich, sie hervorzulocken, fordert sie auf, aus sich herauszukommen und lauter zu sprechen. „Ich kann das nicht so laut“, sagt Lea genervt nach der dritten Korrektur. „Genau so, wie du jetzt wütend auf mich bist, spiel auch die Rolle! Dann versteht dich das Publikum auch sehr gut“, beharrt Riefenthaler. Es dauert dann noch mehrere Durchgänge. Doch am Ende steht Lea nicht mehr ganz so weit hinten und erreicht mit ihren Sätzen den ganzen Raum.

* Die Namen aller Jugendlichen sind zu ihrem Schutz geändert

Einmal zahlen
.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de