Willy Brandt im Untergrund am Ku’damm: Getarnt im Kampf gegen die Nazis
1936 kam Gunnar Gaasland aus Oslo fürs Studium nach Berlin. Hinter dem Namen verbarg sich Willy Brandt. Die Erinnerung daran ist verblasst. Eine Zeitreise.
Foto: Scherl/picture alliance
Gunnar Gaasland war Anfang 20, sah gut aus, war ausgesucht höflich. Der junge Mann kam im September 1936 aus Oslo nach Berlin, stellte sich als norwegischer Student vor. Das bald beginnende Wintersemester wollte er in der deutschen Reichshauptstadt verbringen. Seine Bleibe wurde ein „bequemes, möbliertes Zimmer – mit Frühstück und der Möglichkeit, ein Abendbrot angerichtet zu bekommen – bei einer netten Frau Hamel“.
Paula lautete der Vorname jener Vermieterin, wie alte Berliner Telefonbücher zeigen, aus denen auch ihr Beruf und ihre Adresse hervorgehen. Frau Hamel war Sekretärin und lebte mindestens seit den 1920er Jahren am Kurfürstendamm 20/21. Was sie und auch sonst fast niemand in Berlin wusste: Gunnar Gaasland war Willy Brandt, zurückgekehrt aus dem Exil in das Deutsche Reich – getarnt im Kampf gegen die Nazis.
Brandt war im Oktober 1930 der SPD beigetreten. Die Weimarer Republik stand im Sturm. Schon bald aber verließ er jene Partei wieder, die er in viel späterer Zeit als Bundeskanzler prägen sollte.
Die Beziehung des jungen Brandt zur SPD war schwierig. 1931 schloss er sich der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an, die sich im damaligen Herbst von der SPD abspaltete. Brandt blieb der SAP verbunden, ging für sie 1933 nach dem Verbot durch die Nazis nach Norwegen. In Oslo baute er eine SAP-Auslandszelle auf. Die Partei knüpfte Verbindungen in ganz Europa, koordiniert von ihrer Auslandsleitung in Paris. 1936 erteilte sie Brandt den Auftrag, in Berlin noch verbliebene Vertrauensleute der SAP zu treffen, Kontakte zu vermitteln, Informationen auszutauschen und im Untergrund den Widerstand gegen das NS-Regime zu stärken.
Im Auftrag der Sozialistischen Arbeiterpartei
Das exakte Datum seiner Ankunft in Berlin ist nicht mehr zu bestimmen. Brandt traf hier vermutlich in den letzten Septembertagen ein – also vor 90 Jahren. Das NS-Regime wurde damals bejubelt. „Die Olympischen Spiele hatten den Nazis einen beträchtlichen Prestigegewinn eingebracht“, so Brandt. Sie waren vom 1. bis zum 16. August in Berlin ausgetragen worden. Brandt war danach von Oslo aus um den 18. September nach Paris gereist, wurde von der SAP in Frankreich (kurz) in die Aufgabe im Deutschen Reich eingewiesen – und als Gunnar Gaasland ging er dann nach Berlin.
Brandt wohnte „an der Ecke Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße“, wie er sich später erinnerte – direkt am Café Kranzler. Die Charlottenburger Filiale des berühmten Kaffeehauses aus Berlin-Mitte war 1932 eröffnet worden. Sie befand sich am Kurfürstendamm 18/19. Der Kranzler-Schriftzug der Rotunde des dortigen Hauses entstand erst in den 1950er Jahren, blickt aber noch heute auf die Kreuzung an der Joachimsthaler Straße. Demnächst wird er vermutlich im Zuge einer Neueröffnung demontiert.
Details aus Brandts Berlin-Mission sind wenige bekannt. Da ist nur etwa die Begegnung mit einem Lübecker Sozialdemokraten im Café Moka Efti (bekannt auch aus der Serie „Babylon Berlin“) in der Friedrichstraße oder die Beschlagnahmung seines gefälschten norwegischen Reisepasses im Polizeirevier an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die aber ohne Folgen blieb. Der Austausch mit dem Leiter der Berliner Gruppe der SAP hatte schon zuvor stattgefunden, im damaligen Kaufhaus Wertheim. Brandt verbrachte viele Vormittage in der Staatsbibliothek, auch mit Blick auf die Tarnung als Student.
Die wesentliche Quelle für diese Erlebnisse ist Brandt selbst, zuerst sein Buch „Links und frei: Mein Weg 1930 – 1950“, dem die zuvor zitierten Textstellen entnommen sind. Das autobiografische Werk erschien 1982, im Kapitel „Berlin“ handelt eine knappe Textpassage von der Zeit ab September 1936. Das ZDF widmete diesen Schilderungen einen Dokumentarfilm, der am 9. September 1984 ausgestrahlt wurde. Brandt berichtete im Dezember 1988 erneut von dieser Zeit im Untergrund, diesmal im ZDF-Format „Zeugen des Jahrhunderts“. Die Memoiren des großen Sozialdemokraten erschienen im folgenden Jahr unter dem Titel „Erinnerungen“: Zu ihnen zählte erneut auch der besagte Geheimauftrag, den er für die SAP ausführte.
Leerstelle der Gedenkkultur
Die Tatsache, dass Brandt einst mitten in Berlin gegen die Nazis operierte, ist somit seit mehr als 40 Jahren bekannt. Das Ergebnis einer Spurensuche am historischen Ort ist umso bemerkenswerter: Brandt ist hier unsichtbar geblieben. Nichts weist heute am Kurfürstendamm 20/21 auf seinen Widerstand gegen die Nazis hin – kein Mahnmal, keine Gedenktafel, keine Stele.
Die Verbundenheit sehr vieler Berlinerinnen und Berliner zu Willy Brandt entstand erst später, in seiner Zeit als Regierender Bürgermeister im damaligen West-Berlin (1957–66). Der lange davor vollzogene Berlin-Aufenthalt unter den Nazis war für sein Leben aber auch von besonderer Bedeutung.
Dramenstoff wurde er ebenfalls: Johann Jakob Wurster schrieb 2013 das Theaterstück „Willy 100“, bei dessen Inszenierung er auch Regie führte. Premiere wurde am 12. Dezember 2013 in Berlin gefeiert, kurz vor dem 100. Jahrestag des Geburtsdatums von Willy Brandt (*18. Dezember 1913 in Lübeck). Die Handlung war sein Auftrag als Gunnar Gaasland für die SAP.
Brandt blieb 1936 nicht lange im Deutschen Reich, wurde vielmehr von Februar bis Juni 1937 von der SAP als Berichterstatter nach Barcelona beordert, also in den Spanischen Bürgerkrieg (1936–39).
Der letzte Seitenblick auf die vorherige Zeit sei seinem Decknamen gewidmet. Brandt hatte den Weg nach Berlin mit einer geliehenen Identität angetreten: Gunnar Gaasland war ein norwegischer Weggefährte und Mitglied der sozialistischen Gruppe Mot Dag. Der Name, unter dem sich Brandt damals bewegte, war also nicht erfunden – und der echte Gaasland wurde für ihn auch auf andere Weise bedeutsam: Er ging im Dezember 1936 eine Scheinehe mit Gertrud Meyer ein, Brandts erster Liebe, die so im Exil die norwegische Staatsangehörigkeit zuerkannt bekam.
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