Wiederbelebung ausgestorbener Arten: Mäuse mit Mammutfell
Die US-Genfirma Colossal Biosciences möchte mit viel Geld ausgestorbene Tiere zurückbringen. In der Fachwelt sorgt das für Skepsis und Faszination.
Die US-Genfirma Colossal Biosciences startet 2021 mit einem medialen Paukenschlag. Oder besser formuliert: mit einem urzeitlichen Aufstampfen. Zusammen mit dem renommierten Genetiker George Church von der Harvard University verkündet sie, innerhalb von acht Jahren Mammuts zurückbringen zu wollen. De-extinction nennen sie das, also die Wiederbelebung längst ausgestorbener Arten. Das mediale Interesse ist so groß, dass Gründer Ben Lamm und Genetiker Church über Tage zu digitalen Pressegesprächen im Halbstundentakt laden.
Im Gespräch klingt das Mammut-Projekt plötzlich nur noch halb so verrückt. Church stellt gleich klar: Es geht nicht um „echte“ Mammuts aus uralten DNA-Schnipseln, sondern um genetisch veränderte asiatische Elefanten. Sie sind die nächsten Verwandten der vor 4.000 Jahren ausgestorbenen Eiszeitriesen. Mithilfe von Gentechnologie sollen sie auf ein Leben in den letzten Permafrostgebieten der Welt vorbereitet werden, etwas mehr Speckschicht, viel mehr Fell, bessere Verträglichkeit mit den eisigen Temperaturen.
Neu ist die Idee nicht. Schon seit Jahren trägt Church sie öffentlichkeitswirksam vor sich her. Dabei hat er vermeintlich gute Argumente. Mammuts könnten helfen, den Klimawandel abzufedern. Im eisigen Boden der Tundra sind große Mengen Methan gespeichert. Durch die menschengemachte Erderwärmung droht das Auftauen und damit ein fataler Klimakipppunkt. Die schweren Mammuts trampeln Erde und Schnee fest und kühlen damit den Boden. Außerdem fressen die großen Tiere Bäume und Sträucher ab, wodurch die Landschaft heller wird, mehr Sonnenlicht zurückstrahlt und sich weniger erwärmt.
So weit jedenfalls die Theorie. Sie ist umstritten. Denn die Mammutsteppe, das weiträumige Grasland, das die Tiere einst prägten und bewohnten, existiert längst nicht mehr. Und das Mammut war in der Eiszeit nicht allein: Das Ökosystem bestand aus Dutzenden von großen, ebenfalls ausgestorbenen Arten, Wollnashörnern, Riesenhirschen oder Steppenbisons. Im Zweifel würde mit den Mammuts kein Klimaschutzprojekt entstehen, sondern ein eiszeitlicher Zoo. Deshalb fehlten Church für seine Klima-Mammut-Mission lange das nötige Geld, das Team und die Laborkapazitäten.
Die Firma inszeniert sich geschickt
Doch genau daran mangelt es bei Colossal Biosciences längst nicht mehr. Über 615 Millionen US-Dollar Risikokapital wurden bereits eingesammelt, der Firmenwert wird inzwischen auf 10 Milliarden US-Dollar geschätzt. Ein wichtiger Grund für diese Summen ist die geschickte mediale Inszenierung der eigenen Erfolge. So wurde im März 2025 eine wuschelige, niedliche Mammutmaus vorgestellt. Aus einem Datensatz von 121 Mammut- und Elefantengenomen hatte das Colossal-Forschungsteam eine Handvoll Gene ausgemacht, die entscheidend für Haareigenschaften und Kälteanpassung sind, und ähnliche Gene anschließend in Mäusen verändert.
So süß das Ergebnis auch erscheint, ein Durchbruch auf dem Weg zum Mammut ist das jedoch nicht. Das Science Media Centre hatte verschiedene Forschende um eine Einschätzung gebeten. „Wollmäuse wurden in Laboren und von Mäusezüchtern schon viele Male zuvor erzeugt. Und es ist nicht möglich festzustellen, welchen Einfluss die mammutinspirierten Veränderungen auf die Wollmaus hatten“, erklärte Tori Herridge, Paläobiologin an der Universität Sheffield. Dazu kommt eine ernüchternde Erfolgsquote: Weniger als zehn Prozent der genveränderten Embryonen führten zu lebenden Jungtieren, und das bei vergleichsweise einfachen Eingriffen an der bestens erforschten Labormaus. Mit anderen Worten: Vom bis 2028 angekündigten ersten Mammut-Kalb ist man noch weit entfernt.
