: Wie geht nachhaltiger Tourismus?
Schon mit kleinen Änderungen lässt sich das Reisen umweltfreundlicher und besser für die lokale Bevölkerung gestalten, sagt Tourismusforscher Dirk Reiser. Für mehr Nachhaltigkeit brauche es aber gesetzliche Regulierung
Interview Elias Batz
taz: Herr Reiser, was bedeutet nachhaltiges Reisen?
Dirk Reiser: Beim nachhaltigen Reisen geht es um die optimale Nutzung von Ressourcen und nicht um die maximale Nutzung im kapitalistischen Sinne. Dabei gilt es, vier Dimensionen in den Blick zu nehmen: ökologische, soziale, ökonomische und politische Aspekte. Das erzeugt ein Spannungsverhältnis: Was positiv für die Nachhaltigkeit eines Unternehmens ist, kann auf anderer Ebene negative Folgen haben. Da muss der Staat regulierend eingreifen. Es kann aber auch bedeuten, dass man auf individueller Ebene auf manche Dinge verzichten muss.
taz: Indem man nicht mehr fliegt oder keine Kurztrips bucht? Was sollte man bleiben lassen?
Reiser: Da gibt es viele Dinge auf der sogenannten Kundenreise, die man beachten kann. Bevor ich losfahre, kann ich mir Gedanken darüber machen, was ich buche. Haben etwa die Unterkünfte bestimmte Zertifizierungen? Viele werden vom Globalen Rat für nachhaltigen Tourismus (GSTC) unterstützt. Das wird dann auch entsprechend gekennzeichnet. Wenn ich unbedingt fliegen muss, kann ich auf die Anzahl der Zwischenstopps achten. Start und Landung sind besonders energieaufwendig. Atmosfair gibt zum Beispiel an, wie energieeffizient verschiedene Fluggesellschaften sind. Bei Kurz- oder Mittelstrecken könnte man auch auf andere Fortbewegungsmittel umsteigen.
taz: Es gibt viele Zertifikate. Wie kann man sicherstellen, dass diese auch halten, was sie versprechen?
Reiser: Eine Vielzahl der Zertifizierungen basiert auf den Kriterien des GTSC. Das ist ein guter Indikator. In Deutschland gibt es außerdem die CSR-Siegel, zum Beispiel vom Forum Anders Reisen. Die bieten kleine, nachhaltige Reisen an.
taz: Kommen wir noch mal zurück zur Datenlage: Wie viele Menschen in Deutschland machen nachhaltig Urlaub?
Reiser: Das ist schwer zu sagen, denn dafür bräuchte es ein gemeinsames Verständnis davon, was Nachhaltigkeit bedeutet. Aber es gibt den Tourismuspolitischen Bericht der Bundesregierung, der sich auch mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst. Da geht es darum, Lebensgrundlagen in den Reiseländern langfristig zu sichern und eine sozial verträgliche Entwicklung vor Ort zu fördern.
taz: Gibt es andere Ansätze über die Kundenreise hinaus?
Reiser: Man sollte sich fragen, ob es wirklich jedes Jahr die große Reise sein muss. Es gibt etwa die Idee eines Dreijahresrhythmus. In einem Jahr darf man international verreisen, im anderen national und im dritten gar nicht.
taz: Wie sieht es bei der Freizeitgestaltung vor Ort aus?
Reiser: Da gibt es auch einige Stellschrauben. Setze ich mich zum Essen in ein lokales Restaurant, das die Menschen vor Ort unterstützt? Oder besuche ich eine globale Kette wie L’Osteria?
taz: Warum bleiben wir nicht einfach zu Hause? Das wäre doch nachhaltiger.
Reiser: Also zuallererst einmal will ich betonen, dass das Reisen etwas Großartiges ist. Ich mag das negative Bild, das oft – auch vom Massentourismus – vermittelt wird, nicht. Reisen können zum Beispiel die eigene kulturelle Kompetenz fördern. Teilweise profitiert auch die lokale Bevölkerung vom Tourismus. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass man es auf individueller Ebene oder vonseiten der Industrie oder Politik nicht besser machen könnte.
Dirk Reiser
ist Professor für Nachhaltiges Tourismusmanagement an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve (NRW). Seine letzte Reise ging ins Allgäu.
taz: In Städten geht Tourismus oft mit Belastungen der lokalen Bevölkerung durch immense Mietsteigerungen einher. Wie kann man damit umgehen?
Reiser: Grundsätzlich denke ich, dass man nicht an gesetzlichen Regelungen vorbeikommt. Die kapitalistische Theorie der unsichtbaren, alles regulierenden Hand ist überholt. In Deutschland gibt es den Hebel des sozialen Wohnungsbaus. Ich glaube, dass da auch die Tourismusindustrie Druck ausüben kann. In Städten wie Amsterdam wurde Airbnb verboten. Das ist eine drastische Maßnahme, aber wahrscheinlich gibt es an manchen Orten keine Alternative.
taz: Der Nachfragemonitor Nachhaltigkeit bei Urlaubsreisen hat gezeigt, dass nachhaltige Reisen durchschnittlich oft günstiger sind. Trotzdem buchen die Reisenden häufig weniger nachhaltige Alternativen. Vermutlich ist der Flug auf eine Mittelmeerinsel billiger als der Zug ins Nachbarland. Wie ließe sich nachhaltiges Reisen attraktiver für Menschen gestalten, deren Geldbeutel nicht so voll sind?
Reiser: Da gibt es Ideen der Umverteilung über Kreditkarten und CO2-Emissionen. Beim Bezahlen muss man nicht nur die Kreditkarte, sondern auch eine CO2-Karte in eine Maschine stecken. Jede Person hat da das gleiche Budget. Und wenn das eigene CO2-Budget verbraucht ist, kann man sich zusätzliches kaufen: von einer Person, die ihres nicht genutzt hat. Das sind in der Regel Menschen mit geringerem Einkommen. Und die können dann wiederum das Geld nutzen, um selbst zu verreisen.
taz: Nachhaltigkeit ist auch ein Ziel der Vereinten Nationen. Wie kann man gewährleisten, dass die Maßnahmen wirklich Umwelt und Menschen zugutekommen?
Reiser: Politisch geht es hierbei um Anreize und Vorgaben durch Gesetze. Schauen wir noch einmal auf die Wohnsituation: Die Tourist*innen selbst haben da kaum Möglichkeiten, etwas zu bewirken. Da muss es staatliche Initiativen geben.
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