Weihnachtsbäume im Hochsommer: Mein Freund der Baum
Mit Wurzelwerk war gut gemeint, doch wenn aufgehoben auch aufgeschoben ist, endet es meist nicht gut.
M orgens, gegen halb 10 in Berlin. Ich greife nach meinem Schlüsselbund, nehme fix den Müll mit und schließe dann meine Wohnungstür ab. Ich laufe die zwei Treppen hinunter, ich hab’s etwas eilig, Termine und so. Mein Blick wandert im Vorbeigehen durch das halb offene Hausflurfenster in den Hof. Ein klassischer, unaufgeregter Berliner Hinterhof mit Blick auf eine Brandmauer. Der Putz im recht üblichen Gelb gestrichen. Buddelkasten, Fahrradständer, ein etwas unmotivierter Alibi-Kinderspielplatz mit einer Bank.
Da steht er, der jährlich saisonal geschmückte Haus-Weihnachtsbaum, vor ein paar Jahren brav eingepflanzt, kurz hinter den Briefkästen im Berlin-Mitte-Mulch.
Daneben steht, nun leider ganz und gar nicht mehr lebendig, eine kleine Fichte – in einer weihnachtlich roten Plastiktüte, mit Wurzelwerk. Augenscheinlich gab es wohl vielleicht einmal den guten, in der aktuellen Betrachtung allerdings eher bemühten Gedanken, dem kleinen Baum nach seinem Weihnachtskostüm ein weitergehendes Leben zu schenken – eben weil mit Wurzelwerk. Nur, leider wurde er, statt eingepflanzt zu werden, dann doch ausgesetzt, vergessen und ist mittlerweile verdurstet.
Das letzte Weihnachten ist einige Monate her und der Baum jetzt statt mit frischem Nadelgrün, braun. Tot. Mir kommt der alte Song in den Kopf; „Mein Freund der Baum – ist tot …“, von Alexandra aus dem Jahr 1968. Da war ich noch nicht auf der Welt. Der kleine Baum inzwischen auch nicht mehr. Schade. Ich nehme das als Ohrwurm noch eine ganze Weile mit. In Gedenken an die kleine Fichte sozusagen.
War bestimmt erst einmal gut gemeint und sicher auch besser fürs Gewissen. Der Baumkauf irgendwann im letzten Jahr, im Baumarkt des Vertrauens, „mit Wurzeln bitte!“. Gut gemeint ist eben selten wirklich gut.
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