Wie Corona Reisen verändert: Mehr Beinfreiheit

Natürlich reisen wir weiter – aber teurer, pauschaler, überwachter und vielleicht auch etwas besonnener. Alternativen gibt es längst.

Illustration. Ein Mann wandert mit Wanderstecken einen Berg hinauf, auf seinen Schultrn sitzt ein Junge, der ein Tablet in der Hand hält. Auf den Schulern des Jungen sitzt ein Mädchen, das sich nach hinten beugt und eine Breze isst. Am Weg stehen Kühe.

Länger, intensiver, weniger reisen Foto: Johanna Walderdorff

Wie werden wir nach Corona reisen? So selbstverständlich und unbeschwert wie bislang? Oder läutet die Krise eine Zäsur im Tourismus ein? Ein Innehalten bei der klimaschädigenden Vielfliegerei, eine Entschleunigung bei unserem rastlosen Surfen um die Welt? Sicher ist bislang nur: Den Sommerurlaub in diesem Jahr können wir vergessen. Zumindest den über die Landesgrenzen hinaus. Dass uneingeschränktes Reisen wieder möglich ist, damit rechnen Experten bestenfalls ab Ende März 2021 und schlimmstenfalls ab Ende April 2022.

Entzug macht unruhig. Und unbegrenztes Reisen, Mobilität gehören zu unserem Lebensstil. Wer sitzt nicht in den Startlöchern und wartet auf virusfreie Zeiten, um wieder an der Amalfieküste Wein zu kosten, auf den Kanaren zu wandern oder in der Karibik zu baden? Die Pandemie hat an den Grundfesten des Tourismus gerüttelt: dem Versprechen maximaler Sicherheit und Bequemlichkeit bei maximaler Welterfahrung. Nicht bloß die Erfüllung von Sehnsüchten nach einer schönen Fremde machte diese Industrie so erfolgreich, sondern nicht zuletzt die Eliminierung von Ungewissheit, die seit jeher zu jeder Reise gehört.

Wer in früheren Zeiten auf Reisen ging oder pilgerte, machte vorher sein Testament. Die Wahrscheinlichkeit, nicht mehr zurückzukehren, war immer hoch. Der marktförmige Tourismus hat vielmehr noch jedes kleine Bedürfnis nach Ferne und Fremde als Ware verpackt und als Sehnsuchtsziel zur Buchung freigegeben. Das Virus erinnert uns daran, dass es gefährlich ist, sein Haus zu verlassen.

Reisen wird teurer werden

Zuletzt sprengte das marktförmige Reisen alle Dimensionen der Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Im letzten Sommer wurde Overtourism zu einem vieldiskutierten Phänomen an altbekannten touristischen Highlights wie etwa Venedig, aber auch an neuen Instagram-Hits. Das Virus wird unsere überhitzte Reiseaktivität nur vorübergehend bremsen. Nicht nur unser Lebensstil steht dem entgegen, sondern die Dynamik unserer Gesellschaft, vor allem ökonomischer Druck: Mit weltweit rund 100 Millionen Beschäftigten gilt der Tourismus als einer der bedeutendsten Arbeitgeber.

Grenzüberschreitende Reisen machen 25 bis 30 Prozent des Welthandels aus. Das internationale Bremsmanöver bringt die Wirtschaft vieler Länder ins Schlingern. Der Wissenschaftler Hartmut Rosa, der die Beschleunigung der modernen Zivilisation erforscht hat, benutzt das Bild vom Fahrrad, das umkippt, wenn man es stoppt. Man müsse weiterfahren, um in der Balance zu bleiben.

Pauschalreiseveranstalter werden ihr Geschäftsmodell, das aus immer individuelleren Bausteinen besteht, weiter ausbauen können, denn sie waren die Helfer in der Krise, die sich im Gegensatz zu anonymen Internetportalen um ihre Kunden kümmerten. Sie werden sich auch weiterhin als Garanten für Sicherheit empfehlen. Und wenn es knirscht im Getriebe, dann gibt es das vertragliche Recht auf Entschädigung bei nicht perfekter Erfüllung zugesicherter Leistungen. Im Notfall bürgt der Staat, dank der mächtigen Lobby der Reiseindustrie.

