Widerstand gegen Tech-Konzerne: Big Tech den Stecker ziehen
Wie lässt sich die Macht von Google, Amazon und Co. bremsen? Die Bewegungskonferenz „Cables of Resistance“ erkundet Möglichkeiten des Widerstands.
Wo deine Wohnung war, ist ein Airbnb. Deinen Job macht jetzt ein Algorithmus. Dein Ex verbreitet Deepfake-Pornografie von dir im Internet. Am Bahnhof wirst du mal wieder kontrolliert, weil die KI-gestützte Überwachung deine Hautfarbe verdächtig findet.
Die schöne neue Welt der Tech-Konzerne hat viele Schattenseiten. Doch müssen wir das widerstandslos hinnehmen? Dieser Frage widmet sich die Cables of Resistance-Konferenz, die vom 10. bis zum 12. April in Berlin stattfindet. Die „erste Bewegungskonferenz gegen Big Tech“ will Klima- und Mietenaktivist:innen, Gewerkschafter:innen, Feminist:innen und Antifaschist:innen im Kampf gegen die wachsende Macht der Technologiekonzerne zusammentrommeln. „Wir wollen Widerstände bündeln und miteinander in Kontakt bringen“, sagt Jan Winter, Mitorganisator der Konferenz, der taz.
In den letzten Jahren hat sich Digitalisierung vom Nischen- zum Querschnittsthema in den antikapitalistischen Bewegungen entwickelt. Entsprechend vielfältig ist das Programm. Gleich mehrere Panels drehen sich um den enormen Ressourcen- und Energieverbrauch von Rechenzentren, die überall auf der Welt entstehen, um KI-Modelle zu betreiben – auch in Berlin und Brandenburg. So plant Berlin, die Kapazitäten seines Stromnetzes in den nächsten 10 Jahren zu verdoppeln, um dem Bedarf der Rechenzentren nachzukommen.
Rike Freitag, Mitorganisatorin
Selbst wenn Rechenzentren mit Ökostrom betrieben werden, fehle dieser an anderer Stelle, kritisiert Rike Freitag, ebenfalls Teil des Orga-Teams. In Irland würden Rechenzentren heute schon mit Gas betrieben. „Seitdem es den Hype um KI gibt, entsteht eine neue klimaschädliche Industrie“, sagt Freitag. „Politisch ist es schwer, dagegen zu diskutieren, weil KI als allmächtig und unvermeidbar gilt.“
„Ungebremster Tech-Urbanismus“
Ein anderer Fokus der Konferenz ist die Verbindung von Technologie und Faschismus. „Nicht erst seit dem Hitlergruß von Elon Musk ist den Menschen klar geworden, welche Gefahr hinter den Tech-Konzernen steckt“, sagt Mitorganisator Winter. Tech-Milliardäre wie Musk oder Peter Thiel strebten unverblümt danach, die Demokratie zu überwinden.
Winter selbst kommt aus der stadtpolitischen Bewegung. Jahrelang hat er in der Initiative „Berlin versus Amazon“ gegen die Ansiedlung des Tech-Riesen in Berlin-Friedrichshain gekämpft. Leider vergeblich, seit vergangenem Jahr residiert das Unternehmen im sogenannten „Amazon-Tower“ an der Warschauer Brücke.
Die Befürchtung: Mit den Firmenzentralen kommen Spekulation und Gentrifizierung in die Stadt, die zu steigenden Mieten, Verdrängung und Obdachlosigkeit führen. Die Stadt wird geteilt in solche, die sie sich leisten können, und solche, die es trotz Arbeit nicht mehr können. Sie wird umgestaltet durch Big Tech und für Big Tech, auf Kosten der Bewohner:innen. Winter bezeichnet das als „ungebremsten Tech-Urbanismus“.
Aus Sicht der Organisator:innen dient vieles, was uns als Fortschritt verkauft wird, hauptsächlich dazu, das alte kapitalistische Spiel aus Ausbeutung und Akkumulation noch weiter voranzutreiben. So ersetzen KI-Algorithmen keine Arbeit, sondern lagern sie nur aus – zum Beispiel an schlecht bezahlte Klickarbeiter:innen im Globalen Süden, die die Algorithmen per Hand trainieren.
Graswurzel-Kongress
„Die Tech-Konzerne sagen immer, alles ist neu, dabei ist es genau dieselbe kapitalistische Lüge in einem neuen Sci-Fi-Gewand“, fasst Rike Freitag zusammen.
Neben einer fundamentalen Kritik am Tech-Kapitalismus ist die Konferenz auch um Alternativen bemüht. Ein Vortrag geht zum Beispiel der Frage nach, wie sich Plattformen wie Immoscout vergesellschaften und gemeinwohlorientiert betreiben lassen. In einem anderen Vortrag soll diskutiert werden, wie sich die Produktion von Hardware ressourcen- und umweltschonend organisieren lässt.
Dass die Konferenz in Berlin stattfindet, ist kein Zufall. Tech-Unternehmen haben es seit jeher schwer, in der Stadt Fuß zu fassen. 2018 verhinderten Aktivist:innen erfolgreich einen „Google Campus“ in Kreuzberg. Die Ansiedlung von Tesla in Grünheide begleiteten Aktivist:innen mit Massenaktionen, Waldbesetzungen und Sabotage. Bei der deutschen Tiktok-Niederlassung schafften es Gewerkschafter:innen zum ersten Mal, einen Streik in einem Tech-Unternehmen zu organisieren. „Berlin ist das Herz des europäischen Anti-Tech-Protests“, sagt Rike Freitag.
Auch die Idee für die Konferenz entstand aus dieser Gemengelage antikapitalistischer Graswurzelbewegungen. Eine Partei oder größere Organisation steht nicht dahinter. „Wie viele linke Projekte haben wir in einer WG-Küche angefangen. Aber wir wurden sehr schnell sehr viele Leute“, sagt Winter. Man sei überwältigt gewesen von den Rückmeldungen. Die Tickets für die Konferenz sind mittlerweile ausverkauft. „Ich glaube, das wird viel bewegen“, sagt Winter.
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