: Wo wieder Hoffnung ist
Letztes Jahr wurde der Budapest Pride noch von Orbán verboten. Nun regiert die Partei Tisza. Zwei queere junge Frauen sprechen über Fortschritte, darüber, wo es an Solidarität noch immer fehlt, und über die ungewisse politische Lage
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Von Andreas Stein
Plakatierte Wände und ein Tresen voller Sticker weisen das im Budapester Studierendenviertel gelegene Moduláris als linken Space aus. Auf einem handbemalten Banner prangt „Resist The Patriarchy“. Es ist einer der Orte in Budapest, an denen sich Anna wohlfühlt. „Furcht ist ein menschlicher Instinkt. Du verspürst Kampf oder Flucht. Ich floh“, erzählt Anna (26). Vor sechs Jahren verließ Anna Ungarn, um in Deutschland Sozialwissenschaften zu studieren. „Viele Ungar*innen glauben, im Westen sei alles besser. Ich lernte, dass das nicht stimmt. Aber als queere Frau hat es sich wie ein Ausweg angefühlt.“
Seit einem Jahr lebt Anna wieder in Budapest. Sie sehnte sich nach ihren Freunden und ihrer Familie, aber blickte auch auf die Wahlen 2026. „Ich habe mir selbst verboten, hoffnungsvoll zu sein. Die Enttäuschung wäre zu groß gewesen. Es hätte bedeutet, wieder zu verschwinden.“
In der entscheidenden Nacht arbeitete Anna als Wahlhelferin: „Die Schicht dauerte 20 Stunden. Ich war so müde.“ Erst auf der Straße, als Menschen feierten, begriff sie, was geschehen war. „Ich weinte vor Glück, aber hieß Péter Magyar nicht unbedingt willkommen. Es war nur der einzige Ausweg aus Orbáns System.“
Mit einer Mate in der Hand geht Anna vor die Tür, wo das Sonnenlicht durch die Baumkronen fällt. Viele Entscheidungen der Partei Tisza überraschten sie – im Positiven. Sie findet, dass einige Ministerien divers und gut besetzt wurden, und freut sich, dass endlich ein Bildungsministerium eingeführt wird.
Ein paar Straßen entfernt treffen wir die Lehramtsstudentin Luca (25) in einem Creative Space und Café. Auch Luca kam der Gedanke, Ungarn zu verlassen, aber das Land sei ihr zu wichtig. „Ich mochte es nicht, wenn Leute meinten: Alles geht den Bach runter, deshalb gehe ich einfach.“ Deshalb organisierte die Aktivistin verschiedene Aktionen, zum Beispiel gegen das Pro-Orbán-Medium Metropol. „Die Zeitung hatte in einer Kolumne ‚The shorter, the better‘ Bilder von Frauen in der Öffentlichkeit abgedruckt, die ohne ihr Wissen fotografiert wurden“, sagt Luca. Eine der Abgebildeten war noch minderjährig.
Luca greift in ihre Tasche und holt einen Flyer heraus, der verschiedene Methoden gegen Belästigung im öffentlichen Raum zeigt. Obwohl die Proteste keine ernsthaften Folgen für das Medium hatten, konnte auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht werden. Für Luca ist das ein Erfolg, und er gelang noch zu Orbán-Zeiten.
Beim Thema Queerness sei der Spielraum geringer gewesen. Orbán habe die queere Community als bedrohlich dargestellt und sie für alles verantwortlich gemacht. „In den letzten Jahren wurden queere Menschen mehr und mehr ihrer Rechte beraubt“, sagt sie. Die Diskriminierung der Orbán-Regierung habe besonders Transpersonen getroffen. So wurde 2025 ein konstitutionelles Gesetz erlassen, das nur das biologische Geschlecht anerkennt und den Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen und Hormontherapie erschwert. Auch in der queeren Community sei das Gesetz kaum beachtet worden, kritisiert Luca. Erst nach dem Verbot der Budapest Pride 2025 solidarisierte sich die Gemeinschaft.
„Was in den letzten zwei Jahren passiert ist, war verrückt. Ich habe den Regierungswechsel nicht erwartet“, erzählt Luca. Die Menschen seien nun vorsichtig optimistisch. Seit dem Amtsbeginn könne die Gesellschaft wieder aufatmen.
Als linke Studentin tat sich Luca schwer damit, Magyar zu unterstützen, der sich in der Öffentlichkeit als konservativ darstelle. Sie witzelt: „Vor der Wahl habe ich gesagt, ich würde mich in der Wahlkabine übergeben.“ Heute ist sie wegen ihrer Entscheidung mit sich im Reinen. Wachsam und protestbereit wolle sie bleiben, denn in der neuen politischen Landschaft könne Protest effektiv sein. Doch hinsichtlich queerer Themen bleibt sie skeptisch. Der neugewählte Präsident Péter Magyar habe nie konkret über queere Rechte gesprochen, und bis jetzt seien Orbáns Gesetze noch in Kraft.
Die Budapest Pride 2026 wurde von Magyar und der Polizei erlaubt. Das Versammlungsverbot für queere Gruppen gilt aber weiterhin. Luca spekuliert, dass es möglicherweise eine Taktik von Magyar sei, um das gesamte politische Spektrum bei sich zu halten. „Die ungarische Gesellschaft ist noch nicht bereit für einen Präsidenten, der sich klar für Gleichberechtigung einsetzt“, sagt sie.
Anna sieht das ähnlich. Und doch ist ihr eines aufgefallen: „Seit der Wahl habe ich mehr queere Menschen Hand in Hand gehen gesehen. Sie leben nicht mehr in Angst“.
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