Airlines sind durch das Virus stark getroffen. Sie sind eine systemrelevante Branche, so gesehen werden Staaten sie nicht fallen lassen, zumindest nicht die „National Carriers“. Bei den kleineren Airlines hingegen könnte es zu einer starken Konsolidierung kommen. Zudem wollen Fluggäste in der Zukunft mehr Abstand zu anderen. Die größere Beinfreiheit wird zur Kaufentscheidung, der Mittelsitz ein Relikt verstaubter Flugzeuge. Das alles könnte das Billigfliegermodell infrage stellen. Der Wunsch, mehr Abstand zu anderen zu haben, wird Business- und First-Class-Flüge zum Gewinner der Krise machen.

Reisen wird teurer werden. Und möglicherweise zum Schrittmacher eines von vielen gefürchteten Überwachungsregimes, wo neben die aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen wegen Terrorismus nun die individuelle Überwachung zur Virusbekämpfung durch Big Data tritt.

Das Virus sei ein „Terror aus der Luft“, meint der Philosoph Byung-Chul Han und beschwört autoritäre Verhältnisse. Das Smartphone könnte wichtiger als der Reisepass werden. Optimistisch gesehen wird der Mundschutz keine Pflicht, sondern er avanciert zum modischen Accessoire, so fundamental wie die Sonnenbrille. An den Flughäfen wird sich dies zeigen.

Mehr Eigeninitiative gefragt

Kreuzfahrten, bislang die absolute Boomindustrie, werden um ihr Image kämpfen müssen, seit sie zum Virengefängnis wurden. Ihre katastrophale Umweltbilanz hat kaum jemanden gestört. Was jedoch in der Zukunft viele stören könnte, ist die Tatsache, dass man auf einem Kreuzfahrtschiff für viele Tage oder gar Wochen, mit teilweise Tausenden von anderen Menschen auf engem Raum lebt. Social Distancing könnte zum neuen Distinktionsmerkmal werden. Wer es sich leisten kann, wird in der Zukunft Individualität noch mehr fordern, aber trotzdem pauschal buchen. Und vielleicht wird selbst im Club wieder gesiezt.

Und die Utopie? Die Hoffnung auf Umwelt- und Sozialverträglichkeit? Der Gegentrend zum bequemen Kon­sumismus der meisten Touristen und der Rücksichtslosigkeit touristischer Expansion hat bereits vor Jahrzehnten einen „alternativen“ Reisesektor von kleinen Anbietern hervorgebracht, der nachhaltig wirtschaftet, nun allerdings besonders bedroht ist.

Das Virus wird nichts richten, im Gegenteil, es wird etliche kleine Projekte, neue Ansätze und Alternativen im Tourismus wirtschaftlich ruinieren. Nach dem globalen Reisestillstand braucht es mehr denn je Eigeninitiative von Kunden, Veranstaltern und NGOs und staatliche Förderung nachhaltiger Projekte. Jenseits der Marktförmigkeit und vor allem in Hinblick auf die Klimabilanz.

Die gute Nachricht: Es gibt diese Alternativen, es gibt neue Trends: Länger, intensiver, weniger empfehlen tourismuskritische Portale längst bei Fernreisen. Und wer hätte je gedacht, dass sich heute an praktisch jedem Flüsschen ein gut ausgebauter Radweg für Tourenradler findet und dass die hiesige Restnatur mit attraktiven „Toptrails“ für Wanderer brilliert? Wer geht, macht sich widerstandfähiger – auch gegen den Trend des Höher, Schneller, Weiter. Und solange wir gezwungenermaßen unsere Entdeckerlust in der Nähe ausleben, entdecken wir vielleicht auch ein anderes, unaufgeregteres Reisen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wie geht es weiter nach der Pandemie? Die Welt: Wird sie eine bessere? Ein taz-Themenschwerpunkt über Utopien, Visionen und schönen Zumutungen, die uns in der Post-Corona-Zeit womöglich erwarten. Alle Texte finden Sie unter taz.de/NachCorona

Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

▶ Alle Grafiken

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de