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„Will ein Vater die Mutter töten, trifft das die Kinder“

Henriette Wunderlich überlebte den Tötungsversuch ihres Ex-Partners. Ein Gespräch über Schuldumkehr und warum Frauen nicht ausreichend geschützt sind

Kämpft für mehr Aufklärung über Beziehungsgewalt: Femizid-Überlebende und Autorin Henriette Wunderlich Foto: privat

Interview Olivia Samnick

taz: Frau Wunderlich, 2019 war ein großer Einschnitt für Ihr Leben. Sie haben den Tötungsversuch durch Ihren Ex-Partner überlebt. Sieben Jahre später erscheint das Buch „Femizidversuch“. Was hat Sie bewogen, darüber zu schreiben?

Henriette Wunderlich: Es geht um Aufarbeitung für mich. Ich musste realisieren, wie meine Ex-Beziehung verlaufen ist. In einer Therapie und durch eine Fortbildung habe ich viel zu Partnerschaftsgewalt gelernt, und dass eine Folge der Gewalterfahrung Verdrängung ist. Aus meinen Notizen nach dem Femizidversuch ist die Idee für das Buch entstanden.

taz: Ist es also ein Buch gegen das persönliche Vergessen?

Wunderlich: Ja, und zum Bewusstmachen. „Das ist nicht wirklich passiert.“ Oder: „Über die Situation reden wir lieber nicht mehr.“ Das sind Gedanken der Verdrängung. Erst im Schreiben habe ich gemerkt: Das war Gewalt. Es ging nicht nur mir so, sondern auch anderen. Deshalb will ich zu Femiziden als extremste Form von patriarchaler Gewalt aufklären und so vielleicht bei anderen Frauen verhindern, was mir passiert ist. Meine Geschichte ist nur ein Beispiel.

taz: Ein Grund, warum wir heute miteinander sprechen können, ist Ihre Tochter. Damals als 9-Jährige hat sie während der Messerattacke den Notruf gewählt. Im Buch schreiben Sie, auch sie sei sein Opfer geworden. Wie ist das gemeint?

Wunderlich: Will ein Vater die Mutter töten, trifft das natürlich die Kinder. Meine Tochter hat die Tat miterlebt und eine Traumatherapie gemacht. Wenn bei ihr in der Schule das Thema Familie behandelt wurde, hatte ich Bauchschmerzen. Wie geht sie damit um? Ihr Vater hat im ersten Jahr nach dem Tötungsversuch ein-, zweimal versucht, Kontakt aufzunehmen. Das wollte sie partout nicht. Jetzt ist sie älter. Wir haben viel über das Buch geredet und ich habe sie nach ihrer Meinung gefragt. Ich glaube, das stärkt sie als Frau: zu wissen, dass ihre Mama kämpft.

taz: Was hat Sie in der Zeit nach dem Femizidversuch am meisten bestärkt?

Wunderlich: Ganz eindeutig Familie und Freunde. Ich war ein völliger Pflegefall. Dazu kamen die ganzen Anträge und die Versorgung meiner beiden Kinder. Mein Sohn war damals erst ein Jahr alt. Ich habe viele starke Frauen hinter mir: seien es meine Anwältinnen, meine Pflegekraft, die Ergotherapeutin. Zu allen haben sich Freundschaften entwickelt. Als Lehrerin bin ich außerdem verbeamtet und habe weiterhin meinen Lohn erhalten. Das ist eine große finanzielle Sicherheit. Wie ist das bei denen, die nach sechs Wochen nur noch Krankengeld bekommen? Wie soll das denn gehen? Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?

taz: Sie leben in einem kleinen Ort in Brandenburg mit Familie. Oft treffen Frauen Anfeindungen, die sich gegen Partnerschaftsgewalt positionieren. Sie waren auf Veranstaltungen, haben vor einer Schulklasse gesprochen und in den Medien. Welche Rückmeldungen gab’s dazu?

