Wer wird neuer Fraktionsvorsitzender?: Es brodelt in der Hamburger SPD
Die SPD-Bürgerschaftsfraktion ist weiterhin führungslos. Am Montag steht nun eine Kampfkandidatur rechts gegen links bevor.
Auf der Fraktionssitzung am nächsten Montag kommt es, wenn nicht in letzter Sekunde doch noch eine Einigung erreicht wird, zu einer Kampfkandidatur um den Fraktionsvorsitz – und das droht zur Zerreißprobe für Fraktion und Partei zu werden.
Milan Pein aus dem Kreis Eimsbüttel vom linken Flügel und Dirk Kienscherf aus dem Kreis Mitte des Chefrechten Johannes Kahrs stehen sich gegenüber. Keiner will verzichten, keiner darf verzichten, sagen manche.
„Die stehen beide unter dem Druck ihrer Lager“, sagt eine Abgeordnete, die sich als unabhängig betrachtet, „beide dürfen gar nicht zurückstecken“. Mit der Konsequenz, dass am Montag ein Scherbenhaufen angerichtet werden könnte. „Ich glaube nicht, dass es im ersten Wahlgang eine Mehrheit für einen der beiden geben wird“, prophezeit sie: „Und was dann?“ Aus der Situation kämen weder Pein noch Kienscherf unbeschädigt heraus: „Zu dieser Kraftprobe hätte es gar nicht erst kommen dürfen.“
Diese Zuspitzung konnte auch in mehreren Gesprächen nicht verhindert werden. Die neue Parteivorsitzende Melanie Leonhard, der bisherige Fraktionschef Andreas Dressel und Ksenija Bekeris, die als dienstälteste stellvertretende Fraktionsvorsitzende das Amt kommissarisch ausübt, hatten erfolglos versucht, den Konflikt zu lösen. Auf beide Kontrahenten hätten sie „eingewirkt, doch noch mal nachzudenken“, berichtet ein Abgeordneter – ohne Ergebnis.
In der Hamburger Bürgerschaft hat die SPD-Fraktion 59 Mitglieder, darunter 27 Frauen.
Fraktionsvorsitzender war seit 2011 Andreas Dressel (Kreisverband Wandsbek).
Die drei Stellvertreterinnen sind Ksenija Bekeris (KV Nord), Martina Friederichs (KV Altona) und Monika Schaal (KV Eimsbüttel). Parlamentarischer Geschäftsführer ist seit 2011 Dirk Kienscherf.
Milan Pein ist seit 2015 Bürgerschafts-Abgeordneter.
Das einzig Positive an der verfahrenen Lage sei, „dass Dirk und Milan pfleglich miteinander umgehen“, bestätigen mehrere Stimmen aus der Fraktion. „Es gibt keine persönlichen Verletzungen.“ Beide konkurrierten um einen Posten, der Verlierer wolle sich sportlich mit einer Niederlage abfinden, Nachkarten sei nicht zu erwarten.
„Wer’s glaubt“, spottet eine Abgeordnete und erinnert an die Rechts-links-Konflikte in der Fraktion 2004. Damals hatte der Parteirechte Michael Neumann aus dem Kreis Mitte den Fraktionschef Walter Zuckerer, einen bekennenden Linken aus Altona, herausgefordert und mit 21:20 besiegt. Es folgte ein jahrelanger fraktionsinterner Kleinkrieg.
Angekratzt sind denn auch schon Leonhard und Dressel. Der Parteivorsitzenden und Sozialsenatorin sprechen einige Abgeordnete das Recht ab, sich in Faktionsinterna einzumischen. Dem bisherigen Vorsitzenden werfen manche vor, sich nicht rechtzeitig um seine Nachfolge gekümmert zu haben.
Das ist nur bedingt richtig. Auf der entscheidenden Sitzung vor vier Wochen hatten Bürgermeister Olaf Scholz, dessen Nachfolger Peter Tschentscher, Leonhard und Dressel sich auf Milan Pein als Fraktionschef verständigt – ohne Dirk Kienscherf, den Wunschkandidaten und Gefolgsmann von Johannes Kahrs, zu berücksichtigen. Seitdem brodelt es in Partei und Fraktion, und am Montag könnte die Eruption folgen.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Rechtsextreme Gewalt
Drei Monate Deutschland
Kulturkampf von rechts
Nazis raus aus den Regalen!
Verkehrsminister wollen Kostensenkung
Luxusgut Führerschein