:
Sven Teuber (SPD) ist Bildungsminister in Rheinland-Pfalz. Ein Gespräch über Wahlkampfthemen, seine Amtszeit und warum er auch mit der CDU koalieren würde
Interview Ralf Pauli und Jana Laborenz
taz: Herr Teuber, Ihre Partei hat in Rheinland-Pfalz ein Dauerabo auf das Bildungsministerium. Was, würden Sie sagen, sind die drei größten sozialdemokratischen Errungenschaften in der Bildungspolitik?
Sven Teuber: Wir haben immer konsequent für mehr Bildungsgerechtigkeit gearbeitet, so auch zuletzt unter unserem Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer. Wir investieren bereits seit über 20 Jahren in die Ganztagsbetreuung. Wir haben also schon damit begonnen, als noch niemand groß über das Thema gesprochen hat. Heute können bei uns 90 Prozent der Schulen ein Ganztagsangebot anbieten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die frühkindliche Bildung. Bei uns ist der Kitabesuch deshalb für alle Kinder ab dem zweiten Lebensjahr beitragsfrei. Wenn ich zum Beispiel zu unseren Nachbarn nach Baden-Württemberg blicke, stelle ich fest: Das ist keine Selbstverständlichkeit.
taz: Und der dritte Punkt?
Teuber: Die Weiterentwicklung von Schule. Wir haben mittlerweile ein Netzwerk von 150 „Schulen der Zukunft“, die wir autonomer und freier arbeiten lassen. Die Schulen setzen sich selbst innovative Schwerpunkte – seien es neue Lern- und Prüfungsformate, offene Lernorte innerhalb der Schulgebäude, eine demokratischere Schulkultur oder Projekte für mehr Umwelt- oder Nachhaltigkeitsbildung. Dem Netzwerk gehören übrigens alle Schularten an. Auch das ist wichtig für mehr Chancengleichheit.
taz: Sie haben für eine bessere Lernkultur an Schulen auch unangekündigte Tests abgeschafft. Warum sind solche Erleichterungen für den Schulalltag wichtig?
Teuber: Schule sollte heute nicht mehr so sein, wie ich das als Schüler in den 80er und 90er Jahren erlebt habe. Ich war ja auch Lehrer und würde heute ganz anders unterrichten als noch vor zehn Jahren. Weil ich mitbekommen habe, wie entlastend teamorientiertes Arbeiten sein kann. Wie entlastend es sein kann, einen Rahmen zu geben und die Schüler:innen den Raum selber füllen zu lassen, statt ihn als Lehrkraft zu füllen. Länder wie Kanada zeigen, dass die individuelle Begleitung der Schüler:innen in so einem Setting viel besser gelingt.
taz: Mit solchen Ideen sind Sie in der Politik ziemlich allein. Die neue Vorsitzende der Bildungsministerkonferenz, Anna Stolz (Freie Wähler) hat schon eindeutig zum traditionellen Leistungsprinzip bekannt. Und auch Ihr möglicher Koalitionspartner nach den Landtagswahlen, die CDU, hält wenig von neuen Unterrichtskonzepten.
Teuber: Wir leben nicht unbedingt in einem progressiven Mainstream. Ich sehe aber, dass der Wunsch nach weniger Leistungsdruck nicht nur bei den Schüler:innen hoch ist, sondern auch bei den Kolleginnen und Kollegen. Ich bin jeden zweiten Tag an einer Schule oder Kita, ich höre das ganz oft. Schule muss erst den Kindern gerecht werden, damit sie ihr ganzes Leistungspotential ausschöpfen können. Ich bin überzeugt, dass es dafür auch im neugewählten Landtag eine breite Mehrheit geben wird.
taz: Rheinland-Pfalz ist eines der Bundesländer, die sich bei Leistungstest an Schulen bedenklich entwickeln. Im jüngsten IQB-Bildungstrend verpassten mehr als ein Drittel der Neuntklässler:innen in Mathe die Mindeststandards. Im Vergleich zum Test davor liegen Ihre Schüler:innen jetzt unter dem Bundesschnitt. Wie wollen Sie die Kehrtwende schaffen?
Teuber: Wir liegen bei den Leistungstests im Mittelfeld, das ist richtig. Dafür liegen wir aber bei der Chancengleichheit bundesweit an der Spitze. In beiden Bereichen müssen wir besser werden, keine Frage. Wenn wir etwas aus dem Pisa-Schock vor zwanzig Jahren gelernt haben, dann doch, dass wir unsere Lern- und Prüfungskultur verändern müssen. Hamburg zeigt, welche Erfolge man damit erzielen kann.
taz: Hamburg hat seine Schulpolitik konsequent nach der Auswertung von Schuldaten wie Lernstandserhebungen, Förderbedarfe oder Abbrecherquoten ausgerichtet. Inwieweit passiert das bereits auch in Rheinland-Pfalz?
