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Wie selbstbestimmt sind wir?Der Algorithmus ist das Pendant zu den Pendelheften

Im Theaterstück „Winterkind“ erzählt eine in der DDR aufgewachsene Frau von ihrem Leben. Wenn Wessis da zuhören, erfahren sie viel - auch über heute.

Wochenkrippe des Reifenkombinats in Riesa 1972 Foto: Sächsische Zeitung/imago

O b es das Gespräch zwischen Westen und Osten wirklich gegeben hat, hängt von der Perspektive ab. Die einen dachten schon vor zehn Jahren, dass es da nichts mehr zu reden gibt, die anderen legten da erst so richtig los.

Im Vergleich zu diesem großgeografischen Diskurs dürfte das wesentlich alltäglichere Gespräch das sein, das Wessis über Ossis und Ossis über Wessis führen – sieht man von quotengecasteten TV-Talkshows ab. Der Gewinner nach Häufigkeit in der Kategorie Ost/West dürfte aber das Gespräch sein, in dem sich Ossis mit Ossis über Ossis unterhalten - egal ob ethnologische oder zugezogene Ossis.

Kürzlich sah ich das Theaterstück „Winterkind – Made in GDR“. Dort unterhält sich eine in der DDR geborene und aufgewachsene Frau mit gar niemandem außer dem Publikum. Das zentrale Bild: sie liegt rücklings, die Beine in der Luft, im Hintergrund ein Sternenhimmel, sie trägt Sportklamotten und sagt, dass sie sich wie die sowjetische Kosmonautin Valentina Tereschkowa fühlt, die erste Frau im Weltraum: „Keine Ahnung, wo oben und unten ist und ob das hier jemals wieder aufhört“.

Lykke Langers Stück ist ein Off-Theater-Erfolg. Seit 2024 ist sie damit auf verschiedenen Bühnen in ganz Deutschland unterwegs. Sie bespielt den Abend nicht nur komplett alleine, sondern erzählt auch fast ausschließlich von sich selbst. Von einem Selbst, das sich verloren hat, nicht mehr weiß, wie viel von dem Selbst eigentlich von ihr selbst kommt.

DDR-Verlorenheitsgefühl

Ich bin nicht in der DDR aufgewachsen, aber das Gefühl, den Boden unter den Füßen verloren zu haben, im Leben nicht mehr ein und aus zu wissen, keinen Halt mehr zu finden, ist eines, das definitiv kein DDR-spezifisches ist.

Dem DDR-Spezifischen an ihrem Verlorenheitsgefühl hat Langer hinterherrecherchiert und herausgefunden, dass sie eines der Babys war, das in der Wochenkrippe der Leipziger Karl-Marx-Universität erzogen wurde. Und dass dort ihr weiterer Lebensweg geplant wurde, der sie in den Leistungsport führte.

Eine von Langers Inszenierungsideen ist, dass ihr ständig kalt ist und niemand da, der sie wärmt – wohl um anschaulich zu machen, dass sie nicht von Liebe, sondern immer nur von eiskalter Planung umgeben war.

Sie zitiert aus den „Pendelheften“, in denen die sogenannten „Tanten“ der Wochenkrippe Tagebuch führten. Diese Hefte dienten weniger dazu, ihre Eltern darüber auf dem Laufenden zu halten, wie sich ihre Kleine macht, oder dem Kind für später mal eine Erinnerung zu schenken. In den Pendelheften der Wochenkrippenkinder konnten sich vor allem staatliche Stellen ein Bild davon machen, ob die sozialistische Erziehung bei den jüngsten Mitgenossinnen anschlägt.

Ähnelt unser Leben dem in der DDR mehr, als wir ahnen?

Lykke Langers Pendel schlägt in die richtige Richtung, sie wird Wasserspringerin und tut alles dafür, dem DDR-Staat eine gute Bürgerin zu sein. Blöderweise entdeckt sie später, dass nicht nur ihre sportliche Förderung, sondern auch andere Teile ihres Lebens so abliefen, weil Teile ihrer Familie gute Bekannte der Staatssicherheit waren.

Wer also hatte eigentlich die Fäden ihres Lebens in der Hand? Wo ist bei ihr oben und unten?

Vielleicht berührt Lykke Langers Stück heute deshalb so viele Zuschauer*innen nicht nur deswegen, weil es darin um gruselige Geschichte geht, die man hinter sich gelassen hat. Sondern vielleicht auch deswegen, weil die Frage danach, wie autonom und selbstbestimmt das eigene Leben in Zeiten von KI und Algoritmus ist, einen ähnlichen Gruselfaktor hat.

Die Daten, die ich heute im Internet hinterlasse, könnten ja quasi als Pendant zum Pendelheft der Wochenkrippenkinder gesehen werden. Eine gruselige Vorstellung, aber vielleicht ähnelt unser Leben heute dem in der DDR mehr, als wir ahnen.

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Doris Akrap
Redakteurin
Ressortleiterin | taz zwei + medien Seit 2008 Redakteurin, Autorin und Kolumnistin der taz. Publizistin, Jurorin, Moderatorin, Boardmitglied im Pen Berlin.
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