Dem medialen Interesse tat und tut das keinen Abbruch. Nur wenige Wochen später präsentierte die Firma den nächsten PR-Knaller, drei Schattenwolfwelpen namens Romulus, Remus und Khaleesi. Die Wolfsart ist bereits vor 12.000 Jahren ausgestorben, hat aber durch die Fantasyserie „Game of Thrones“ große Berühmtheit erlangt. Ihren Namen zu nutzen, war ein geschickter Schachzug in Sachen Aufmerksamkeit. Aber eigentlich waren auch diese Welpen eher eine Grauwolfmogelpackung. Angepasst wurde das Erbgut an 20 Stellen in 14 Genen. Das Gesamtgenom des Grauwolfs hat etwa 19.000 Gene.
Die „Hybriden“ sind also genetisch deutlich näher mit dem Grauwolf verwandt als mit einem echten Schattenwolf. Und beide Wolfsarten teilen sich einen sechs Millionen Jahre alten Vorfahren. Nah verwandt ist anders. Die minimalen Genanpassungen sollen trotzdem für dichtes, helles Fell, eine größere Statur und ein spezielles Heulen sorgen. Der Beweis dafür steht noch aus. Im Moment wachsen die Tiere laut Colossal Biosciences in einem weitläufigen, streng gesicherten Naturschutzgebiet auf und werden von Forschenden beobachtet. Wissenschaftliche Daten zu ihrer Entwicklung wurden bisher nicht veröffentlicht.
Biodiversitätskrise wird dadurch nicht gelöst
Und so halten sich weiter Faszination und Skepsis in der Fachwelt die Waage. „Auch wenn die Ergebnisse gerne aufgebauscht werden, sind die Projekte von Colossal Biosciences ohne Frage faszinierend. Denn mal ehrlich, wer würde nicht gerne mal ein Mammut sehen“, sagt Carsten Nowak, Leiter des Senckenberg Zentrums für Wildtiergenetik. Außerdem werde mit viel Geld die Gentechnologie weiterentwickelt, und auch die öffentliche Debatte um neue Wege des Artenschutzes sei wichtig.
Für eine Rettung der Biodiversität hält Nowak De-extinction dennoch nicht. „Wir sollten uns nicht einfach darauf verlassen, dass wir das Aussterben einfach zurückdrehen können. Ohne mehr Anstrengungen in Sachen Artenschutz werden wir die Biodiversitätskrise nicht lösen“, sagt er. Bisher ist es nicht einmal möglich, fast ausgestorbene Populationen wie die des Nördlichen Breitmaulnashorns mit Gentechnik zu stabilisieren. Und ob mittelfristig der Aufbau einer selbsterhaltenden, genetisch vielfältigen Population gelingt, die fit genug für ein Leben in freier Natur ist, bleibt fraglich. Gendatenbanken mit Erbgut möglichst vieler Tiere sind daher eher eine Wette auf die Technologien der Zukunft als eine bereits wirksame Artenschutzmaßnahme. Bei länger ausgestorbenen Tieren fehlt zudem die ökologische Nische, die sie einst besetzten.
Von der Skepsis aus der Wissenschaft lässt man sich bei Colossal Biosciences kaum beeindrucken. Im Mai 2026 wurde der nächste vermeintliche Durchbruch verkündet: Aus künstlichen Eiern in der Größe gewöhnlicher Hühnereier seien erfolgreich Küken geschlüpft. Die Firma gibt an, diese Eier in großer Zahl herstellen zu können. Ganz neu ist das Verfahren nicht, die Erfolgsquoten sind überschaubar – und in der Pressemitteilung macht Colossal Biosciences dazu keine Angaben. Belastbare wissenschaftliche Daten fehlen ebenfalls.
Dabei könnten verbesserte künstliche Eier durchaus interessant sein, etwa in der Zucht effektiverer Nutztiere oder bei der Herstellung medizinisch nutzbarer Proteine. Den Nutzen für den Artenschutz hält Gernot Segelbacher von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg dagegen für überschaubar. „Im internationalen Vogelschutz spielt die Erhaltungszucht für wenige Arten eine gewisse Rolle, aber die Haupttreiber sind Habitatverlust, invasive Arten und mangelnde Nahrung oder direkte Verfolgung“, sagte er dem Science Media Center.
Selbst wenn man im großen Stil züchten würde, wären die Ursachen von Rückgang und Aussterben damit nicht beseitigt. Colossal Biosciences hat ohnehin andere Ziele. Mit den künstlichen Eiern sollen ausgestorbene Vögel zurückgebracht werden. Ganz oben auf der Liste stehen der flugunfähige Dodo, die Wandertaube und die Südinsel-Riesenmoa. Für die Rückkehr der Letzteren hat Hollywood-Regisseur Peter Jackson unlängst 14 Millionen US-Dollar gespendet. Die größten Exemplare wurden fast vier Meter groß und wogen 230 Kilogramm, entsprechend riesig müssten auch die künstlichen Eier sein. Selbst wenn dieser technologische Sprung gelingt, würden daraus kein Moa schlüpfen, sondern die genetische Annäherung an eine Art, an deren Aussterben wir Menschen vor knapp 700 Jahren maßgeblich beteiligt waren.
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