Wunderlich: Seitdem ich das erste Mal ausführlich im Podcast „Tabulos“ über den Femizidversuch gesprochen habe, habe ich durchweg positive Rückmeldungen erhalten. Was belastend war, war die Mediendarstellung direkt nach der Tat und die Gerüchteküche im Ort: „Die muss doch was gemacht haben, dass er das gemacht hat.“ Eines muss klar sein: Dieses Buch ist kein Racheakt an meinen Ex-Partner. Er hat sich ganz allein bestraft und verbüßt seine Zeit im Gefängnis.

taz: In Deutschland gilt Femizid nicht als Straftatbestand. Ermittelt wird aus anderen Gründen. Wie haben Sie den Gerichtsprozess erlebt?

Wunderlich: Ich hatte große Angst vor dem Tag, an dem ich aussagen sollte. Auf mich kam es an. Mein Ex-Partner sagte, er könne sich an nichts erinnern. Ich wusste wiederum nicht, was der Strafverteidiger fragen würde. Du hast nichts Falsches getan, aber dennoch fühlt es sich an wie auf der Anklagebank. Meine Therapeutin hat mich intensiv darauf vorbereitet

Henriette Wunderlich, 39, ist Lehrerin und lebt mit ihren beiden Kindern in Brandenburg. Im Jahr 2019 überlebte sie knapp den Tötungsversuch durch ihren Ex-Partner.

Ihr Buch: „Femizidversuch. Wenn es um Macht statt um Liebe geht“.Novum Verlag, 2026.

taz: Wie sah die Vorbereitung aus?

Wunderlich: Ich sollte mich einstellen auf Fragen wie: Wieso sind Sie denn nach der ersten Trennung überhaupt wieder mit Ihrem Partner zusammengekommen? Es sind Fragen, die Schuld zuweisen und Tätergewalt eher rechtfertigen. Zum Glück kamen die schlimmsten Fragen vor Gericht aber nicht. Mein Ex-Partner hat am Ende 14 Jahre bekommen. Trotzdem habe ich sehr geweint. Er sei sozial angepasst, ein ganz Netter und vorher nie gewalttätig gewesen. Klar gibt es dafür eine Rechtsgrundlage. Trotzdem dachte ich mir damals: Haben die mir denn nicht zugehört?

taz: Nach dem, was Sie selbst erlebt haben: Sind Frauen generell ausreichend geschützt und bekommen im Ernstfall genug Unterstützung?

Wunderlich: Nein. Es fehlt in der Öffentlichkeit an Wissen und Aufmerksamkeit. Ein Beispiel: Eine Frauenhaus-Mitarbeiterin und eine psychosoziale Prozessbegleiterin kommentieren meine Biografie an den Stellen, an denen sie Gewalt erkennen und teilen, welche Hilfen es gibt. Damit wollte ich wichtiges Wissen nach außen tragen. Ich habe selbst erst darüber erfahren, dass ich im Gerichtsprozess Anspruch auf psychosoziale Unterstützung gehabt hätte. So habe ich viel gelernt und bin auch im Beruf viel hellhöriger.

Foto: privat

taz: Hellhöriger?

Wunderlich: Genau. Ich beschäftige mich als Lehrkraft etwa nun auch mit Kinderschutz und Kindern, die Partnerschaftsgewalt miterleben. So stellte sich zum Beispiel schon mal heraus, dass ein Schulkind Partnerschaftsgewalt miterlebt hatte und es auch selbst Gewalt erlebte. Ich begleitete die Mutter nach der Trennung dann bis zum Jugendamt. Ich glaube, wir haben eigentlich oft ein ganz gutes Gefühl für solche Situationen. Wir müssen darauf hören.

taz: Was braucht es für einen besseren Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt?

Wunderlich: Es braucht ein anderes Verständnis, was in Beziehungen als Gewalt gilt: Kontrolle über die Finanzen. Beleidigungen. Jemanden zu einer Abtreibung zu überreden oder auch zu einer Schwangerschaft in einer Beziehung. Dass das Gewalt ist, wusste ich zum Beispiel nicht. Es wäre gut, wenn es ein Fach gibt, in dem schon Kinder lernen, wie man gesunde Beziehungen führt. Dieses durch Musik oder Filme romantisierte „Du gehörst mir“, das ist gefährlich. So fängt es früh an und geht weiter. Mein Buch ist deswegen kein „Frauenbuch“, sondern für alle da, auch für Männer.

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