Teuber: In manchen Bereichen machen wir das schon längst. Etwa bei der Verteilung von Ressourcen für Schulen mit einem hohen Anteil von sozioökonomisch benachteiligten Schüler:innen. Einiges haben wir auch aus Hamburg übernommen wie das Leseband an Grundschulen – also ein festes tägliches Zeitfenster für Leseförderung. Ein wichtiger nächster Schritt wäre, die Stärkung von Basiskompetenzen datengestützt vorzunehmen. Zum Beispiel, indem man ab der ersten Klasse regelmäßige Lernstandserhebungen durchführt und die Leseförderung daraufhin individuell anpasst.
Sven Teuber, Jahrgang 1982, ist seit Mai 2025 Bildungsminister von Rheinland-Pfalz. Für die SPD sitzt er seit 2016 im Landtag in Mainz. Teuber ist ausgebildeteter Gymnasiallehrer und unterrichtete vor seiner politischen Karriere die Fächer Deutsch und Sozialkunde.
taz: Hamburg hat auch früh einen verpflichtenden Sprachtest im Kitaalter eingeführt. Die meisten anderen Bundesländer ziehen erst jetzt nach. Sie testen seit Kurzem alle Kinder, die anderthalb Jahre vor der Einschulung noch nicht zur Kita gehen und bieten bei Bedarf Sprachförderung an. Wie klappt das?
Teuber: Wir sehen, wie wichtig diese vorgezogene Schulanmeldung ist. Wenn ein Kind dann einen Förderbedarf hat, bleiben anderthalb Jahre, um darauf zu reagieren. Die Crux ist natürlich, wie das Kind zur Sprachförderung kommt, wenn die Eltern zum Beispiel keinen Kitaplatz für ihr Kind wollen. Aktuell lassen wir von der Universität Landau wissenschaftlich untersuchen, wie wir die Förderung noch besser für alle Kinder ermöglichen können. Hier brauchen wir noch mehr Verlässlichkeit. Dafür will ich in der nächsten Legislaturperiode unser Kitagesetz weiterentwickeln.
taz: Reicht das oder brauchen Sie wie in Hamburg einen Sprachtest für alle Kinder im Vorschulalter?
Teuber: Wir werden auch Sprachstandserhebungen für alle Kinder einführen. Entscheidend ist wie gesagt, dass alle, die Bedarf haben, dann auch gefördert werden.
taz: Viele Bundesländer setzen derzeit wieder auf ein verpflichtendes Vorschuljahr. Auch die CDU Rheinland-Pfalz macht mit dieser Forderung Wahlkampf. Was halten Sie davon?
Teuber: Wir haben in Rheinland-Pfalz 98 Prozent aller Kinder im letzten Jahr vor der Schule in der Kita – freiwillig. Damit lässt sich auch ohne Zwang offensichtlich bereits im Sinne eines guten Übergangs zur Schule arbeiten. Die Vorschulpflicht ist somit offensichtlich eine Schlagzeilendiskussion. Ich bin gespannt, was von der Schlagzeilenorientierung mancher Parteien übrig bleibt, wenn es dann mal um das Regieren geht.
taz: Apropos Schlagzeilen. Ihre Partei, die SPD, pusht gerade ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren. Sie haben sich bislang immer deutlich gegen Verbote ausgesprochen. Gilt das auch in diesem Fall?
Teuber: Ich habe mich grundsätzlich gegen ein pauschales Handyverbot für Schülerinnen und Schüler ausgesprochen, aber immer betont, dass es dabei auf das Alter und die Entwicklungsstufe ankommt. Wie in der aktuellen Debatte um ein Social-Media-Verbot gilt für mich derselbe Grundsatz wie beim Handy: In frühen Jahren halte ich einen weitgehenden, möglichst vollständigen Verzicht für sinnvoll. Mit zunehmender Reife und Medienkompetenz sollte dann eine schrittweise Heranführung erfolgen, begleitet durch Eltern, Schule und klare pädagogische Konzepte. Es geht also nicht um ein schlichtes Verbot um seiner selbst willen, sondern um altersangemessene Regeln und eine verantwortungsvolle Einführung in die digitale Welt.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen