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Weniger arbeiten als man willEin Traumjob

Anspruch auf einen Job per Bundesteilhabegesetz zu haben, heißt nicht, ihn zu bekommen. Auch wenn mal alles passt. Und das kommt nur sehr selten vor.

Nicht alles macht Spaß. Aber Pappe zerreißen beispielsweise kann ein schöner Job sein Foto: Salvador Bahia Brazil/imago

M ein Sohn Willi ist zur Zeit arbeitslos. Neulich hat er ein Praktikum gemacht. Die Arbeit war sehr abwechslungsreich und alles dort im Betrieb ist ganz auf den einzelnen Menschen abgestimmt. Diversität wird gelebt und die Kantine ist super.

Außerdem gehen sie während der Arbeitszeit regelmäßig an die frische Luft. Falls jemand eine Pause benötigt, gibt es einen separaten Raum zum Hinlegen und immer freitags wird vor Ort musiziert.

Was jetzt wie ein Job bei Google klingt, ist aber in Wirklichkeit ein Platz in einer Tafö. Das bedeutet Tagesförderstätte und das ist der Ort, an dem die Menschen beschäftigt werden, die für die Behindertenwerkstatt zu behindert sind. Ein Tafö-Platz ist allerdings ähnlich schwierig zu bekommen, ein Job wie bei einem Techgiganten im Silicon Valley.

Wenn es um Wohn- oder Arbeitsplätze für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf geht, muss man entweder sehr viele Einrichtungen über sehr viele Jahre sehr anbetteln (die dann vielleicht nicht mal gut sind), oder man hat das irre Glück, genau im richtigen Moment am richtigen Ort anzufragen und kein Kind mit einer hochgradig stigmatisierten Behinderung wie Autismus zu haben.

Obwohl unser Bundeskanzler sagt, wir sollten mehr arbeiten, meint er damit nicht Willi. Der würde gerne arbeiten, darf aber nicht

Willi hat auf diese Art einen tollen Platz zum Wohnen bekommen, dafür aber leider seinen geliebten Arbeitsplatz verloren, weil der Weg für die Beförderung zu weit war. Wenn Willi unbeschäftigt ist, ist er nicht etwa untätig. Im Gegenteil: Ein gelangweilter Willi hat einen enormen Tatendrang und man kann nur hoffen, dass der Hausmeister nicht noch einmal den Akkuschrauber auf dem Flur stehen lässt.

Obwohl unser Bundeskanzler sagt, wir sollten mehr arbeiten, meint er damit nicht Willi. Der würde gerne arbeiten, darf aber nicht, weil er kein Arbeitnehmer im Sinne einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ist und zerschraubte Möbel möchte man auch nicht ständig haben. Ein Arbeitsgeber ist Willi auch nicht, obwohl er eine Menge Arbeit verursacht.

Erwerbstätig wird Willi auch nie sein, denn behinderte Menschen erwerben weder in der Werkstatt noch in der Tagesförderung Geld mit ihrer Arbeit. Willi ist vielmehr einer der Kostenfaktoren im sozialen Bereich, von denen Herr Merz oft spricht. Ein blödes Gefühl.

Viele Mütter würden übrigens ganz gerne zur Abwechslung mal für Geld arbeiten gehen, können das aber aufgrund ihres „Ich habe ein behindertes Kind ohne verlässliche Betreuung-Lifestyles nicht.

25 Schrauben, 25 Löcher

Am Ende von Willis Praktikum war übrigens klar: Sägen und Spazierengehen hat ihm nicht gefallen. Pappen zerreißen und Mittagessen hat ihm gut gefallen. Sein Traumjob war aber Folgender: Eine Unmenge großer Schrauben musste in Paketen zu jeweils 25 Stück verpackt werden. Weil Willi nicht zählen kann, durfte er die Schrauben in ein Brett mit 25 vorgebohrten Löchern stecken.

Diese Arbeit hat ihn so fasziniert, dass er am Musikfreitag nicht mal in den Partyraum gehen wollte. Willi will den Job! Auch die Einrichtung möchte Willi! Ein Sechser im Lotto! Leider muss aber alles, worauf ein Mensch laut Bundesteilhabegesetz Anspruch hat, trotzdem erst beantragt und bewilligt werden in unterbesetzten und völlig überlasteten Behörden.

Die Tagesförderung wird nur genehmigt, wenn auch eine Bewilligung für die Fahrten vorliegt, die aber nur gewährt wird, wenn der Beförderungsdienst Kapazitäten hat usw. Ein zäher Prozess, der bei einem zwangsläufig denselben Impuls wie bei Willi nach drei Monaten ohne Beschäftigung auslöst, nämlich sich auf den Kopf zu hauen.

Schade, dass es für Willi nicht einen Job im Lager direkt bei Würth oder SPAX gibt. Seine Mit­ar­bei­te­r*in­nen müssten ihn nur auf die Toilette begleiten, Blasmusik mögen und rechtzeitig sein Sortierbrett ausleeren. Sonst kippt Willi nämlich die Schrauben wieder raus, um sie danach fein säuberlich zurückzustecken. Für ihn ist der Weg das Ziel – außer beim Spazierengehen.

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Birte Müller
Freie Autorin
Geboren 1973 in Hamburg. Seit sie Kinder hat schreibt die Bilderbuchillustratorin hauptsächlich Einkaufszettel und Kolumnen. Unter dem Titel „Die schwer mehrfach normale Familie“ erzählt sie in der taz von Ihrem Alltag mit einem behinderten und einem unbehinderten Kind. Im Verlag Freies Geistesleben erschienen von ihr die Kolumnensammlungen „Willis Welt“ und „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Ihr neuestes Buch ist das Kindersachbuch „Wie krank ist das denn?!“, toll auch für alle Erwachsenen, die gern mal von anderen ätzenden Krankheiten lesen möchten, als immer nur Corona. Birte Müller ist engagierte Netzpassivistin, darum erfahren Sie nur wenig mehr über sie auf ihrer veralteten Website: www.illuland.de
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